/ Von Walter Persian Die "Zeit" hatte bereits in der Nummer 47/1947 das "Tibetanische Totenbuch" zugleich mit Kasacks modernem Roman "Die Stadt hinter dem Strom," zitiert. Im folgenden Beitrag wird ein wesentlicher Einblick in die Geheimnisse des tibetanischen Buches eröffnet, das, was auch jener, moderne Roman Kasacks beweist, für die heutigen Menschen höchst anziehend erscheint. Der Verfasser Walter Version ist der Leiter der "Buddhistischen Gemeinde Deutschlands",der unlängst von den buddhistischen Mönchen Ceylons in den geistlichen Stand eines Erahamcari aufgenommen wurde.

Wenn man hochentwickelte Kulturen überblickt,zeigen sich drei Merkmale, mit denen die Menschen dem Geheimnis von Leben und Tod gegenüber Stellung nahmen. Erstens, die kirchlichdogmatische Methode der Geheimnislösung durch Offenbarungen; dann die der rationalistisch wissenschaftlichen Untersuchungweise durch die mehr und mehr empirisch und experimentell werdende Naturwissenschaft, und drittens die esoterische Methodik, die das Geheimnis gar nicht lösen will, sondern in seinem symbolischen Erleben ihren Höhepunkt findet. Das Charakteristische für dieses Vorgehen zur Ergründung der Urfrage nach Tod und Leben ist: sie löst nicht, aber sie überwindet das Geheimnis, eben durch das symbolische Erleben und Deuten. Es sollte nicht bestritten werden, daß Symbolik und symbolisches Erleben sowie Deuten als "Näherungsmethode" für die Erkenntnis der Wirklichkeit auch ihre Bedeutung und "Daseins" Berechtigung haben. Immerhin gaben sie, wertvolle Einblicke in die Bestrebungen der Menschheit, den Geheimnissen um Leben und Tod auf die Spur zu kommen. Aber die eigentliche Psychologie des Todes "erspurten"die lamaistischer Mystiker Tibets. Und ihr Totenbuch – der Bardo-Thödol – ist eines der inhaltsreichsten und psychologisch, interessantesten Zeugnisse jener tiefen, weisen Kultur.

Die europäische Titelübersetzung "Das Tibetanische Totenbuch" läßt freilich allzu leicht die Vermutung zu einem Vergleich mit dem Ägyptischen Totenbuch" aufkommen. Die Übersetzung müßte richtiger lauten: "Die Lehre vom Gewinn der Erlösung durch alleiniges Anhören der Schilderungen von den Zwischenzuständen." (‚,Tö pa tsam dschü dol ba tob pä tschöl bar dö"): Dieser esoterische Text wurde erstmalig vor zwanzig Jahren in Europa durch die von W. V. Evans-Wentz veranlagte Herausgabe bekannt. Übersetzer aus dem Tibetanischen ins Englische war der sikkimsche Mystiker und Okkultist Lama Kazi Dawasandup, der durch seinen geistigenLehren den im Himalaja lebenden Einsiedler Guru Norbu, dafür vorbereitet worden war. Diesem lamaistischen Eremiten-soll es gelungen sein, durch Yoga-Konzentrationen das körperliche Empfinden ganz aufzuheben und in die drei Bereiche und Tiefen der "Bardo"-Zustände zwischen Tod und erneutes Leben einzudringen.

Wenn die körperliche Hülle durch Alter oder Krankheit nach lamaistischer Auffassung "fadenscheinig" geworden ist, so daß sie den "fleux vital humain", den "menschlichen, Lebensstrom", kaum mehr zu halten vermag, dann kann auch der beste Arzt den Zusammenbruch der Körperhülle nicht mehr verhindern, weil die Stunde des Sterbens gekommen. ist. Was macht‘s, dem Sterbenden ist die Wiedergeburt gewiß, nachdem er das Bardo-Reich in neunundvierzig Tagen durchschritten hat. Diese Zeitperiode ist notwendig, weil zwischen dem Körpertod des Menschen und seiner neuen Wiedergeburt die drei Bardos – die Zwischenzustände im Augenblick des Todes, des Erlebnisses vom Gestorbensein und dann des Suchens nach einer neuen Wiederverkörperung – liegen. Im ersten Bardo erlebt der Gestorbene noch die Wehklagen seiner Angehörigen und sieht die um ihn Trauernden, bevor er in das Reich der Begriffsverwirrungen abgleitet. Dieser erste der Tschikhai-Bardo (Zwischenzustand im Augenblick des Todes) ist das-Stadium, in dem das metaphysische "Klare Urlicht" dem Sterbenden in ganzer Fülle, gegenübertritt. Da die meisten Menschen infolge ihres früheren Lebens und Wirkens jedoch nicht imstande sind, die Befreiung zu erreichen, treten Trübungen des "Klaren Urlichtes" (ewiger transzendenter Körper des Buddha nach mahayanistischer Auffassung) auf, und es beginnt der zweite Zwischenzustand, der Tschönyid-Bardo, mit seiner Erkenntnis des Gestorbenseins. Gleichsam wie in einem Traum – darum heißt diese Stufe auch auf tibetanisch "Alilam bar do" (Zwischenzustand des Traumweges) – geht der personifiziert zu denkende "fleux vital humain" auf dem Bardo-Pfade weiter, während Visionen und Auditionen des verflossenen Daseins ihn strafend oder lohnend überschatten, bis Schrecknisse und Qualen des früheren Wirkens ihn peinigen. Alles dies sind aber "karmische Illusionen" wie das ganze Leben ebenfalls, nur "Maya", ebenfalls karmische Illusion war und auch der zweite Bardo-Zustand eben eine solche ist. Und jeder wird nach dem Totenbuch darüber belehrt, sich ja dessen bewußt zu bleiben, daß es sich bei all diesen Erscheinungen um Ausflüsse der eigenen Phantasie handelte in denen das frühere Leben sich symbolisch widerspiegelt.

