Der Präsident der Internationalen Handelskammer, Winthrop W. Aldrich (New York), hat im Dezember 1946 eine Kommission eingesetzt, die unter dem Vorsitz von Arthur Guiness (London) die weltwirtschaftlichen Rückwirkungen der deutschen Situation untersuchen sollte. Sie befand aus Vertretern Schwedens, der Niederlande, Frankreichs, der Vereinigten Staaten, Dänemarks, der Schweiz, Belgiens und Großbritanniens, und sie erstattete im Frühjahr 1947 ihren Bericht. Er unterscheidet sich von allen übrigen Berichten und sonstigen Dokumenten, die sich mit dir deutschen Wirtschaftslage befassen, sehr wesentlich insofern, als er nicht vom Standpunkt der Siegermächte allein, noch vom deutschen Standpunkt allein ausgeht, sondern vielmehr, da er von wirtschaftlichen Autoritäten, aus verschiedenen Ländern – insbesondere den Nachbarn Deutschlands – stammt, nicht der gefährlichen. Einseitigkeit verfällt, die sonst so häufig, je nach den Wünschen, oder Empfindungen der Verfasser, zu finden, ist.

Der Bericht hat nicht die Wiederherstellung der deutschen Wirtschaft allein und in erster Linie zum Gegenstand, sondern die Wiederherstellung und Förderung der europäischen Wirtschaft als Grundlage für den Wiederaufbau der Welt und für einen gesicherten Frieden. Er behandelt ausschließlichwirtschaftliche Punkte, wie den Verlust Deutschlands als Bezugsquelle und als Kunden, und ab eine "Quelle finanzieller Lasten für den englischen und amerikanischen Steuerzahler. Er empfiehlt die Beendigung des Zustande", bei dem die Regierung Deutschlands durch eine Viermächte-Kommission ausgeübt wird, Durchführung einer Finanzreform, Förderung des deutschen Exports, Verfeinerung der Gestaltung der Lebensmittelrationen und Beschaffung größerer Mengen von Verbrauchsgütern, Lösung der Reparationsfrage, Erhöhung der Kohlenförderung, Beteiligung fremden Kapitals am deutschen Wiederaufbau, vorsichtige Bemessung der Zahl der Beamten und Angestellten gegenüber der der Arbeiter und Berücksichtigung der Interessen der Nachbarstaaten Deutschlands.

Der Bericht geht in politischen Dingen recht behutsam vor und legt sich in seinen Empfehlungen, selbst auf wirtschaftlichem Gebiet erhebliche Beschränkungen auf, insbesondere was die Währungs- und Finanzreform angeht. Er beklagt, daß eine Klarheit in grundsätzlichen Fragen der Wirtschaftspolitik bisher nicht zu erreichen gewesen sei, da einerseits darauf – hingearbeitet werde, durch die Dekartellierung die deutschen wirtschaftlichen Zusammenfassungen zu zerschlagen und andererseits durch Nationalisierung und Spezialisierung darauf hingewirkt werde, die deutsche Wirtschaft noch stärker zusammenzufassen, als sie je zusammengefaßt gewesen sei. So verschiedenartige Tendenzen müßten zu beklagenswerten Ergebnissen führen. – Wie Pressemeldungen zu entnehmen ist, hat die Internationale Handelskammer sich auf einer Tagung, die kürzlich in Paris stattfand, neuerdings mit der Lage Deutschlands beschäftigt und die früheren Forderungen nochmals unterstrichen,

Die letzten Monate haben nun den Industrieplan für Deutschland gebracht und die Demontageliste. Der Industrieplan nimmt für sich in An? Spruch, Deutschlands industrielle Produktionsfählgkeit, wie sie im Jahre 1936 bestand, zur Grundlage zu haben. Es ist aber nicht ersichtlich ob und wieweit er die anderen wirtschaftlicher und finanziellen Faktoren berücksichtigt die für die Volks-’Wirtschaft und für die Zahlungsbilanz wesentlich sind, wie Ausgaben und Einnahmen aus Schiffahrt, Versicherungen, ausländischen Investierungen und dergleichen. Es ist zwar allgemein gesagt, daß das Fehlen des Exports derjenigen Industrien berücksichtigt sei, die von der Demontage betroffen werden, Es ist aber keinesfalls klar, ob auch die Importbedürfnisse ausreichend berücksichtigt sind, die durch des Ausfall von demontierten Werken neu entstehen, wie das etwa bei der Edelstahlindustrie in hohem Maße der Fall ist. Das veröffentlichte – Schema läßt lediglich erkennen, daß für den Ausfall in einigen Industrien eine erhöhte Produktion in anderen Industrien zugelassen ist, daß also die Einnahmen aus Exporten sich gleichbleiben sollen. Das würde aber nicht ausreichen, um die durch den Ausfall von Industrien erhöhten Importe zu decken.

