Von Werner Heftmann

Ungemein gefiel dem 24jährigen ehemaligen preußischen Gardeleutnant Heinrich von Kleist der Spruch, den er auf seinem Wirtshaus im Schweizer Flecken Thun, wohin er sich Anfang des Jahres 1802 zum Ankauf eines Landgütchens begeben hatte, aufgeschrieben fand: – "Ich komme, ich weiß nicht von wo? – Ich bin ich weiß nicht, was? – Ich fahren ich weiß nicht, wohin? – Mich wundert, daß ich so fröhlich bin." Sechs Jahre später war Kleistens Antwort so genau wie die der etruskischen Alraune in der Hermannsschlacht‘: –, Wo komm ich her? – Aus Nichts: – Wo geh ich hin? – In? Nichts. – In welcher Gegend hier befind ich mich? – Zwei Schritt vom Grab, hart zwischen Nichts und Nichts!" Im ungemeinen Gefallen am sibyllinischen Spruch in Thun spürte Kleist das magische Angezogensein seiner Seele von der dunklen Frage was das Schicksal sei,

II.

Schon die Frage war die Frucht durchlebter Erfahrung. Dieser junge Leutnant hatte schwere Entscheidungen hinter sich. Zwei Jahre vorher? im April 1799, hatte er den Dienst quittiert und diesen Schritt vor sich selber wohl begründet. Er wollte glücklich sein! Glück fand man – gemäß der preußisch-protestantischen Erziehung, den Bildüngsidealen der Antike und der sehr, gegenwärtigen Autorität Rousseaus – in der Tugend. Eine Betonung, eine Nuance kaum, tat Kleist hinzu: "Ich nenne nämlich Glück nur die vollen-und Überschwenglichen Genüsse, die in dem erfreulichen Anschauen der moralischen Schönheit unseres eigenen Wesens liegen. Das eigene Wesen! Das heißt also? Natürlich, es ging um den Begriff der Freiheit! Die Aufgabe der Vernunft des freien Menschen schien vor allem darin zu bestehen, einen festen Lebensplan aufzustellen, um nicht eine Puppe am Drahte des Schicksals zu sein. Denn: "dieser unwürdige Zustand scheint mir so verächtlich und Würde mich so unglücklich machen, daß mir der Tod bei weitem wünschenswerter wäre". Als sich nun Kleists Vernunft an diese Arbeit machte und zur Prämisse der Tugend – der Wahrheit – vordringen wollte, kam der Zusammenbruch. Kants, des neuen Zenon in der Kritik der reinen Vernunft entwickelter Gedanke von der nur relativen Erkenntnisfähigkeit des menschlichen Denkvermögens bedeutete den Zusammenbruch des Kleistschen Lebensoptimismus. – "Wir können nicht entscheiden, ob das, was wir Wahrheit nennen, wahrhaft Wahrheit ist ... Mein einziges, mein höchstes Ziel ist gesunken, und ich habe nun keines mehr." O grausamer Zenon Da war der drohende Zeigefinger, in dessen Richtung am Ende die verhüllte Figur des Schicksals stand! Wie das Aufleuchten der Idee den Denker aufspringen läßt, wie die Erregung des Gefühls den Tänzer in den Wirbel seiner künstlichen Bewegung treibt, so drängt es nun Kleist, den unruhig Gewordenen, ins Weite. Nach Paris soll die Reise gehen. Doch schon in der Vorbereitung wird’s mehr als eine Reise: "Mir flüstert eine Ahnung zu, daß mir mein Untergang bevorsteht." Als einmal diePferde gefährlich scheuen, da steht sogleich die Frage auf, ob ein solch niedriger Tod – und weiter nichts – das Ziel dieses rätselhaften Lebens hätte sein können. An das einmal gefühlte Nein hängt sich dann die Logik mit all ihren nihilistischen Kräften. Und da sowohl dem Wissen wie der Unwissenheit Tugenden wie Laster zugehören, so "mögen wir am Ende aufgeklärt oder unwissend sein, wir haben dabei so viel, verloren als gewonnen". – Aber Gott und die Tugend? – "Wenn die menschliche Vernunft nicht hinreicht, sich und die Seele und das Leben und die Dinge um sich zu begreifen, kann Gott von solchen Wesen Verantwortlichkeit fordern?" – Kleist ist. jung genug, ein Leben der tätigen Sittlichkeit zu versuchen: leben genießen, arbeiten, etwas Gutes tun, schlechthin etwas tun! Die stillschweigende Voraussetzung bleibt natürlich, daß es ekelhaft zu leben ist, auch darum. weil es so schwer ist, dem Bestreben ein wirkliches, lebenslang gültiges Ziel zu setzen. Ekelhaft ist ihm der wissende Mensch, wenn man ihn mit einem handelnden vergleicht...

