Nach hat sich bei uns, keine einbeziehe Ansicht über die Bedeutung des Marshall-Plans gebildet. In Gesprochen zu diesem Thema stößt man ebensooft auf tiefste Skepsis wie auf hochgespannte Erwartungen, die sich aus dem "Dollarsegen" eine schnelle. Wende aller Not und eine baldige Rückkehr zu friedensmäßigen Lebensbedingungen versprechen. In dem folgendem Artikel wird, gestützt auf die bisher vorliegenden Unterlagen und Äußerungen, der Versuch einer realistischen. Beurteilung der im Marshall-Plan gegebenen Möglichkeiten unternommen.

Westdeutschland nimmt im Marshall-Plan eine Sonderstellung ein. In den 16 Ländern, die für das europäische Wiederaufbauprogramm Hilfsleistungen aus den USA erhalten sollen, sind weder die britisch-amerikanische Doppelzone, noch die französische Zone, noch das Saargebiet mitgezählt. Anderseits waren nicht nur Vertreter der Besatzungmächte für diese Gebiete auf der Pariser Konferenz vertreten. Auch in den Voranschlägen von 6,8 Milliarden Dollar für die ersten fünfzehn Monate des Marshall-Plans. April 1948 bis Juni 1949, und in der Schätzung von 21. Milliarden Dollar für seine Gesamtlaufzeit sind de mutmaßlichen Aufwendungen für die wirtschaftliche Unterstützung dieser drei Gebiete bereits enthalten.

In der Bevölkerungszahl der zu unterstützenden Gebiete stehen die drei Westzonen mit 50 Millionen Menschen an erster Stelle vor England, Frankreich und Italien. In den vorgesehenen Aufwendungen für die vier Jahre stehen sie dagegen an vierter Stelle. England wird 5.3 Milliarden Dollar. Frankreich 3,7 Milliarden und Italien 2,9 Milliarden erhalten während für die Doppelzone 2,5 und für die-französische Zone 0,3 Milliarden Dollar vorgesehen sind. Holland folgt als nächstes Land mit 2,5 Milliarden Dollar; sein Anteil ist auf die Bevölkerung gerechnet der höchste. Dies-erklärt sich nicht nur aus den Zerstörungen in Holland, sondern auch durch den stärkeren Anteil der Landwirtschaft an der holländischen Wirtschaft und aus den schweren Schäden, die Hollands Schiffahrt zu tragen hat.

Die umfangreiche Nahrungsmittelhilfe, deren Westdeutschland nach dem Fortfall seiner ostdeutschen Überschußgebiete und wegen der Erschöpfung der Böden bedarf, steht im Vordergrund der Sachleistungen, die im Rahmen des Marshall-Plans und in Fortsetzung der bereits seit der Kapitulation geleisteten Unterstützung veranschlagt sind. Westdeutschland soll mehr als 10 Mill. t Getreide, darunter. 7,5 Mill. t Brotgetreide erhalten. Auch Bette und Öle, Zucker und Fleisch, Tabak, sowie Düngemittel zur Verbesserung, der eigenen westdeutschen Erzeugung sind im Marshall-Plan vorgesehen. Dennoch wird, nach einer Darstellung des USA-Außenministeriums, der deutsche Lebensstandard auch im letzten Jahr des Marshall-Plans weit unter dem Vorkriegsstand liegen; Der Zucker- und Tabakverbrauch wird 1951/52 voraussichtlich 70 v. H. des Vorkriegsverbrauches erreichen, für Fleisch wird 60 v. H., für Fett, Öle und Käse 40 v. H., für Eier 16 v. H. für Kaffee 15 v. H., für Kakao 20. v. H. und für Tee 20 v. H. erwartet. Übrigens werden auch für das gesamte Westeuropa vom Außenministerium Zweifel geäußert, ob während der Laufzeit des Marshall-Plans. der Vorkriegslebensstandard in Europa wieder erreicht werden wird. Nur für die glückliche Insel Island heißt es, daß sie wahrscheinlich einen höheren Lebensstandard als vor dem Kriege erhalten werde – wobei sie mehr als bisher aus Europa kaufen unddafür zur Fischversorgung Westeuropas beitragen soll.

