Unter den Nürnberger Prozessen wird die Darstellung des Falles Nr. "IX" gegen Otto Ohlendorf und andere Angeklagte einen besonderen Platz beanspruchen dürfen. Über zwanzig höhere Polizei- und SS-Offiziere stehen unter der Anklage des Völker- und Rassenmordes; sie werden der Tötung von einer Million Menschen beschuldigt. Wenn man in den Angeklagten nur Landsknechtsführer zu sehen hätte, die von den Leidenschaften des Krieges besessen, sich einem an Wahnsinn grenzenden Blutrausch hingegeben haben, dann könnte man diese Prozeßakten zu den Erinnerungen an viele andere Greuel legen, die sich, in der von Kampf und Grausamkeiten erfüllten Menschheitsgeschichte leider begeben haben. Auf Otto Ohlendorf und die meisten seiner Mitangeklagten jedoch wird man diesen Maßstab kaum anwendete können. In ihnen standen Exponenten einer politischen Doktrin vor dem Richter. Menschen, die sich als Vollstrecker von Befehlen betrachtet hatten, über deren moralische Berechtigung sie entweder nicht nachdachten, weil ihnen das Bewußtsein der Rechtswidrigkeit abging; oder die sich im Konflikt zwischen Gewissen und dem, was sie für ihre Pflicht hielten, für letztere entschieden, weil sie einen staatlichen Notstand für gegeben ansahen. Unter den Nürnberger Angeklagten hat es wohl keine interessantere Figur gegeben als Otto Ohlendorf. Und vielleicht gab es hier auch – obwohl eine solche Feststellung in Anbetracht des noch ausstehenden Urteils gewagt erscheinen mag – seit dem JMT-Prozeß keinen bedeutenderen Richter als Judge Musmanno, den Vorsitzenden im Prozeß gegen die Einsatzgruppen.

Die Anklage wurde mit Schärfe, aber frei von Gehässigkeiten vorgetragen. Sie. basierte auf unzähligen Dokumenten, die die Tätigkeit der Einsatzgruppen beleuchten und über deren Echtheit kein Zweifel bestehen kann. Die Gruppen "A" bis ,,D" sind ein halbes Jahr vor Beginn des Rußlandfeldzuges aufgestellt und den nach Rußland Vordringenden Heeresgruppen zugeteilt worden Sie bestanden aus je 600–800 Mann, die in Sonderkommandos aufgeteilt waren und unter Befehl von Offizieren standen, die-der SS, dem SD, der Gestapo und der Kripo entstammten. Ihre Aufgabe war die Sicherung des rückwärtigen Heeresgebietes unter politischen Gesichtspunkten. Hierunter wurde zunächst die "Liquidation" sowjetischer Funktionäre, von Spionen, Saboteuren und Partisanen sowie die "Durchkämmung" von Gefangenenlagern verstanden. Später, nachdem Hitler die "Endlösung" der Judenfrage befohlen hatte, kam dazu die Ausrottung bestimmter. Bevölkerungsteile, zu denen auch die Zigeuner gehörten. Die Exekutionen wurden durch Erschießungen später auch durch die berüchtigten Gaswagen durchgeführt, in die man die Opfer unter dem Vorwand einsteigen ließ, sie sollten umgesiedelt werden.

Nur wenige Angeklagte stammen aus der Polizei. Die meisten haben aus bürgerlichen Berufen ihren Weg in die hohen SS-Ränge gefunden. Unter ihnen befinden sich ein. Konditor, ein Matrose, ein Gesanglchrer, ein Spediteur, verschiedene Anwälte und Bürgermeister, ein evangelischer Pfarrer. Die Herkunftsorte verteilen. sich auf das Reich. Zwei Angeklagte sind in Moskau geboren. Ohlendorf, Vater von fünf Kindern, ist der Sohn eines Bauern aus Hoheneggelsen in Hannover. Er studierte in Padua, erhielt eine Stellung in der Wirtschaft und war 1938 Leiter der Reichsgruppe. Handel und Ministerialdirektor im Reichswirtschaftsministerium. Der Partei trat er 1925, der SS 1936 bei. Gleichzeitig wurde er Wirtschaftsreferent im SD, den er bald als Sprachrohr der Opposition im totalen Staat auszubauen suchte. 1.939 wurde er Leiter des SD im RSHA. Seine ständige Kritik, sein Pessimismus/sein Eintreten für verfolgte Religionsgemeinschaften wie die Anthroposophen, sein Frontmachen gegen Parteiführer wie Ley, Bormann. Goebbels, Koch, Terboven trugen ihm Tadel und Verärgerung seiner Chefs Himmler und Heydrich ein; von denen ihn der erstere spöttisch den "Gralshüter des Nationalsozialismus" nannte, Während ihn der letztere bei der ersten Gelegenheit zum Osteinsatz "abstellte". Hier wurde Ohlendorf nun – im Range eines Bataillonsführers stehend – zum Werkzeug der gleichen. Politik, die er, noch kurz vorher aufzuhalten gesucht hatte, als er ein Memorandum verfaßte, das die Schaffung eines jüdischen Minderheitenstatuts und eines jüdischen Nationalterritoriums vorschlug. Nach dem Tode Heydrichs, ein Jahr nach Antritt seines russischen Kommandos, wurde Ohlendorf nach Berlin zurückgerufen und zum Generalmajor der Polizei ernannt; Bis Kriegsschluß blieb er ehrenamtlicher Leiter des SD. Außerdem war er Leiter des Amtes III im RSHA und Unterstaatssekretär im RWM. Kurz vor dem Zusammenbruch bemühte sich Ohlendorf – freilich vergeblich. – Himmler zu bewegen, die SS aus ihrem Eid zu entlassen und den Werwolf aufzulösen. Als elfter der wenigen höheren SS-Führer. stellte, er sich den Engländern in Holstein, wurde nach Großbritannien und im Oktober 1941 nach Nürnberg gebracht.