Es ergibt sich mit voller Deutlichkeit aus dem Bericht der Internationalen Handelskammer, daß die Sachverständigen, die ihn verfaßt haben, die deutsche Lage wirtschaftlich, aber auch politisch ungemein widerspruchsvoll gefunden haben. Offenbar glauben sie nicht, daß sich aus dem bestehenden Chaos in absehbarer Zeit die Wiederherstellung Deutschlands – im Sinne des notwendigen Beitrags zur europäischen Wirtschaftserholung - - zu erwarten sei. Es ist überraschend, daß sie daraus nur die Konsequenz ziehen, es seien auf verschiedenen Gebieten "nähere Untersuchungen" erforderlich. Vielleicht soll man zwischen den Zeilen; lesen, daß sie die Einsetzung einer großen internationalen – Sachverständigenkommission, wie sie etwa das Dawes- und das Young-Komitee darstellen, für notwendig halten, Diese Forderung ist im Grunde nicht neu. Aus den Erinnerungen des Staatssekretäre Byrnes ergibt sich, daß Churchill bereits in Yalta erklärt hat. er halte, die Einsetzung einer Reparationsuntersuchungskommission für erforderlich, die feststellen solle, wie man Reparationen aus Deutschland herausholen könne "in einer vernünftigen Weise".

Deutschland hat keine Vertretung gegenüber den ausländischen Mächten. Die Parteien, die Gewerkschaften, die Wirtschaftsorganisationen können gegen Maßnahmen wie die Demontage protestieren, und sie tun es. Aber diese Proteste führenimmer nur wieder zu Diskussionen darüber, was berechtigt sei. Es müßte doch allen. Beteiligten im Auslande, wie im Inlande einleuchten, daß eine internationale wirtschaftliche und finanzielle Unterteilung unter Zuziehung neutraler und deutsche? Sachverständiger das allein geeignete Mittel wäre, um die geistige Aufräumungsarbeit zu leisten, die erforderlich ist, um in und außerhalb Deutschlands die Voraussetzungen an Einsicht und Überblick zu schaffen, die unerläßlich sind, um den zu errichtenden Bau nicht in wenigen Jahren neuen Reparatenden auszusetzen. Es sollte: alles denen, die heute – mit Recht – glauben, gegen Demontage und andere Forderungen und Auflagen protestieren zu sollen, nahegelegt werden, diesen Wunsch auf ob- – jektive Prüfung als den nächstliegenden und keineswegs unerfüllbaren in erster. Linie laut werden zu lassen, Dabei muß man sich freilich darüber klar sein, daß es gar nicht leicht sein wird, einen ausreichenden deutschen Beitrag zu liefern. Früher waren in Berlin die Unterlagen und Materialien konzentriert, die einen Vergleich mit der Vergangenheit und Schlußfolgerungen für die Zukunft zuließen, Wie die Archive der Ministerien, das Statistische Reichsamt, das Institut für Konjunkturforschung. Diese Unterlagen sind heute teils vernichtet, teils über ganz Deutschland verstreut. Was man heute in Deutschland braucht, wäre etwas wie das Brookings Institute, das nach dem vorigen Krieg in Washington geschaffen wurde und dessen erstes Ergebnis die Schrift von Moulton und McGuire über Deutschlands Zahlungsfähigkeit war, die die gedankliche und zahlenmäßige Grundlage, für den Dawes-Plan wurde. In den süddeutschen Ländern sind die Vorbereitungen für eine Friedensregelung zusammengefaßt im Deutschen Friedensbüro in Stuttgart. Die Reparationsfrage ist von Senator Harmssen in Bremen und seinen Mitarbeitern ein? gehend geprüft worden, und dabei ist auch das Leistungsvermögen der deutschen Wirtschaft zur Erörterung gekommen und der Entwurf einer Gesamtwirtschaftsbilanz erstellt. Das sind überaus begrüßenswerte Bemühungen, um dem vom Ausland so oft erhobenen Vorwurf zu begegnen, Deutschland lasse es an der Mitwirkung zum Wiederaufbau fehlen. Es handelt sich freilich hier noch um einen von der Reparationsfrage ausgehenden einmaligen Bericht. Der nächste Schritt muß sein, eine dauernde Einrichtung zu schaffen, niemehr so sehr, oder nicht allein, die Reparätions- und andere mit der Friedensregelung zusammenhängende Fragen bearbeitet, sondern als Dauereinrichtung sich der Erfassung wirtschaftlicher Unterlagen, der Erforschung wirtschaftlicher Fragen und der Bereithaltung des Materials widmet, das vorhanden sein muß, um mit einem ausländischen. Gesprächspartner, wie er oben gedacht ist, jederzeit in fruchtbaren Austausch, aber auch in fundierte Diskussion des deutschen Standpunkts treten zu können. Wo die meisten Materialien und die geeigneten Mitarbeiter-bereits vorhanden sind, welche staatlichen Stellen zur Gründung und Erhaltung berufen, oder ob die private Wirtschaft, die Gewerkschaften und ähnliche Organe zu Trägern des Instituts und seiner etwaigen Unterabteilungen zu machen sind – diese Fragen sollten sofort zur Erörterung gestellt und beschleunigt geklärt werden. Die Hauptsache aber bleibt, im Inland wie im Ausland mit nie ermüdendem Nachdruck darauf hinzuweisen, daß die Einsetzung einer internationalen wirtschaftlichen Untersuchungskommission die unerläßliche erste Forderung für eine Klärung der Grundlagen ist.

Paul Leverkuehn