Der Besuch, den Gustaf Gründgens und das Ensemble des Düsseldorfer Schauspiels in Hamburg machten, hat manchen Theaterfreunden. an der Alster die Augen geöffnet. Die Gäste vom Rhein spielten Sartres "Fliegen", wozu ihnen Ida Ehre, die verdienstvolle Leiterin der Hamburger Kammerspiele, als Gastgeberin die Gelegenheit gab. Hamburg – und flieht mir die Kreise, in denen die Snobs zu Hause sind – benahm sich weltstädtisch (insoweit, als dieEintrittskarten horrende Schwarzmarktpreise erzielten; auch hörte man, es seien Billette gefälscht worden, und es gab allerlei Trubel, noch ehe Gründgens im Anrücken war), und zugleich benahm sich Hamburg provinziell, denn selbst wem die "Fliegen" schnuppe, Sartre, der poetisch-philosophische Schreckensmann,vollkommen gleichgültig und derExistentialismus total egal war – er mußte doch dabei gewesen sein, Undda geschah es dann, daß den Hamburgern, die wirklich Wert auf Kunst legen, Zugleich mit dem Vorhang die Augen aufgingen. Sie sahen nämlich: hier wurde Theater gespielt, vollblütiges Theater!

Es ist nicht notwendig, an dieser Stelieüber Sartre zu reden, zumal die Sartre-Feinde uns vorwerfen,die "Zeit" hätte, da sie zuerst über diesen "Modephilosophen" geschrieben, auch ein Stück seiner "Nausée" abgedruckt und dann weiterhin "viel zuviel" über ihn veröffentlicht habe, den "ganzen Rummel angekurbelt". Auch das Erfolgsstück "Die Fliegen" ist zweimal – auf Grund einer französischen Aufführung in Baden-Baden und der Gründgens’-Inszenierung in Düsseldorf – besprochen, worden. Wir begnügen uns daher, den "Ulenspiegel", das satirische Blatt Berlins, zu zitieren, das mitteilte, Sartre selbst habe die Aufführung des Stückes durch den einst als Vorkämpfer Barlachs berühmt gewordenen Jürgen Fehling eine "Sarlach-Inszenierung" genannt, während er das Spiel der Düsseldorfer uneingeschränkt gelobt habe. So ist es denn nicht verwunderlich, daß besonders die Jugend (soweit es. ihr durch nächtelanges Anstehen gelang, ganz reell Theaterplätze zu erhalten) Gründgens – kaum daßer wie der Rattenfänger von Hameln mit den Rache-Fliegen von Argos davongezogen war – Sätze wie "Wiederkommen" zurief. "Wiederkommen" und schließlich sogar "Hierbleiben!" Wobei die Jugend, die neulich erst eine stark modern frisierte und sozusagen überbelichtete Aufführung der "Räuber" im Schauspielhaus gehörig auspfiff, wiederum bewies, daß sie keineswegs immer und überall so gleichgültig ist, wie man es ihr auf allen Gebieten der Kunst und des Lebens vorzuwerfen pflegt.

Ohne Zweifel haben Gründgens und das Düsseldorfer Ensemble die Ovationen verdient. Aber es ist gleichfalls kein Zweifel, daß die Bejahung, die ihm zuteil wurde, eine Verneinung einschließt, die sich gegen das Hamburger Theater richtet, bei welcher Gelegenheit man diegastgebenden "Kammerspiele" nicht nur höflicher-, sondern auch gerechterweise ausnehmen muß. Immerhin, Hamburg als größte Stadt. Westdeutschlands, könnte, wenn es könnte, in seiner größten Bühne, dem "Deutschen Schauspielhaus", größeren künstlerischen Ehrgeiz anstrebenund entfalten. Oder kann es nicht? Diese Frage geht natürlich – das Rätsel um den zukünftigen Intendanten an.

Eingeweihte wissen, daß der wohl beste Mann (als Intendant und Regisseur) zur Verfügung stünde, den es nebenGründgens heute in Deutschland gibt: Heinz Hilpert Eingeweihte sagen, er habe, zu einem informativen Besuch nach Hamburg geladen (der dann doch keine ausreichenden Informationen erbrachte), mehr gefordert, als Hamburg gewähren könne: nämlich Wohnungen für seine Mitarbeiter und sich selbst. Freilich, Dichter pflegen in Wolken zu wohnen, aber gute Regisseure nicht aufihren Brettern, die die Welt bedeuten, zu schlafen. Man sollte sogar meinen: ein Künstler, der nicht nur gut, sondern genial ist, dürfe verlangen, daß man ihm nach Kräften auch die äußeren Umstände für seine Arbeit schüfe. Dies sei recht kostspielig, wendet man ein? Wirmeinen (da schon von Kosten gesprochen wird): ein Mann von den Graden Hilperts würde den Aufwand reichlich wettmachen; wenn man nur ein wenig Aufwand mit ihm triebe. Denn mag auch die kommend? Währungsreform eine finanzielle Theaterkrise bringen (was noch gar – nicht feststeht), so wird, des bestgeführte Theater, das über genügend Plätze verfügt, sich am ehesten krisenfest zeigen. Sehr gut Eingeweihte sagen, man erwöge in Hamburg, das Wohnungsamt fürchtend, eine hamburgische Lösung des Intendanten-Rätsels: Hamburg den Hamburgern! Wie hätte man sich dann aber an den Kölner Intendanten Maisch wenden dürfen, der freilich in Köln zu bleiben wünscht, aber in Hamburg auch nicht ohne Wohnung hätte wohnen können!

Den besten Mann für die größte Stadt. – dies sollte die Parole sein; den tatkräftigsten angesichts der schwierigsten Verhältnisse. Kurz und gut: Heinz. Hilpertl. Josef Marein