Von Hans Bayer

Die meisten Deutschen (fast alle, die in Berufen arbeiten, in denen es nichts zu kompensieren gibt) verdienen heute so wenig, daß sie das finanzielle Existenzminimum nicht mehr erreichen. Sie müssen das lebensnotwendige verkaufen; um sich das Lebensnotwendigste kaufen zu können. – Wir haben auf den Trümmern Berlins und in den Schutthalden Stuttgarts die Menschen befragt, die auf ihre Karten leben müssen und weniger als 200 Mark Im Monat Verdienen, wie sie überhaupt noch leben können. Dieser Bericht ist das Ergebnis unserer Umfrage,

Die Löhne sind gleichgeblieben. Aber die Preise sind rapid gestiegen. Eine stille Inflation ... Hier ein 40jähriger Straßenbahnschaffner. Er verdient im Monat netto 190 Mark. Er lebt davon mit Frau, zwei Kindern, von denen eines krank und deshalb in Pension ist, und seiner alten Mutter. Die Miete kostet 33 Mark, 15 Mark die Pension für das kranke Kind, 10 Mark die Krankenkasse und 5. Mark die Sterbeversicherung für die alte Mutter; Es bleiben für den Haushalt 127 Mark. Dies bedeutet, daß pro Kopf und Tag 80 Pfennige zur Verfügung stehen. Ein Pfund markenfreier Brotaufstrich kostet eine Mark, ein mittelgroßer Blumenkohl dasselbe. Ein Büschel Mohrrüben 1.20 Mark ... Wie-sollen sie leben? – Ein großer Teil der Arbeiter verkauft seine Zulagen auf dem Schwarzen Markt. Hier eine 60jährige Frau, die allein in Berlin lebt und in täglich acht Stunden Arbeit Trümmer beseitigt. Sie verdient 156 Mark im Monat. Sie verkauft ihre Fischmarken zu 25 Mark und ihre Fleischmarken zu 45 Mark. Dafür kauft sie sich. Brot zu 35 Mark, um nicht zu verhungern. Und dort eine 36jahrige Arbeiterfrau in Karlsruhe, deren Mann noch in russischer Kriegsgefangenschaft ist. Sie hat zwei Kinder, Sie kann deshalb nicht berufstätig sein und hat außer 70 Mark Rente im Monat keine Einnahmen. Sie verkauft ihren Zucker, das Pfund zu 75 Mark, um leben zu können.

Natürlich haben diese Menschen viele Wünsche. Aber es ist seltsam zu hören, wie bescheiden ihre Träume sind, bescheiden und unerfüllbar. "Ein warmes Kleid für meine Frau?". – Endlich den Schuhmacher bezahlen können." – "Ein Bett für mich und meine Frau." – "Ein Leben ohne Furcht."

"Ein Stück gute Seife." – "Keine Zwangsarbeit mehr!" – "Eine, ganze Woche allein in einem Bett schlafen." – "Sich jeden Tag. eine Pfeife stopfen können." Die Berliner hatten auf unsere Fragen nach ihren Wünschen meist nur ein bitteres Lachen übrig. Kinder wünschen sich weniger Spielsachen als Kleider und Wäsche. 64 v. H. der befragten Berliner Mädchen wünschten sich Kleidung, 8 v. H. Bücher, 5. v. H. Süßigkeiten.

Wer leben will, muß essen. – Die Berliner Trümmerfrau: kein Frühstück. Mittags Kaffee-Ersatz und "Stalintorte‘" (trockenes Brot). Abends warm, oft nur Pellkartoffeln. Ein 35 jähriger Schlosser in Stuttgart: Deutscher Tee, Brot; Essen in Werkkantine. Abends Kartoffeln mit wenig Fett und Kaffeesatz geröstet. Gemüse zu teuer. – Ein 48 jähriger Bauarbeiter in Berlin: früh Ersatzkaffee. Tagsüber sechs, abends zwei Scheiben Brot, meist trocken. Eine warme Mahlzeit täglich: Mohrrüben, Kohl oder Kartoffeln in Wasser gekochte

Die Hausfrauen haben keine Freizeit mehr. Kino und Theater-sind meist unerschwinglich. Spaziergänge und Kirchgang werden, als Vergnügungen notiert. Der Sonntag wird verschlafen. Ein Bauarbeiter sagte, in seiner Freizeit schaue er sich "die Trümmer" an. Die meisten sind viel zu müde, in ihrer Freizeit etwas unternehmen zu wollen.