Im Oktober 1947-, am 29. Jahrestag des tschechischen Staates, sagte Benesch, zu den Schülern und -Studenten^seines Landes gewandt: "Am Geburtstag unserer Republik können wir uns nichts Besseres wünschen als eine Jugend, die wie jene Jugend der ersten Republik – ernst und immer bereit, ihr Land zu verteidigen – in einem freien Staat und einer freien Schule aufwächst." Aber dieser Wunsch ist nicht in Erfüllung gegangen. Heute stehen die gleichen Studenten im Maschinengewehrfeuer einer kommunistischen Polizei, wenn sie für die schwer erkämpfte Freiheit demonstrieren, und müssen den Treueid auf die Usurpatoren leisten, wenn sie weiterstudieren wollen. Heute werden die Ministerien, Hochschulen und Verwaltungsorgane von Volksverrätern" gesäubert, wird die Presse "gleichgeschaltet" und die Opposition verfolgt Wieder füllen sich die Gefängnisse und wieder sind Terror, Denunziation, Angst und Verzweiflung das Los der meisten Menschen. Und: Benesch schweigt. Er habe seinem Land das Chaos ersparen wollen, und darum dem Druck der Kommunisten nachgegeben. Aber hatte nicht Hacha sich zehn Jahre zuvor der faschistischen Diktatur mit der gleichen Begründung unterworfen? Und Jan Masaryk, der Träger eines großen Namens, ist weiterhin Außenminister in dem neuen kommunistischen Kabinett, vielleicht, um damit Schlimmeres zu verhüten, wie schon andere bürgerliche Minister vor ihm in Verkennung der Realität zu tun geglaubt hatten.

Es ist seltsam, wie die Vergangenheit in dem Bild der Gegenwart wieder aufsteigt, wie sich noch einmal alles, auch ein Teil unseres eigenen. Geschicks, wiederholt und wie schließlich dort, zwischen Ost und West die Identität von Faschismus und Kommunismus ein und demselben Opfer sichtbar wird.

Es war ganz klar, daß die Tschechoslowakei diesen Weg gehen würde. Wer einmal im Bannkreis, eines totalitären Staates gelebt hat und seine innere Gesetzmäßigkeit kennt, konnte keinen Zweifel daran haben. Daß die russischen Truppen nicht im Lande, sondern an den Grenzen standen, ist dabei ganz unerheblich. Genau wie es Im Nazireich gleichgültig war, ob bei einer Veranstaltung der Gauleiter persönlich da war oder ob er durch eine – Fahne ersetzt wurde, die Ansprachen und Handlungen waren deswegen um keine Nuance anders. Die Tschechoslowakei hatte die fünfte Kolonne im Lande, in Armee, Polizei und in den Gewerkschaften, und damit war ihr Schicksal besiegelt. Es wurde besiegelt im Sommer 1947, als der von den Kommunisten und Nichtkommunisten gleicher-, maßen gefaßte Beschluß, eine Delegation zu den Marshall-Plan-Besprechungen nach Paris zu entsenden, auf den Einspruch Stalins wieder ebenso einstimmig vom Kabinett zurückgezogen wurde. Damals sprach man in den Straßen Frage zum erstenmal von einem "neuen München". Und so wie Anno 1938 hat es wieder nur ein halbes Jahr bis zu der endgültigen Machtergreifung gedauert.

Seit sich in London gezeigt hatte, daß die Großmächte; keine Basis für eine gemeinsame Politik finden konnten; war der Zusammenbruch der Koalitionsregierung in Prag unabwendbar. Die Tschechoslowakei mit ihren engen kulturellen und wirtschaftlichen Bindungen an Westeuropa und ihren freundschaftlichen Beziehungen zu den slawischen Brüdern in Rußland war tatsächlich ein echtes – das letzte – Bindeglied zwischen Ost und West Von allen Staaten der östlichen Einflußsphäre hat wahrscheinlich die Tschechoslowakei Sowjetrußland gegenüber immer die freundschaftlichste Einstellung bewiesen, trotzdem werden auch; dort die östlichen terroristischen Methoden angewandt Sowjetrußland will eben Sklaven und keine Freunde. Es will nicht Zusammenarbeit, sondern Unterwerfung, nicht Vertrauen,, sondern Abhängigkeit, mit einem Wort: unumschränkte Herrschaft, und eben deshalb kann es Rußland nicht dulden, daß in irgendeinem Land seiner Einflußsphäre die kommunistische Partei in der Opposition ist. Sie muß die Regierungspartei sein, sonst kann das System der "Volksdemokratie" nicht funktionieren. So scheint es, daß die neue Form des kalten Angriffskrieges sich unaufhaltsam von Asien in den europäischen Kontinent hineinfrißt, gestern die Balkanstaaten, heute die Tschechoslowakei und morgen Finnland.

Gegen Diktatur und Terror, die einer Naturkatastrophe gleich über die Völker hereinbrechen, gibt es nur eine wirksame Kraft, das Freiheiten Bedürfnis des Menschen. Wer wirklich entschlossen ist, in Freiheit zu leben, läßt. sich nicht unterjochen. Es ist darum heute die Aufgabe der Westmächte, in ihrem Raum die Voraussetzungen für eine. echte geistige und politische Freiheit zu schaffen, sonst könnten, die Sieger und Besiegten von gestern gemeinsam die Sklaven von morgen werden Dff.