Neben der Sicherung einer Mindesternährung kommt den ausländischen Zuschüssen an Rohstoffen besondere Bedeutung zu. Dabei sind sogar gewisse Kohlenlieferungen, vor allem für die französische Zone, mit Unterstützung des Marshall-Plans vorgesehen. Es dürfte sich jedoch wohl hauptsächlich um Austauschlieferungen aus Verkehrsgründen handeln, denn die westdeutschen Kohlenexporte werden ausdrücklich als wichtigster Beitrag Deutschlands zum europäischen Wiederaufbauprogramm bezeichnet. An Eisen und Stahl ist beabsichtigt, vor allem in den ersten Jahren Westdeutschland größere Mengen zur Verfügung zu stellen, um eine schnelle Erholung der deutschen Produktion zu ermöglichen. – In den ersten fünfzehn Monaten sollen die Doppelzone 3,8 und die französische Zone 0,9 Mill. t an Eisen und Stahl erhalten. Auch die Bereitstellung von 20 000 Güterwagen in diesem Abschnitt und später weiterer, 6000 Güterwagen wird dieser Aufgabe dienen ebenso wie die Lieferung von 15 500 Lastkraftwagen für die zwei Zonen im ersten Abschnitt, Schließlich sind Erdöl und Baumwolle sowie Bergbau- und eine Reihe von anderen. Maschinen vorgesehen.

Neben der Erwähnung von Kohle ab wichtig-, stein deutschem Beitrag für den Wiederaufbau Westeuropas! ist aus den bisher vorliegenden Auszügen aus den amerikanischen Aufstellungen über die von den einzelnen europäischen Ländern zu erwartenden Leistungen noch nicht zu ersehen. worauf das Schwergewicht für Westdeutschland liegen wird. Es würde jedoch den wirtschaftlichen Gegebenheiten entsprechen, wenn mit fortschreitender Erholung in Westdeutschland das industrielle Fertigprodukt stärker in den Vordergrund rückte. Das bereits sehr lebhafte Interesse der deutschen Nachbarn an diesen Produkten läßt ebenso darauf schließen wie ein Rückblick auf den deutschen Beitrag zur europäischen Versorgung vor dem Kriege.

In einer Untersuchung des Kieler Instituts für Weltwirtschaft von Dr. Roman Muziol über "Europäische Außenhandelsverflechtung und Marshall-Plan" wird darauf hingewiesen, daßsich "Marshall-Plan-Europa weitgehend mit den strukturellen-Merkmalen Industrie-Europa deckt", da (mit Ausr nahme der Tschechoslowakei alle europäischen Industrieländer im Marshall-System vertreten seien. Es ist eine bekannte Eigentümlichkeit von "Industrie-Europa" (worunter zehn hochentwickelte Industrieländer verstanden werden), einen, wesentlichen Teil ihres Außenhandels "unter sich, abzumachen". Verglichen mit so gewaltigen Wirtschaftseinheiten wie den Vereinigten. Staaten oder der Sowjetunion muß ja ein Teil des "Außenhandels" der europäischen Länder untereinander heute eigentlich als "europäischer Binnenhandel" gewertet werden. Das gilt besonders für die industrielle Gruppe, die das wirtschaftliche Gewicht der Marshall-Plan-Gruppe in Europa stellt. Die Gesamteinfuhr dieser Länder (wobei. Deutschland in seiner Vorkriegseinheit mitgerechnet werden mußte) betrug 1938. rund 12,2 Milliarden Dollar, die Ausfuhr etwa 9 Milliarden Dollar. Rund die Hälfte der Einfuhr und fast zwei Drittel der Ausfuhr wurde im europäischen Bereich getätigt.