Die Antigone des Sophokles nach der Hölderlinschen Übertragung für die Bühne bearbeitet von Brecht", so ist der Titel des Stückes, das zum ersten Male im Stadttheater Chur aufgeführt wurde. Man darf von einer Uraufführung sprechen, denn Bert Brecht hat nicht nur ein eigenes kurzes Vorspiel dazu geschrieben, sondern auch so tief laden sophokleischen Aufbau und in die Hölderlinsche Diktion eingegriffen, daß in wesentlichen Stücken eine neue Antigene entstanden istBert Brecht ist dabei nicht den Weg gegangen, den andere moderne Dramatiker, wie Gerhard Hauptmann, O’Neill, Giraudoux oder Anouilh, versucht haben, um die großen Figuren der griechischen Tragödie dem heutigen Verständnis näherzubringen,nämlich durch psychologische Ausdeutung und Differenzierung – im Gegenteil, er, motiviert’ das Handeln fast noch weniger, als Sophokles es getan hat, ausden individuellen Charakteren. Wenn Sophokles Antigene ihren Bruder.Polyneikes gegen das Verbot des Kreon und gegen die Warnung ihrer Schwester Ismene bestattet, so gehorcht sie den Göttern; Wenn Kreon die Antigonestraft, so verficht er-Interessen des Staates, und darüber vernichtet er die eigene Familie. Bert Brecht stellt an diese Fabel die Frage: Was ist daran von so überzeitlicher Bedeutung, daß auch wir es als echt, als wirklich, als zwingend nehmen? In dem Glauben an die Götter, in dem Anspruch des Staates, in dem Wert der Familie sieht er keine Motive; die stark genug wären, die Tragödie zu tragen; radikal und entschieden streicht er sie daher, und er erfinder eine Motivation, die frei ist von "Vorurteilen" und "Illusionen", die andererseits aber beängstigend aktuell ist: Kreon ist durch die Mißwirtschaft seiner Regierung dazu gezwungen, gegen Argos einen Krieg zu beginnen; Polyneikes versucht sich aus dem sinnlosen Kampf herauszuhalten und wird zur Strafe dafür getötet; Antigene bestattet gegen das Verbot – mehr um gegen den Wahnwitz zu protestieren als um eine religiöse Pflicht zu erfüllen; die Nachricht vom Sieg über Argos, die Kreon verkünden ließ, war voreilig: gegen Ende des Stückes wird gemeldet, daß die Argiver die Thebaner geschlagen haben, und ganz Theben sinkt ins Verderben. Die Aktualität dieser Handlung unterstreicht das Vorspiel "Berlin April 1945": Zwei Schwestern kommen aus dem Luftschutzkeller und finden in der Wohnung den Soldatenrock ihres Bruders, der sich aus dem Kampf hat retten wollen. Aber im untergehender Berlin ist er doch noch von der SS erwischt und erhängt? die eine Schwester will ihn vom Galgen abschneiden, die andere wagt es nicht. – So entwickelt sich die Handlung aus einer Art soziologischem Gesetz. unechte Macht wird zu immer neuen Grausamkeiten um sich zu stutzeit, und reißt schließlich alles mit sich ins Verderben.

Die Aufführung, von Bert Brecht selbst und von Caspar Nebel- – inszeniert,dieser hat auch das Bühnenbild entwerfen – vermied alles, was das Gefühl gefällig hätte ansprechen können; in strenger Stilisierung, in karger Deklamation, in stark rhythmisierter Bewegung ging das Spiel seinen folgerichtigen, atembeklemmenden Gang. Helene Weigel als Antigone, sparsam in Sprache – und Bewegung, war vor allem eindrucksvoll. Haus Gaugler steigerte die Figur des Kreon von Szene zu Szene, bis die Bewegungen des Unseligen schließlich zum makabren Tanz wurden. Ausgezeichnet war der Chor: er bestand aus nur vier Männern, die abwechselnd sprachen, sich immer Wieder zu eindrucksvollen Gruppen zusammenfanden. Zweifellos, es war eine große Aufführung, die Zuschauer stark in ihren Bann schlug.