DerStarter auf dem Sportplatz hat es leicht. Alle Voraussetzungen stehen fest: die Teilnehmer Lauf, der Startpunkt, die Strecke und das Ziel. Es kommt nur darauf an, die Läufer gleichzeitig auf den Weg zu bringen, und das weitere ergibt sich von selbst. Nach einem falschen Start hat der Lauf einfach noch einmal zu beginnen, und dabei eilt nicht mehr verloren als ein paar Sekunden. Der Fehlstart ist dann schlimmstenfalls ein kleiner Betriebsunfall gewesen.

Soll dagegen ein: ganzes Volk auf seinen Weg in einen neuen Abschnitt der Geschichte geschickt werden, so ist das ein weit schwierigeres Unterfangen. Die Nachdenklicheren unter den Deutschen und unter den Vertretern der Besatzungmächte des Westens stehen heute vor der Frage, ob es sich nicht bei dem Neubeginn von 1945 um einen "falschen Start" gehandelt habe. Das wiegt um so schwerer, als ein solcher Fehlstatt nicht, wie bei einem Hundertmeterlauf, einfach rückgängig gemacht werden kann. Es führt kein Weg zurück zum Mai 1945, zu den geistigen und seelischen, den politischen und wirtschaftlichen Bedingungen von damals. So gilt es denn, die Voraussetzungen neu zu überprüfen, Irrtümer zu berichtigen und, wenn es nottut, die Richtung zu ändern.

Als die Sieger nach Deutschland kamen, glaubten sie, nach einem Nazi-Deutschland zu kommen. in dem fast nur Nazis existierten und außerdem eine Handvoll sogenannter Antifaschisten. Dieses Bild war aus der Propaganda und nicht aus der Erfahrung entstanden. Und Propaganda ist nun einmal eine Schule der übervierfachungen ein Tummelplatz der terribles simplificateurs. Schlimmer noch: politische Propaganda ist nicht allein in Versuchung, die Politik zu "simplifizieren", sondern auch alles und jedes durch die politische Brille zu sehen, die Politik also zu totalisieren. –

Fest stand im Augenblick des Sieges nur, daß der Nationalsozialismus zusammengebrochen war und daß seine Erneuerung verhütetwerden mußte. Die Alliierten waren entschlossen, ihn durch die Demokratie zu ersetzt, in deren Zeichen sie gesiegt hatten. Sie hielten" die große Mehrzahl der Deutschen, die vermeintlichen "Nazis", für unfähig, am Aufbau der Demokratie mitzuwirken. Als bewährte Demokraten erschienen ihnen dagegen alle, die nach der Machtergreifung aus Amt und Würden entfernt worden waren, sowie die wegen ihrer politischen Gesinnung oder ihrer "Rasse"Verfolgten, nach dem Schema: wer den Nazis nicht paßte, war ein Antifaschist. und wer ein Antifaschist ist, muß ein Demokrat sein. Einschränkung dieser Regel: "Militaristen". "Nationalisten","Junker" wurden von Vornherein der nahen Verwandtschaft mit dem Nazismus verdächtigt. Soweit sie sich mit den nazistischen Führern überwerfen hatten, wurde das zunächst als ein Streit im eigenen Lager angesehen Der Einfachheit halber galt mehr oder minder jeder aktive Offizier als "Militarist", jeder mit einer politischen Gesinnung rechts vom Zentrum der Weimarer Zeit als "Nationalist", jeder, Adlige als "Junker"

Nach, diesem groben Schema wurde die Demokratie in Deutschland "gestartet". Das Sortieren und Kategorisieren begann, jenes diesseitige "Jüngste Gericht" nach äußeren Merkmalen der Zugehörigkeit zu bestimmten Organisationen. In den Fragebogen wurde nun nicht mehr nach den jüdischen, sondern nach den adligen Großeltern geforscht Jedermann mußte sich "entlasten", denn wer die zwölf Jahre außerhalb eines KZ überlebt hatte, konnte kaum hoffen, als Antifaschist anerkannt zu werden und’stand daher zunächst einmal im Verdacht ein Nazi zu sein. Etwas Drittes gab es ja nicht. Bei dem Versuch, die Zukunft einer Nation zu gestalten, wurde die Vergangenheit eines jeden ihrer Bürger, eine äußerliche Fragebogenvergangenheit, zum alleinigen Maßstab gewählt. Man fragte nicht: "Wer bist du heute? Was läßt sich für morgen von dir erwarten?" Man fragte vielmehr: "Wo hast du dich gestern und vorgestern befanden?"Aber bis in alle Ewigkeit wird sich darüber streiten lassen, ob nun eigentlich der Pg von-1933 oder der Pg von 1937 der "belastete" ist, und weder die eine noch die andere Antwort verhilft uns dazu, den Aufgaben von 1948 gerecht zu werden.

Bei diesem Wühlen in der Vergangenheit mußte man bei der Vorvergangenheit enden: bei der Weimarer Generation. Mit den Gescheiterten der ersten Demokratie wurde die zweite Demokratie in Szene gesetzt Mit ihnen und mit den Kommunisten. Wer falsch fragt, erhält falsche Antworten. Natürlich sind die Kommunisten Antifaschisten. Sie waren es sogar, die mit den berüchtigten Methoden der Verwirrungspolitik das Schlagwort vom "Antifaschismus" erfunden haben. Als ob Irgend etwas Endgültiges bewiesen wäre mit dem Ruhm, ein Übel bekämpft zu haben. Man kann sehr wohl, gegen das eine Übel sein, nur weil man für ein anderes, aber eben so schlimmes Übel eintritt. Der Linkstotalitäre ist der Todfeind des Rechtstotalitären, der Kommunist der Todfeind des Faschisten, aber dürfen wir deshalb dem Kommunismus vertrauen? Die positive Auslese kann sich immer nur danach richten, wofür ein Mensch wirkt, nicht danach, wogegen er streitet.