Wenn von der Bekleidungsindustrie die Bilanz für 1947 gezogen wird, so muß festgestellt werden, daß der Kampf um die Existenz und die Erhaltung eines ausreichenden Beschäftigungsgrade" nicht leichter geworden ist. Das Jahr 1947 hat die so oft angekündigte "Zweizonenbewirtschaftungsanordnung" für die Textilindustrie nicht gebracht. Wenn auch mit der Einführung der Punktliste nunmehr die britishe Zone gefolgt ist, und auch hier die neue Punktbewertung der Textilwaren seit dem 1. Dezember 1947 in Kraft getreten ist, so kann ein ungehinderter Warenverkehr zwischen den vereinigten Zonen noch immer nicht stattfinden.

Als erfreuliches Ergebnis kann zum Zum Jahresschluß verbucht werden, daß es kurz vorher noch zu einer Bildung einer Arbeitsgemeinschaft der Bekleidungsindustrie der Westgebiete gekommen ist, Es hat lange Verhandlungen mit der Bekleidungsindustrie Süddeutschlands bedurft, bis man zu übereinstimmenden Auffassungen gekommen ist. Im Gegensatz zu der Bekleidungsindustrie in der britischen Zone, die seit Einführung der Gewebekonten einer ständigen eingehenden Kontrolle unterliegt, ist die Wirtschaftsordnung in der Bekleidungsindustrie der amerikanischen Zone freier. Allgemeine und spezielle Einkaufsgenehmigungen gestatten den Einkauf der Ware, ohne daß ein laufend geführtes Konto für jedes Unternehmen ständig Auskunft über die Warenbewegung gibt. Die Bekleidungsindustrie hat in dem System britischen Zone eine Einengung der wirtschaftlichen Bewegungsfreiheit gesehen und sich mit Recht gegen eine Einführung der Gewebekonten gewehrt, solange die zugesagte Errichtung von Konten für die Webereien noch aussteht. Diese Lücke in der Bewirtschaftung, die den von der Bekleidungsindustrie ausgestellten Gewebescheck für die Tuchindustrie zu einem wertlosen Fetzen Papier stempelt, da- er keinen Anspruch auf Einkauf von Rohstoffen repräsentiert, hat sich für die Bekleidungsindustrie unheilvoll ausgewirkt. Mit Hilfe der Gewebekonten ist es den Bewirtschaftungsstellen auf Grund der ständigen Kontrolleder Warenbewegung möglich, einen Druck auf die einzelnen Unternehmen auszuüben, deren Warenabfluß nicht den Erwartungen entspricht. In der garnverarbeitenden Industrie besteht aber nicht der so notwendige Zusammenhang zwischen Warenabgabe an die Bekleidungsindustrie und Rohstoffeinkauf.

Während bis Mitte 1947 ein Ansteigen der Beschäftigungskurve von 30 auf 40 Mill. Punkte registriert werden konnte, mußte in der zweiten Hälfte des Jahres ein Absinken der Produktion festgestellt werden, was nicht zum geringsten Teil auf die Mängel der Wirtschaftsordnung zurückzuführen ist. Verschiedene Programme, die im Mittelpunkt. der Produktion standen, wie das Bergarbeiterpunktprogramm, das Schwerstarbeiter- und das Landarbeiterprogramm sowie Auflagen für die Reichsbahn, Post und Polizei, bestimmten das Produktionsprogramm des vergangenen Jahres. Der derzeitige schlechte Beschäftigungsgrad ist darauf zurückzuführen, daß’ die Programme zum großen Teil abgelaufen sind und von Seiten der Webereien im Hinblick auf die bevorstehende Währungsreform Zurückhaltung in der Warenabgabe geübt wird. Das erste Bergbauprogramm dürfte kurz vor seiner Beendigung stehen, während der Beginn des zweiten Programmes von der Bekleidungsindustrie in Kürze erwartet wird. Die "Stöpselung" zwischen Tuchindustrie und Bekleidungsindustrie im ersten Programm hat für die Beteiligten kein befriedigendes Ergebnis gebracht, so daß nunmehr bei der Durchführung des zweiten; Programms andere Grundsätze maßgebend sind, die den Webereien einen Einfluß auf die Wahl ihrer Kunden einräumen. Im den Lieferungsrückständen der Webereien aus anderen Programmen liegen noch Reserven, die mit der zu ertwartenden Ware aus dem zweiten Bergarbeiterprogramm. sowie der Deckenaktion zur Herstellungvon Kinderanzügen und -mänteln der Bekleidungsindustrie die Möglichkeit geben könnten, in der gegenwärtigen schwierigen Situation, die durch eine Zurückdrängung der Produktion für den zivilen zugunsten des technischen Bedarfs (und der Produktion für für die öffentlichen Bedarfsträger) bestimmt wird, wenigstens einen bescheidenen Beschäftigungsgrad zu sichern. Wenn auch der Anteil der Lohnarbeit von 60. v. H, auf 40 v. H. zurückgegangen ist, nimmt diese Fertigung doch noch einen beträchtlichen Raum in der Produktion der Bekleidungsindustrie ein.

Die Exportbemühungen der Bekleidungsindustrie haben leider noch nicht den erwünschten Erfolg gebracht, während die Spinnereien und die Tuchindustrie einen günstigeren Verlauf ihrer Bemühungen für sich in Anspruch nehmen können.

Diese Tatsache wirkt sich natürlich gerade im Hinblick auf die ungenügende Spinnkapazität sowohl, für die Bekleidungsindustrie als auch für den Normalverbraucher nachteilig aus. Außerdem ist hierbei zu bedenken, daß der Exporterlös für Fertigkleidung doppelt so hoch ist wie für die Meterware. Trotz der Kriegsverluste, die auch die Bekleidungsindustrie erlitten hat, sind bereits wieder ansehnliche Maschinenkapaziäten vorhanden, die in der Lage wären, allen Ansprüchen, die an sie gestellt werden, zu genügen. So beträgt der Maschinenbestand der Bizone rund 85 000 Maschinen, von denen etwa 35 000 auf die britische Zone entfallen. Somit, beträgt der Kapazitätsanteil der amerikanischen Zone knapp: 40 v. H. Die in der US-Zone ansässigen 1200 Betriebe teilen sich ländermäßig so auf, daß der Anteil Bayerns 600 Betriebe, der Anteil Hessens und Württemberg-Badens je 300 beträgt. Für Berlin liegen leider keine Maschinenzahlen vor. In etwa 1500 Betrieben werden dort rund 31 000 Menschen beschäftigt. Die Bekleidungsindustrie der Ostzone umfaßt gegenwärtig 3600 Betriebe, die (ohne Heimarbeiterinnen) eine Maschinenkapazität von rund 40 000 Maschinen besitzen.

Die zur Zeit vorhandene Warendecke ist in jedem Fall zu kurz, um eine ausreichende Beschäftigung zu sichern. Es ist aber für die Existenz der Bekleidungsindustrie von entscheidender Bedeutung, daß nicht allein der Exporterlös der Textilindustrie zur Deckung der Einfuhr von textilen Rohstoffen dient, da ja. von der Textilindustrie nicht nur die eigenen Beschäftigten, sondern auch die anderen Exportindustrien mit Bekleidung versorgt werden. G. P.