So finden wir Kleist nachdenklich vor dem Spruch am Thuner Wirtshaus. Bei der innigen Verflechtung seiner Lebensregungen mit den Erregungen des Geistes konnte das Verlangen nach dem Tun nur durch die Kunst bei jedigt werden. Der erste Versuch –, die Familie Schroffenstein – -beließ das Schicksal ganz im Raum der menschlichen jungen und Mißverständnisse Das war, einmal getan, verächtlich. Kein Zweifel – das Schicksal war viel größer! Anonym und unpersönlich muß es auftreten, so wie im "König Ödipus des Sophokles. Schiller hatte seinen Stoff in der ‚Braut von Messina gefunden; Kleist dachte an ein Thema um die Schlacht bei Sempach, in der das Heer Leopolds von Österreich durch die Schweizer Bauern verrichtet wurde. Aber er ließ den Plan bald wieder fallen, da ihm aus einem Heft der Schillerschen ,Hören‘ die Figur des Normannenherzogs Robert Guiskard entgegentrat. Das sollte der große Stoff sein, das Schicksal des Normannenherzogs vor Byzanz, dem der unsichtbare Gegenspieler, die Pest, das Spiel zerstörte. Das später, für den ‚Phöbus‘ redigierte Fragment stellt in äußerster Wucht das ganze Drama vor uns hin: das sterbende Heer, die rivalisierenden Thronfolger und Guiskard und die Pest. Mächtig muß dasStreiten sein, wo solche Männer gegen Schicksal kämpfen. ein gewaltiger Dialog der Kraft des Willens gegen das Nichtgreifbare der Überwelt. Fast schien es zu gelingen; mit dem mächtig-einfachen Denken der Antike an der Seite konnte sich das Unsichtbare zum Partner eines. Dialogs verdinglichen. Ein Thema würdig eines Sophokles. Denn unter dem Götterhimmel Griechenlands und im Weltbild des Aristoteles hätte die Frage nach dem Schicksal gestellt werden können. Oh, Grieche, glücklicher Heros des Schlachtfeldes zwischen Ich und Es! – Unglücklicher Kleist. Tatsache ist, daß er’s nicht schreiben konnte. So sehr er damals – auf einer zweiten Reise in die Schweiz mit Ernst von Pfühl – in einer heißen Freundschaft das Zeitalter der Griechen in seinem Herzen wiederherzustellen suchte, er kam nicht über die unerhörten Fragmente hinaus, die dem weisen Wieland – Tränen entlockt hatten. Und jetzt, da Kleist die Darstellung der antikischen Idee vom Schicksal im Experiment der Kunst nicht gelang, bewies sich ihm der ganze Ansatz seiner Vorstellung als falsch. Der Selbstversuch war nicht gelungen. Die Katastrophe war von neuem da. Sie packte wieder das gesamte Leben Kleists und jagte ihn bis St. Omer und hätte ihn im Heer Napoleons den Tod vor Englands Küste seinen lassen, wenn nicht das Nervenfieber gnädig seinen Sinn verwirrt und alles in das sehen merlicht der Resignation getaucht hätte. So sehen wir einen elenden Kleist im Frühjahr 1804 des Herrn von Köckeritz, dem Generaladjutanten des preußischen Königs, stehen und diese Worte hören: "Sind sie wirklich jetzt hergestellt? Ganz, verstehen Sie mich, hergestellt? Ich meine, ob Sie von allen Ideen und Schwindeln, die vor kurzem im Schwange waren, völlig hergestellt sind?" – Und Klein sagt ja! Kleist – Diätar der Domänen- – kamner in Königsberg!

IV.

Der Sturz war schwer: doch er ermöglichte Kleists einziges Werk, das nicht vom Leben oder Denken infiziert war, das nur im Reich der-Kunst verblieb: den ,Zerbrochenen Knug. Im heiteren Wettstreit mit den Berner Freunden war der Plan vor einem französischen Kupfer entstanden, im glücklichen Sommer: 1803 die ersten Szenen dem Freund von Pfühl diktiert. Nun vollendete es der Müd Gestürzte wie im resignierten Spiel als – Kunstwerk –, als ein künstlich Werk und weiter nichts. Deshalb ist es so ein ewiges, so gegenwärtiges Ding. Es hat mit dem personlichen Drama des Künstler-Denkers nichts zu tun. Es ist nichts als ein realisiertes Kunstwerk, so absichtslos und schön wie eine Delfter Kachel, nichts als ein Ding, Und nur an dieser Stelle konnte es im Gang des Kleistschen Lebens entstehen.