Von Adolf Frise

Das schlichte, dem 18. Jahrhundert entstammende Châlet der Familie L. in Genf liegt unmittelbar über dem weich nach Süden ausgebuchteten idyllischen Ausläufer des Lac Léman, von dessen Ostufer auf der Gegenseite der strahlend weiße Block des früheren Völkerbundpalastes herüberglänzt. Dort war es, wo ich die beiden jungen Franzosen kennenlernte, durch die mir eine unerwartete, aus dem Impuls der Nähe und einer spontanen Improvisation geborene Begegnung wider-, fuhr. Sie waren beide mit mir zu Tisch gebeten, und es bedurfte, da wir schnell in ein Gespräch kamen, kaum eines Nachdrucks, um sie, ein wenig gegen die mit Anmut gewahrte, aber doch als durchaus konventionell spürbare Etikette des Hauses, zum Bleiben zu veranlassen. Der ältere von ihnen, Marcel, wie er von Madame L. und ihren Töchtern kurzweg genannt sein wollte, war genau dreißig Jahre alt. "So und nicht anders wurde ich auch im Maquis genannt. Es ist für mich der Ausdruck eines Zustandes, von dem ich annehme, daß er noch eine erhebliche Weile anhalten wird. Monsieur XYZ – wie langweilig! Damit fängt die Erstarrung an, wovor mich Gott bewahr..." Marcel war Maler. "Auch das ist ein Zustand", kommentierte er, sich selbst persiflierend, "eine; stete Variation von Eindrücken und Verrücktheiten, durch die allein man diese traurige Welt erträgt."

Edmond sein Gefährte, fünf Jahre jünger, Medizinstudent mit schriftstellerischen Neigungen bewunderte ihn ob seiner Beweglichkeit. "Er ist wie ein Perpetuum mobile", sagte er einmal leise bei Tisch zu mir, "ein Idol seiner Generation, Leute wie er halten das Leben bei uns in einer wundervollen Unruhe."

"Ich beneide Sie um Ihr Debakel", gestand Marcel; als wir uns nach Tisch zu Dritt auf den Rasen unter die Bäume hockten, indes die Herrin des Hauses uns, absichtlich, wie es schien, für eine Weile uns selber überließ. "Sie haben eine einmalige Chance. Nicht politisch. Davon lohnt sich im Augenblick – und ich weiß nicht, ob man es für Sie bedauern solL – noch nicht zu reden. Ich – will sagen: moralisch, geistig, gesellschaftlich. Dieser gegenwärtige totale Bankrott, den Sie vor uns, vor allen Völkern Europas und nicht nur Europas voraushaben... Ja. ja, Sie haben ihn voraus", wehrte er leidenschaftlich ab, obwohl ich nichts dagegen einwandte. "Er gibt Ihnen; der Jugend bei Ihnen, und das ist das einzige, was heute zählen darf. Aspekte, die anderswo durch eine Unzahl von Gewohnheiten, ganze Barrikaden von Gewohnheiten, Vorurteilen. Konventionen versperrt und vernagelt sind."

"Uns ist die Zukunft versperrt."

"Für den Augenblick, mein Lieber."

"Er dauert bald drei Jahre. Ja, noch länger."