Nun wird auch in Prag kräftig zu dem Wettkampf aufgespielt, der in Warschau, Budapest, Bukarest, Sofia und Belgrad so triumphal für die Kommunisten ausging. Zweifellos dürfen die Tschechen bei dieser Gelegenheit ein besonderes Interesse der Welt für sich in Anspruch nehmen. Jena Staat, welchen. gemessen an der übrigen Statisterie hinter dem Eisernen Vorhang; auf einer unverhältnismäßig soliden Sozialstruktur ruht, stellte bisher eine Art Kühlung zwischen dem Osten und dem Westen dar. Die nichtkommunistischen Parteien befanden sich nicht vom Start weg In einer hoffnungslosen Lage. Das Gros der Politiker, welche die maßgebende Rolle in der neuen Republik spielten, kam aus dem Westen, darunter so bekannte und angesehene Anhänger westlicher Ideologien wie Benesch und Masaryk. Es kann gar kein Zweifel bestehen, daß diese Politiker, an-ihrer Spitze natürlich Eduard Benesch, ihre Existenz und Art Stellung als geschichtlich exemplarisch auffassen mußten. Aus mehr als einer Äußerung von Benesch und Masaryk ließ sich entnehmen, daß sie eine Musterlösung zu erzielen hofften.

Aber es gibt Gesetzlichkeiten, die sich auf die Dauer auch durch die Autorität angesehenster – Staatsmänner in der tschechischen Politik nicht vollkommen im Hintergrund halten ließen. Neue Wahlen standen in Aussicht, also eine Gelegenheit, das im ersten Rausch der Befreiung gefällte Urteil zu berichtigen, das nach dem zweiten Weltkrieg den Kommunisten 40 v. H. aller Stürmen eintrug. Auf der anderen Seite kann Ministerpräsident Gottwald sich auf die Dauer natürlich nicht verhehlen, daß er am weitesten hinter seinen Kollegen in den Hauptstädten von Warschau bis Sofia nachhinkt. Dabei verschlägt es wenig, ob er diese Erkenntnis sich selber oder einer Mahnung aus Moskau verdankt. Er ist entschlossen, aufzuholen.

Das sind die Grundelemente der offenen Kämpfe, die jetzt in Prag ausgebrochen sind. Den äußeren Anlaß dazu gab der Rücktritt von zwölf nichtkommunistischen Ministern aus dem Kabinett; er war erfolgt, weil Ministerpräsident Gottwald sich geweigert hatte, auf einen Mehrheitsbeschluß des Kabinetts hin dem Innenminister Nosek die Weisung zu erteilen, er dürfe Nichtkommunisten aus dem Innenministerium und der Polizei nicht mehr, entlassen. Staatspräsident Benesch, der aus verständlichen Gründen es nicht zu einem offenen. Bruch kommen lassen will, hatte versucht, sein Regime zu retten, indem er erklärte, er werde den Rücktritt der Minister nicht zur Kenntnis nehmen. Die Massen sind nun auf die Straßen geschickt worden. Es folgen ununterbrochen Resolutionen an den Staatspräsidenten, er solle sich dem Volks willen fügen und den Rücktritt der zwölf Minister annehmen. Ministerpräsident Gottwald würde dann eine neue Regierung bilden, in der "ehrliche Demokraten" aus allen Parteien vertreten sein würden. Auch die traditionell gewordene Verschwörung wurde aufgedeckt. Nach einer gemeinsamen Erklärung des Innenministers Nosek und des Kriegsministers Swoboda sei ein Putschversuche entdeckt wörden, der einen bewaffneten Staatsstreich zum Ziel gehabt haben soll. Premierminister Gottwald erklärte vor den Massen; die tschechoslowakischen Reaktionäre, aus dem Auslande unterstüzt, versuchten die demokratische Regierung zu stürzen.

Noch ist die Krise im Fluß und der Kampf zwischen Kommunisten und Nichtkommunisten nicht entschieden. Es ist auch nicht klar, ob schon jetzt eine endgültige Entscheidung ‚erzwungen werden soll. Über den Ausgang des Kampfes, dürfte am Ende aber, kaum ein Zweifel bestehen. Die Kommunisten werden, genau wie in den anderen osteuropäischen Staaten, sich durchsetzen und die Macht ergreifend Sie werden sich durchsetzen, weil sie auf eine volle Unterstützung von Seiten ihrer Verbündeten rechnen können. Im Gegensatz zu ihnen genießen die Sozialdemokraten und die bürgerlichen Parteien die wärmsten Sympathien der westlichen Demokratien; das ist aber auch alles. Und ihre Anhänger wissen aus Erfahrung, daß zwar ihr Widerstand gegen den Kommunismus und Totalitarismus in Erklärungen und in den Zeitungen gewürdigt und gegen ihre Verfolgung protestiert werden wird. Sie wissen aber ebenso genau, daß sie schließlich ihren rücksichtslosen Gegnern allein gegenüberstehen. Das wissen auch die Kommunisten. Deswegen drang Ministerpräsident Gottwald darauf, vom Staatspräsident Benesch die Einwilligung zur Umbildung des Kabinetts zu erzwingen. Es heißt, die neuen Minister sollen wie bisher Vertreter aller Parteien sein. Und weil nicht alle Menschen Helden sein können, werden, sich genug Anhänger aller Parteien finden, die an einer neuen "Koalitionsregierung" teilnehmen. Sie werden in mehr oder weniger gutem Glauben das zu retten versuchen, was noch zu retten ist. Und so werden sie solange bereit sein, jeden Kompromiß mit ihrer persönlichen Überzeugung zu schließen, bis sie endlich selber unter die Räder gekommen sind. Das war das Schicksal aller, die bisher versucht. haben, durch Beschwichtigung das kommunistische Schwungrad aufzuhalten. A. P. Bobew