Die politische Situation in Berlin scheint für Außenstehende einen Grad der Verwirrung erreicht zu haben, der kein Beispiel mehr kennt. Einerseits hat eine, sich seit 1945 immer klarer abzeichnende Entwicklung ihr vorläufiges Ende, gefunden: Die Berliner Landesverbände der CDU und LDP sind nunmehr auch organisatorisch aus ihrem Verhältnis zu den beiden "bürgerlichen" Parteien der Ostzone ausgeschieden. Es ist heute offensichtlich daß die im sowjetischen-Sektor erscheinenden und dort lizensierten Tageszeitungen, die "Neue. Zeit" und "Der Morgen", zu einer anderen CDU und LDP sprechen als der, die entweder sich selbst von ihrem Ostzonenverband abgesetzt hat oder abgesetzt worden ist. Auf der anderen, Seite haben sich durch diese Konstellation auf der Insel Berlin im Gegensatz zum gesamten übrigen Deutschland ganz neue politische Koalitionen herausgebildet. In Berlin hat. sich die politische Jugend über Parteigrenzen hinweg zusammengefunden.

Der Zonenvorstand der LDP hatte von Halle aus den endgültigen Bruch mit seinem Berliner Landesverband vollzogen, weil dieser die Politik Dr. Külz in Sachen "Volkskongreß und Blockpolitik" scharf zurückwies. Bemerkenswerterweise durfte sich Dr. Külz, der das unumschränkte Vertrauen der sowjetischen Besatzungsmacht genießt, gerade 21? dieser Zeit einer Unterredung "von historischer Bedeutung" mit dem Chef der SMA. Marschall Sokolowski rühmen.

Die CDU der Ostzone kann ihrerseits zwar noch nicht ein solches, für ihre Aufgaben besonders nuanciertes Geschenk aufweisen, doch es heißt, daß auch dies jetzt nicht mehr lange auf sich warten lassen werde. Grund genug sei vorhanden. Die "Neue Zeit" beeilte sich bereits, zu versichern, daß ein "Schlußstrich unter die Separationspolitik Kaisers gezogen worden ist", indem sich in Berlin die Vorsitzenden der CDU-Landesverbände "geschlossen" für die Beteiligung am Volkskongreß ausgesprochen hätten. Lediglich, daß der Landesverband Berlin der CDU bei diesem "einstimmigen" Beschluß auf Veranlassung des sowjetischen Kontrolloffiziers nicht anwesend war, vergaß die Meldung zu erwähnen.

Dies alles hat zur Folge, daß in Berlin – jedenfalls bei der jüngeren Generation – zum ersten Male seit der Kapitulation freiwillig eine gemeinsame Front der bedrohten Parteien entstanden ist. Die "Jungen Liberal-Demokraten" und die "Junge Union" haben sich mit den Jung-Sozialisten" der SPD in Berlin zusammengefunden, um eine gemeinsame Aktionsgruppe gegen den östlichen Totalitarismus "für Freiheit und Demokrattie" zu bilden. Die "Neue Zeit" und "Der Morgen" versagten sich selbstverständlich jedes Wort über diese Demonstration ihrer jungen Parteimitglieder. Und in den Vorstandssitzungen der Parteien tauchten die ältesten ideologischen Ladenhüter wieder auf. Beide aber, Parteidirektive und presse, waren nicht mehr imstande, wie wohl noch vor einem Jahr, die neue Wirklichkeit zu parallelisieren. Im Berliner Kessel wird die Allmacht der Partei heute in Frage gestellt. Wird den Parteien in der Ostzone durch die sowjetische Besatzungsmacht gewissermaßen von außen her ihre Struktur in Form einer sehr ausgeprägten Glocke aufgestülpt so zwingt in Berlin gerade die bedrohte Freiheit zu einer einheitlichen Haltung. Hoffentlich wird der Entschluß der Berliner Jugendgruppen kein vereinzeltes Beispiel bleiben. K. W.