Zu Hamburger Aufführungen

Daß es den Bühnen an Regisseuren mangelt, ist keine neue Feststellung. Heutzutage pflegt eben auf drei Inszenierungen nur höchstens ein Treffer zu kommen. Ob klassisch, ob modern – die Unsicherheit scheint überall gleich groß zu sein. Da ist den Hamburgern der Regisseur Franz Reichert erschienen. Er setzte, was er schon in Berlin getan, die Werfelsche "Komödie einer Tragödie", nämlich "Jacobowsky und der Oberst", in Szene. Und da Paul Fechter bereits in der "Zeit" dies Stück anläßlich der Berliner Aufführung analysiert und nach Verdienst gewürdigt hat, sei hier nur unterstrichen, daß Werfels Werk, obwohl mehr Bilderfolge als Drama, packend und bühnenwirksam ist: das Werk eines Dichters. Wieso aber spielt Hans Hermann-Schaufuß, was er schon in Berlin getan, den Jacobowsky wie eine kleinstädtisch behagliche Spitzweg-Figur – sagen wir: irgendwoher aus Mitteldeutschland? Der wirkliche Jacobowsky, wie Werfel ihn meinte, ist zwar sanft, aber nicht biedermeierlich, nicht kleinbürgerlich, er ist zwar, heiter, aber von hintergründiger, melancholischer Heiterkeit. Er ist aus dem jüdischen Volke einer, der über den Nationalitäten steht, klug, aber zugleich von naiver Herzlichkeit, optimistisch, aber zugleich skeptisch. Seine treffenden, ganz aus jüdischem Witz geschärften Sentenzen klangen jedoch fremd aus dem Munde des Schauspielers Hermann-Schaufuß. Spürte er’s nicht oder hat er sich nicht getraut, ganz echt zu sein? Er nicht oder der Regiesseur nicht? – Das Stück, das die Flucht des Jüdischen Kaufmanns – und des polnischen Obersten vor den heranrückenden Deutschen in Frankreich schildert, ist während des Krieges geschrieben. Darin liegt seine Stärke (die plastische Schilderung der Not), aber auch seine Schwäche, denn zuletzt tritt der Nationalitätenwahn – so prächtig ihn Werfel Szene für Szene ironisiert hat, – gleichsam wider Willen des Dichters so kraß in Erscheinung, – daß man sich an diesen Stellen die Kritiklosigkeit des Publikums (im "Theater der Jugend") eben nur durch die Feststellung erklären kann: die geistige Unsicherheit allgemein; ist heute adäquat der künstlerischen Unsicherheit, die man an manchen Theatervorständen beobachten kann.

Ceterum censeo: Es muß ein wirklicher Regisseur mit möglichst großen Vollmachten ans Staatstheater Hamburg Wir hören, man ist an dem Kölner Intendanten Maisch interessiert; es wurde gemeldet, daß Hilpert Frankfurt verlassen will, wir wissen, daß er bereit wäre, nach Hamburg zu kommen. Warum zögert man?

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Im Thalia-Theater, das seinen oft gerügten künstlerischen Tiefpunkt überwunden zu haben scheint, hat Hans Tügel Zuckmayers "Hauptmann von Köpenick" inszeniert: frisch, straff, liebevoll. Lebendiges Theater und zugleich eine wundervolle Parodie aller Narrheiten, die alleweil begangen zu werden pflegen; wann und wo immer Uniformen regieren. Wer je Kasernenhofdunst gerochen hat, fühlte sich wenigstens pest festum ein wenig gerächt. Und darüber hinaus gab Willy Maertens, der den Hauptmann - Schuster Voigt spielte, das menschlich wahre Bild eines Mannes, den nicht nur die Umstände, sondern die innere Not treibt, ein Husarenstück zu wagen, das seine Pointe in kräftigem Gelächter fand, in historischen Gelächter.

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In der "Jungen Bühne" wollte und wollte kein wirkliches Gelächter aufkommen, obwohl die Uraufführung einer "Komödie" von Theo Lingen und Franz Gribitz auf pikante Unterhaltung des Publikums zielte. Sonderbar! Wenn ein so witziger Schauspieler wie Lingen ein Stück schreibt, sollte man denken, daß einer, der weiß, an welchen Stellen sonst die Leute zu lachen pflegen, eigentlich nicht irren könnte: Nun zeigt sich aber, daß dieses Verfahren vielleicht genügt, die Leute zu kurzem Kichern und knappen lachartigen Salven, doch durchaus nicht zu wirklichem Gelächter zu bringen. – Das Stück (der Ordnung halber sei’s gesagt) hieß: "Theophanes" und war; kein Irrtum des flotten Regisseurs Fritz Brauer, der mit Erfolg auf Tempo und Schmiß bedacht war, sondern ein Irrtum der Theaterleitung.