Von Martin Stiebing

Man dürfte nicht irren, wenn man sagt; daß Martin Stiebing in Sachsen, nahe der böhmischen Grenze, geboren – in seinem stark realistisch bestimmten Schaffen vornehmlich; durch seine; Wahlheimat Berlin geprägt wurde. Sein großer Roman "Keiner lebt für sich allein" ist unvergessen. Unlängst erschien in der Schweiz auch der erste-Roman ans dem jüngsten Berliner Nachkriegsleben, den Käutner verfilmen will. Im Christian Wegner-Verlag, Hamburg, ist ein anderer Roman Stiebings in Vorbreitung, der den Autor wiederum als eine der stärksten erzählerischen Begabungen dieser Zeit erweist.

Wenn man in Schwierigkeiten ist, Schwierziner hilft! – das weiß das ganze Viertel. Nur die Geheimrätin wußte es nicht und wohnte doch im selben Haus. Sie sah nur manchmal giftig auf Schwierziners funkelnagelneue Fensterscheiben im Parterre, verdrossen von dem Lärm der Lastwagen und dem Ein und Aus. Daß sie dies erleben mußte: ein Fuhrgeschäft im eigenen Hause!

Schvierziner trug ihr nichts nach. Eine Seele von einem Mann! Man muß ihn einmal erlebt haben, wenn er ordentlich getrunken hat im Hinter- – Stäbchen bei Mutter Stanscheck, wo man Braten und Schnaps, Zigarren und Butter kriegt, alles ohne Marken und soviel man nur will, wenn man das Geld auf den Tisch legt. Auf den Tischen liegt mehrals das lumpige Papiergeld. Packen von Maschinen nadeln, seidene Unterwäsche, manchmal sogar Brillanten. Und immer zwinkert Schwierziner mit den Augen, beim Braten, bei den Brillanten und bei den Mädchen, Hier, bei Mutter Stanscheck, erzählt er auch gern seine Geschichten.

Ich mag Frauen gern – erzählt er –, sehr gern. Versteht sich, die Gattung als solche. Ich leg mich nur nicht gern auf eine einzelne fest, und das macht sich leider auf dem Spesenkonto sehr bemerkbar... Und dann fragt einer zum Spaß nach der Geheimrätin. Worauf Schwierziner lacht: Nee, nee, die Geheimrätin ist drüben hinaus! Bißchen sauertöpfig, wie? Und kann noch verteufelt süßlich dabei tun! Was hat sie sich um das alte Ekel in ihrer Wohnung zerrissen! Na, um diesen alten Schnauzbart, der immer am Stock herumhumpelte und mit jedem sofort aneinandergeriet. Und dabei hat sie ihn doch nur verhätschelt, damit er bloß nicht stirbt, bloß nicht! Weil man prompt doch andere in die Wohnung eingewiesen kriegt, womöglich eine Familie mit Kind! Das alte Ekel aber legt sich trotzdem bin, undgeht hinüber. Von großen Leuten, wenn sie darüber gehen, gibt s massig große Worte, aber das alte Ekel sagte: "Hoffentlich muß man drüben nicht anstehen!" Wie sich nun die Geheimrätin fuchste, weil der Schnauzbart sein Sterbchen machte! Am Abend war sie total zerbrochen so viele Leute hatten ihr die Bude eingerannt. Weiß der Teufel, woher sie Wind bekommen hatten, daß nun ein Zimmer frei war. Der Arzt hatte ihr zugesetzt, er wollte unbedingt den blauen guten Anzug von dem Alten haben. Vom Revier war ein Beamter gekommen, der die Totenmeldung gesehen hatte, und wollte partout die Schuhe haben. Und die Portierschewarscharf auf die Bettwäsche. Der reinste Jahrmarkt...

Und nirgendwo ein Sarg zu kriegen; die Geheimrätin mußte das Holzbett hingeben und die Tür vom Kleiderschrank obendrein. Sie rannte von einem Amt zum andern. Am vierten Tag erbarmte mich die Frau. Ich also die Treppen rauf. Die Wohnung halb leer, die besten Möbel und Teppiche längst verkauft. Und die Geheimrätin so nervös wie ein aufgescheuchtes Huhn und jammert: "Wie kriegen wir ihn bloß auf den Dreieinigkeitsfriedhof?"

"Auf den Dreieinigkeitsfriedhof?", sage ich. "So weit hinaus, wo die Füchse und die Wölfe sich gute Nacht wünschen?" – Aber ich sehe schon, daß die Geheimrätin keine. Ahnung, hat. Im Zimmer liegen lauter schwarze Kleider herum. Und am Tisch sitzt die alte Matzke die immer noch schneidert, trotz ihrer siebzig. Die Matzke dreht die Sachen hin und her: "Ach Gott, ach Gott, voriges Jahr die Russenlöcher, dieses Jahr die Mottenlöcher." Na ja, es waren viele Sachen mit dem Bajonett zerstochen worden. Und jetzt kommen die Leute mit den verlagerten Sachen angeschleppt, und überall sind die Motten drin. Wer weiß, was nächstes Mir für Löcher drin sind.