"Wir kommen",so stand es im vergangenen Sommer mit roten Lettern auf jenen weißblauen Plakaten zu lesen, die über Nacht an den Ruinenmauern Münchens klebten. Die "Bayernpartei" kündigte ihr Auftreten an. Ihre Parole war ein "Gaudi", und ganz München lachte. Diese Haltung hat sich jedoch im letzten halben Jahr gründlich geändert. Die Partei, bei deren Geburt die Witzblätter an Stelle der politischen Tageszeitungen Pate standen, ist "gekommen", In München ist wieder Bewegung.

Stärkere Beachtung, als die demagogischen Entgleisungen ihrer Redner verdient das Programm der Bayernpartei eines der erstaunlichsten Dokumente unserer Zeit. Hier mündet der Föderalismus unverhüllt in Partikularismus. Die Bayernpartei fordert einen lebensfähigen bayrischen Staat mit eigener völkerrechtlicher Vertragshoheit, die Berufung eines Staatspräsidenten und die Schaffung eines bayrischen Staatsangehörigkeitsgesetzes. Trotz oder villeicht auch wegen alledem wäre die Bayernpartei wahrscheinlich bestenfalls ein Heimatverein geblieben, wenn nicht politische Geister erkannt hätten daß die Devise "Bayern den Bayern" ein kaum zu übertreffendes Lockmittel darstellt, das wie ein stetig kräftiger werdender Wind das blau-weiße Fahnentuch bauscht. Die Bayernpartei stützt sich weniger auf Überzeugte als auf Mißgestimmte. Um diese sind nun einmal im Nachkriegsdeutschland in der Überzahl.

Der erste, der den Sprung von der CSU zur Bayernpartei wagte, war Dr. Josef Baumgartner, bis vor kurzem Landwirtschaftsminister und erbitterter Streiter gegen Frankfurt und Schlange-Schöningen. Sein Eintritt machte die Bayernpartei salonfähig. Die Pöbeleien der ersten Münchner Großkundgebung wandelten sich in sanftere,werdendere Töne. Schließlich stehen Gemeindewahlen vor der Tür, bei denen zum erstenmal die Stimmen der Ausgewiesenen und Flüchtlinge ins Gewicht fallen werden. Wenn Dr. Baumgartner dennoch Kampfansagen herausbringt, und zwar gegen die Reichsparteien, die er zerschlagen will, so liegt das nur auf seiner alten Linie. Landesparteien sind ihm lieber. Er will sie fördern, soweit es in seiner Macht steht. Denn sie sind ihm zugleich eine Waffe gegen seinen alten Parteichef. Dr. Josef Müller, dessen Reichsideen nicht nur er mit Mißtrauen betrachtet.

Die politische Monopolstellung der Christlich-Sozialen Union in Bayern, die immer noch 104 von den 180 Stühlen im Landtag innehat, scheint nunmehr problematisch zu werden. Im Laufe zweier Jahre haben sich die gegnerischen Lager innerhalb der CSU gesammelt und scharf gegeneinander abgegrenzt: nördlich der Donau die Gruppe um den zweimal wiedergewählten Parteivorsitzenden Dr. Josef Müller, genannt "Ochsensepp", auf gesamtdeutsche Ziele eingestellt, und südlich des Stroms die "Altbayern" unter Kultusminister Hundhammer und Staatsminister Dr. Anton Pfeiffer, auf bay- risch-staatliche Vorstellungen festgelegt. Den Ausbruch, der latenten Krise aber verursachte das Auftreten eines neuen Mannes. Am 15.Februar durfte der ersteNachkriegsministerpräsident Bayerns und Mitbegründer der CSU, Staatsrat a. D. Fritz Schäffer, mit Genehmigung der OMGUS wieder ins politische Leben zurückkehren und übernahm von Hundhammer den Vorsitz des CSU-Bezirksverbandes Oberbayern. Zwei Wochen später, am letzten Tag des Monatssprach ihm der Landesausschuß der Partei bereits in aller Schärfe wegen "satzungwidrigen Verhaltens" seine Mißbilligung aus.

Wird Fritz Schäffer den Parteirüffel einstecken, oder wird er, wie angedroht, den gesamten Bezirksverband Oberbayern geschlossen in die Bayernpartei überführen? Die Gleichheit der blau-weißen Grundlinie drängt zur Fusion. Zwei Parteien, die sich befehden, obgleich sie dasselbe wollen, sind auf dieDauer ein demokratischer Treppenwitz. Wie dem aber auch sei: Mit Sicherheit dürften schon die nächsten Gemeindewahlen ein völlig neues Kräfterverhältnis zur Folge haben. Die SPD könnte stärker werden als die verminderte CSU oder die auf deren Kosten bereicherte Bayernpartei. Damit bräche nicht nur die Basis der jetzigen bayrischen Regierung zusammen, sondern zugleich würde die CSU im Wirtschaftsrat ihre Stellung als stärkste Partei einbüßen.

Das sind interne Parteifragen, und – so weittragend ihre Auswirkungen auch sein mögen – die Gefahr in der Entwicklung Bayerns liegt auf einer anderen Ebene. Und diese scheint bereits in einigen Teilendes Landes erkannt worden zu sein, wenn auch unter einem noch zu klärenden Vorzeichen. In einem Aufruf von "maßgeblicher Stelle", der in diesen Tagen von allen fränkischen Zeitungen veroffentlicht wurde, wird die Leserschaft um Stellungnahme zur Bildung einer überparteilichen Arbeitsgemeinschaftzur "Wahrungder fränkischen Interessen" aufgefordert. "Diesen Bestrebungen", so heißt es in dem Aufruf, "liegt ein fränkischer Separatismus fern. Umso weniger aber möchte sich Franken" zum Vorspann eines sich ankündigenden, unverständlichen und rückständigen bayrischen Separatismus machen lassen."

Wer sich als "maßgebliche Stelle"entpuppt, bleibt abzuwarten. Die Befürchtungen aber treffen leider ins Schwarze. Staatsrat a. D. Fritz Schäffer leitete einst die Bayrische Volkspartei. Und das Programm Lallingers weist eine beklemmende Ähnlichkeit mit den Grundsätzen eben dieser Partei auf, deren Geschichte bedenkliche Situationen kennt: offener Separatismus, als 1923 der mit aller vollziehenden Gewalt ausgestattete Staatsrat Dr. v. Kahr Generalstaatskommissarwurde, Versuch zur Wiederherstellung des Rheinbundes und endlich Mitschuld am Hitler-Putsch im November.Und heute wird abermals der Blick nach Westen und Süden dem nach Norden und Osten vorgezogen. Die Parallelität des Falles ist erschreckend.

K. G.