Marienborn, die einzige zugelassene Grenzstation an der ost-westlichen Zonengrenze, ist seit einigen Wochen der neuralgische Punkt der Viermächteverwaltung in Deutschland geworden. Die russische Grenzkontrolle; verweigerte plötzlich den Deutschen die Weiterreise, hängte die deutschen Wagen des britischen Militärzuges und schickte sie wieder nach Berlin zurück, Zunächst wurde ein Interzonenpaß verlangt und als dieser später vorgewiesen werden konnte, gab es andere Gründe, die Weiterfahrt zu verbieten. Die Engländer – verzichteten nach allen diesen; Ärgernissen "bis zur weiteren Klärung" auf die Mitnahme von Deutschen. Der einzige deutsche Zug, – der jetzt noch von Berlin nach Westen fährt, wird täglich sechs Stunden in Marienborn festgehalten.

Die Stadt Berlin ist abgeschnitten. Keine Verordnung, keine Abmachung bringt das zuwege. Das geschieht einfach. Und der illegale Zustand, in dem der Deutsche heute lebt wird nirgends augenfälliger als hier, wo die peinlichste Legalität des einen vom anderen als illegal betrachtet, und geahndet wird. Jedermann weiß, worin die Gründe zu dieser Verschärfung der Lage liegen... Und die Maßnahmen der Absperrung Berlins vom Westen, die die wenigen alliierten Züge im letzten Jahr wenigstens äußerlich mildern halfen, sind ein Wesentliches Stück der alliierten Politik um Deutschland. Diese Politik wird unter anderem, mindestens in manchem, was sichtbar wird, in Berlin gemacht. Die Kontrollratssitzungen, die bis zur Londoner Konferenz beinahe belanglos geworden waren und kaum andere Gegenstände als drittrangige Sachverhalte behandelten, sind nun zum Fieberthermometer der Stadt geworden. Nicht nur, daß eine Verschiebung um einen Tag ungezählte Kombinationen auslöst, nein: die Deutschen werden überschwemmt mit Kommuniques über den Sitzungsverlauf und erhalten damit unerschöpflichen Stoff für neue Gerichte. Diese Kommuniques werden mehr und mehr polemisch und die entsprechenden Berichte in der Presse werden immer massiver, natürlich im umgekehrten Verhältnis. zu den sie lizenzierenden Besatzungsmächten. So haben neulich die Franzosen in ihrem Sektor die "Tägliche Rundschau" und die russisch lizenzierten Zeitungen verboten, weil der "TASS"-Bericht dieser Zeitungen dem französischen Militärgouverneur wenig schmeichelhafte Eigenschaften attestierte. jedesmal ist der Tag der Kontrollratssitzungen in Berlin mit Spekulationen darüber angefüllt, ob es diesmal zum ernsthaften Bruch kommen wird oder nicht, und jeder Abend, der einen Bericht bringt, verschiebt die, Ängste Hoch einmal um zehn weitere Tage.

Die Propagandafreudigkeit der Berliner alliierten Gremien nimmt ständig zu. Die Berichte über die Sitzungen der alliierten Kommandantur werden immer mehr zu Kampfherichen über die Auseinandersetzungen der vier Besatzungsmächte. Volks-Kongreß oder nicht, Kulturbund oder nicht, zusätzliches Mittagessen oder nicht, Entmilitarisierung Westdeutschlands oder nicht, Demontage oder nicht, verbotene Plakate oder nicht, zugelassene Veranstaltungen oder nicht, Zulassung entnazifizierter Juristen oder nicht, Volksrichter oder nicht. Die Diskussion der Alliierten in Berlin spielt sich heute in-so breiter Öffentlichkeit ab, daß die deutschen Organe selbst dahinter beinahe Schweigen Verurteilt sind.

Doch sie verstärken einstweilen noch das nervöse Konzert der Informationen und Verlautbarungen. Der Verkehrsdezernent der Stadt, der nichtbestätigte Oberbürgermeister Reuter, gibt bekannt, daß die "Propuske", die Fahrtausweise. der Berliner Fahrzeuge, für die russische Zone, generell von der russischen Administration zurückgezogen sind und nur für Einzelfahrten jeweils, neu auf langwierigen bürokratischen Umwegen ausgestellt werden. Die Versorgung Berlins aus der russischen Zone sieht er von dieser Seite her gefährdet. Der umstrittene Berliner Polizeipräsident Markgraf, den kein Mißtrauensvotum der Stadtverordnetenversammlung aus seinem ihm von den Russen übergebenen Amt treibt, entzieht sich immer weiter einer allgemeinen, immer wieder, Einberufenen und immer wieder abgesagten Pressekonferenz. Die wenigen und überalterten Berliner Richter, die wegen des Einspruchs der sowjetischen Kommandantur nicht durch die entnazifizierten Juristen ergänzt werden dürfen, sind heftigen Attacken in den russisch lizenzierte! Blättern wegen neuer "Klassenjustiz" ausgesetzt und dahinter lauert der laute Ruf nach dem "Volksrichter" und dem "antifaschistischen Laienrichter". Die Vorbereitung zur Jahrhundertfeier der 48er Revolution in der Inselstadt Berlin geht unter heftigen Auseinandersetzungen über die politischen Kompetenzen des "Volkskongresses" und der Stadt Berlin vor sich. Überall aber zieht die Besatzungsmacht mit an irgendeinem der Stränge. Der russische Marschall Sokolowski befiehlt den 18. März zum Feiertag, und schon ist das politische Terrain, das überparteilich sein sollte, okkupiert. Wie unter einer Glasglocke wird in Berlin die Welt zerstritten.

W.