Der personifizierte "menschliche Lebensstrom" wird auch ständig von seinem lamaistischen Eingeweihten ermahnt, nicht an etwaigen erotischenBindungen sich zu klammern, sondern sich abzulösen vom Willen zum Leben. Tiefer und tiefer sinkt jetzt der "fleux vital humain" in dunkle und dunklere Sphären, bis er endlich am Ende des siebenwöchigen Kampfes zwischen Lassen und Fassen eines neuen Lebensfadens – weil noch nicht reif zum Verlöschen, in das Nirwana – in einem möglichst günstigen Mutterschoß einen neuen Geburt entgegenharrt. Dieser dritte Zwischenzustand, der Sidpa-Bardo mit seinem Wiederaufstieg in den Weltenlauf (samsara), zeigt dem Zum-Leben-Drängendenvier Arten von Geburten, und es erscheinen ihm die Visionen von männlichen und weiblichen Wesen in ihrer Vergattung, und wenn er dann trotz aller Ermahnungen der Eingeweihten und aus Fürcht vor den schreckenerregenden Gestalten der "karmischen Illusionen" in einem Mutterschoß, der gleichzeitig befrachtet wird, Zuflucht sucht, dann prädestiniert er sich für eine erneute Wiedergeburt. Dabei spielen die Hinneigungen zum anderen Geschlecht und die Abneigung dem eigenen gegenüber eine wesentliche Rotte. (Ödipuskomplex intibetanisch-lamaistischer Darstellung! C. G. jung kommentierte diese Stelle des Bardo-Thödol wie folgt: die Freudsche Theorie ist der erste abendländische Versuch, gewissermaßen von unten, das heißt Von der animalischen Triebsphäre aus, jenes seelische Gebiet zu erkunden, welches im tantrischen Lamaismus dem Sïdpa-Bardo entspricht. Eine allerdings nur zu berechtigte Metaphysikangst hat Freud daran verhindert. in die okkulte Sphäre vorzustoßen ...") Nach neun Monaten erfolgt dann die Geburt als Mädchen oder Knabe. Diesem Bardo-Gesetz ist nach lamaistischer -Auffassung der einfache. Mensch ebenso unterworfen wie die geheiligten ’Inkarnationen der höchsten Hierarchen, der Pantschen- und Dalai-Lama. – Mit unzulänglichen Worten wurde das "Tibetanische Totenbuch" in diesem Aufsatz behandelt: vielleicht gelingt es uns Abendländern dennoch, etwas tiefer, in diese "Lehre vom Gewinn der Erlösung" einzudringen, sobald die enthaltenen Erkenntnisse. die zum ersten Male im achten Jahrhundert von Padma Sambhava, dem aus Indien stammenden buddhistischen Mönch, schriftlich fixiert wurden und höchstwahrscheinlich auch noch Gedankengut aus der vorbuddhistischen Zeit Tibets, aus der alten Bon-Religion enthalten, zur Klärung unbekannter Seelen-Aspekte in der abendländischen Psychologie heimisch werden. Der innerasiatische Mensch hat früh über den Schritt vom Leben zum Tode nachgedacht und kam zur Erkenntnis, daß es damit nicht endet, sondern daß es Wiedergeburten, – erneute Erdenleben – gibt, bis der "fleux vital humain" geläutert ist und zum Urlicht, das ohneAnfang und Ende und ohne Farbe ist, durchdringt. Nach mahayanistischer Erkenntnis ist dies der Zustand völliger Erlösung. Er läßt sich nicht beschreiben; denn kein Begriff des endlichen Verstandes kann für das angewandt werden, das über diesen hinausführt, und der Europäer kann nur sagen: Ignorabimus...