Die Angeklagten verteidigten sich verschieden.. Einige erklärten,/von dem Zweck der Einsatzgruppen nichts gewußt zu haben, andere suchten zu beweisen, daß sie selbst nicht an Exekutionen teilnahmen, sondern lediglich als Fahrer, Dolmetscher, Furiere und in,-ähnlichen Stellungen bei den Kommandos tätig waren. In einigen Fällen, seien Exekutionsbefehle nicht ausgeführt, umgangen oder gemildert worden. Fast alle bezogen sich auf den soldatischen Zwang, unter dem sie standen. Ohlendorf selbst begründete die Notwendigkeit der Exekutionen, die er für seinen Bereich – die in Bessarabien, Czernowitz, Mogilew-Podulski. Jampol, Ananjew, Berezowka, Nikolajew, Melitopol, Marinpol Rostow und auf der Krim eingesetzt gewesene Gruppe. "D" – nicht leugnete, mit dem außergewöhnlichen Charakter der in Rußland entstandenen Kriegführung. Unter anderem erklärte er, daß sich die Luftangriffe der Alliierten auf offene Städte wie Dresden oder das Werfen der Atombombe auf Hiroshima im Prinzip nicht von den Massakern der Einsatzgruppen abhöben und daß die Angeklagten nicht schuldiger seien als die alliierten Führer, die jene Aktionen anordneten oder in die Tat umsetzten. "Moralisch gesehen" – so erklärte Ohlendorf – "vermag ich keinen Unterschied zu machen zwischen Individuen, die unter dem Gesetz des Krieges angehalten werden, Einzelpersonen zu erschießen und solchen, die durch das Auslösen eines Kontaktes eine weit größere Anzahl von Männern, Frauen und Kindern töten oder ihnen auf Generationen hin physische Schäden zufügen."

Das Schlußplädoyer der Anklage, das vom Hauptankläger General Telford Taylor selbst vorgetragen wurde, bezeichnet diese Argumentation als "typisch für die Denkweise eines fanatischen, pseudo-intellektuellen SS-Mannes". Eine solche Auffassung gehe von der Doktrin aus, daß totaler Krieg auch totale Gesetzlosigkeit bedeute. Entscheidend sei nicht der Charakter einer Waffe, sondem die Art ihrer Anwendung. Die letzte Verantwortung für die immer furchtbarere Entwicklung der modernen Waffentechnik liege nicht bei denen, die einen.Krieg beendeten, sondern bei denen, die -ihn begonnen hätten. Die Ausrottung Juden, sei auch keine Antwort auf die alliierten Luftangriffe gewesen, auch wären, diese Angriffe nach der Kapitulation nicht fortgesetzt worden. Kein Angeklagter wage dagegen zu behaupten, daß ein deutscher Sieg über Rußland die Liquidation der Juden unterbrochen haben würde, sie sei keine militärische Notwendigkeit, sondern ein Kriegsziel gewesen.

Soviel ist sicher. Ohlendorfs Schlußwort charakterisiert nicht, nur seine eigene Person, sondem den Zustand einer Epoche; die Ängste und die Hoffnungslosigkeit einer aus dem ersten Krieg heimkehrenden Jugend, ihren Traum von einem – Ideal/seine scheinbare Verwirklichung, den Ansatz zu einem neuen Glauben, die Irreleitung durch den vermeintlichen Führer, den Sturz in seine Weit der Finsternis..

HGSt