Von Lovis H. Lorenz

Einer jener Schreibtische, in denen die deutschen Dichter, dem Vornehmen nach, ihre Werke vor der völkischen Freiheit bargen, hat sich als ergiebig erwiesen: der des bisher als Lyriker und Hölderlin-Herausgeber bekannt gewordenen Hermann Kasack. Er hat während des Krieges einen Roman "Die Stadt hinter dem Strom" geschrieben, jedenfalls ein gut Teil davon, und ihn 1946 abgeschlossen (erschienen im Suhrkamp-Verlag. Berlin; eine Probe daraus lernten unsere Leser in Nummer 47/1947 der "Zeit" keinen). Das gespenstige Thema, die darin waltende nüchterne, fast als exakt anzusprechende Phantasie, das beklommene Ringen gegen die Erdenschwere stimmen gut zu der Zeit seiner. Entstehung. Auch ein Bruchstück, wäre es entdeckt worden, hätte genügt, das Manuskript mitsamt seinem Verfasser um die Ecke gehen zu lassen. hinter die er uns gerade einen Blick tun lassen wollte. Zum Glück fand dieses abkürzende Verfahren nicht statt, Kasack blieb auf seine Phantasie angewiesen, und wir sehen uns einem Werk gegenüber, das uns erstens mit grandioser Beschwörungskraft die Welt auf dem andern Ufer vor Augen führt und zweitens darüber belehrt, warum die Sache für uns nicht heiter sein kann.

Ein junger Gelehrter, einfachen, wenn auch nicht unerfahrenen Herzens, wird auf den Posten eines Archivleiters in die Stadt hinter dem Strom herrufen, nimmt befremdet das geschäftige Gebaren ihrer Bewohner wahr, das eher "Übungen" als zweckmäßigem Tun gleicht, trifft lang entschwundene Bekannte wieder, die er hier nicht vermutet hätte, müht sich um die Zusammenhänge, um seinen Auftrag, die er nicht versteht, und begreift in seiner Traumbefangenheit erst spät, was der Lesen längst weiß: daß er sich in der Stadt der Toten befindet, der einzige Lebendige, – Er natürlich ist der Fremdkörper. Die Liebe besser ihm die Aufklärung. Anna, in dem einstigen Leben die Frau eines andern, bricht bei der verspäteten Vereinigung der Liebenden in den Schreckensruf aus: "Du bist ja ein Gespenst aus Fleisch und Blut!" Zum Wissen erweckt, ist er bemüht, in den Mechanismus dieses nachgemachten Lebens einzugreifen; teils in der tapsigen Beschränktheit des Erdenbewohners, so wenn er die Geliebte vor der letztlichen Auflösung im Nichts bewahren möchte; teils in heiligem Eifer, wenn er die vielen Soldaten, die ihres Todes nicht einmal bewußt geworden sind, aus der Maskerade ihres Talmiseins erlöst und sie in die Träume der Lebenden schickt, um diese vor dem Irrsinn des Krieges zu warnen.

Was nun hat es mit dieser Stadt hinter dem Strom auf sich? Mit dieser Stadt unter einem erbarmungslos grellen Himmel (eine alte Erfahrung, daß die Mittagshelle unheimlicher sein kann als die Nacht mit ihren Requisiten von zerrissenem Mondlicht und Windgeklage), der Stadt ohne Kinder (die noch kein ausgeprägtes Schicksal hatten und darum unmittelbar eingehen ins Nirwana), der Stadt ohne Musik (denn das Maß der Zeit und erst recht der Genuß dieses Maßes ist ihren Bewohnern versagt). – Zunächst muß gesagt werden, daß es nicht eigentlich eine Stadt der Toten, sondern vielmehr die der Gestorbenen ist. Eine Zwischenstufe also; der eigentliche Tod, die letzte Auflösung liegen weiterhin. Und es sei hier nebenbei bemerkt, daß die letzte Wanderung der Toten, ihr blätterhaftes Taumeln und Schweben, ihr Zögern und Treiben zu den eindrucksvollsten Visionen gehört, die dem Dichter Kasack in seinem Infernobild gelangen sind. Die Stadt lebt kraft der Erinnerung, die die Landen noch ihren Verstorbenen bewahren; sie ist da, um das Ungelebte, was die Toten einst versäumt haben, zu Ende zu bringen; sie reproduziert schließlich, was im Bewußtsein der Menschen war, als die "Schrecksekunde" ihrem Dasein ein Ende bereitete.

Was stutzig macht, ist die fatale Ähnlichkeit mit den irdischen Verhältnissen, Nur, daß das Drum und Dran, der lügnerische Zauber einer Atmosphäre, die Vorwände und Verkleidungen fortgefallen sind! Da ist das Gehabe wichtiger als die Sache, um die es einmal ging; da wird produziert, um zu zerstören, und zerstört, um produzieren zu können, in wechselseitig sich anfeuernden: Wettlauf. Dieses nachgemachte Leben präsentiert sich als ein hohle, scheppernde Apparatur, und dennoch klammert sich ein jeder daran und fürchtet die Erlösung. Die Ähnlichkeit geht so weit, daß auch die Totenstadt nur aus Ruinen besteht und daß dort unterirdisch gehaust und gewerkelt wird. Prüfung. Läuterung, Fegefeuer Das entzieht sich irdischer Wertung. Strindbergs Vermutung, daß die indischen Verhältnissen selbst schon die Hölle seien erhält hier Unterstützung.

Die Stadt der Gestorbenen ein Spiegelbild der unseren! Der Schluß daraus: Das Dasein an diesseitigen Ufer des Stroms, wie wir es treiben, ist kein Leben, sondern Schattenspiel Gestorbener. Blickt in den Spiegel, und ihr seht Schemen und Attrappen! – Der Dichter Kasack läßt keinen Zweifel daran, daß uns, die wir das Leben bloß nachäffen, Heil nur von drüben kommen kann; sei es durch Abgesandte in unsern Träumen, sei es durch die Erkenntnisse und Gestaltungen, die das große Archiv der Abgeschiedenen-, von dem viel die Rede ist, nach reiflicher Sichtung und Probezeit bewahrt. Die Erzählung drückt diese Ansichtzwanglos aus, indem der junge Gelehrte über den Strom zurückkehrte mit unvergleichlicher Einsicht und Erfahrung begnadet, und als ein moderner Heiliger das Land, durchzieht, lehrend, daß man "heiter seine Lebensbahn ziehen" müsse.

Man soll nun beileibe nicht jeden Satz nach Analogien durchforschen; das hieße auf das künstlerische Eigenleben einer dahinströmender Fabel verzichten, die nicht ohne Stammbaum und Familie Ist: Gustav Meyrinks mystische Spekulation und Alfred Kubins düstere Traumsucht stecken in der Erbmasse. Warum soll nicht auch ein Roman beanspruchen, was der modernen Malerei anstandslos zugebilligt wird: daß nicht jeder Farbfleck und Schnörkel auf seine "Bedeutung" untersucht, sondem willig hingenommen werden, wenn sie nur und weil sie schön und organisch sind?