Aus Rußland mehren sich die Meldungen, daß nach dem Tadel, den die Komponisten Prokofieff und Schostakowitsch "dankbar aufnahmen", weiterhin gegen den "bourgeoisen Formalismus" in der Kunst zu Felde gezogen wird.

Nichts ist sonderbarer als das Schicksal der Kunst in den verschiedenen politisch-ideologischen Zonen der heutigen. Welt. Als die Sowjetunion jung war. nach dem ersten Kriege, war sie das Paradies einer wunderbar jungen Kunst, in dem die Experimente blühten, ein neuerStil mit radikaler Selbstverständlichkeit sich selbst bestimmte, kurz, die "Moderne" in ihrer kühnsten, revolutionärsten Form das Feld behauptete. Damals gab es in jungen künstlerischen Kreisen Deutschlands; so etwas wie eine "Russomanie". Gastspiele des Moskauer Kammertheaters von Tairoff, der "Habima" und anderer Sendboten der künstlerischen Sowjetkultur weckten ungeheures Interesse, lebhafte Sympathien, ja den bewundernden Neid der deutschen Avantgardisten. Denn in Rußland hatte zu dieser Zeit die Moderne das Stadium des Bürgerschrecks überwunden! und war zum anerkannten Ausdruck. der Zeit erhoben.

Zur gleichen Zeit freilich wurde vom deutschen "Bürger" in Gestalt des Bildungsphilisters noch immer zäh die moderne Kunst bekämpft und beschimpft. Und es kam auch auf diesem Wege so weit, daß Adolf Hitler. der vollendete Kleinbürger, endlich verbot, was den Spießer so lange geärgert hatte. Jetzt gab es in Deutschland keine wirklich revolutionäre Kunst mehr, und der Philister triumphierte, Bis. Hitler unterging, und die Moderne sich wieder regen durfte.

Was aber ist derweil im Bande der permanenten Revolution geschehen? wird heute die revolutionäre Kunst, verboten; und es setzt ein verwegenes, verwirrendes Propaganda-Spiel der Worte ein: Was den Bürger immer schreckte, wird plötzlich für "bürgerlich" erklärt. Als Muster der Sowjetkunst aber wird proklamiert, was Andernorts und zuvor (besonders bei uns von 1933 bis 1945) die Wonne des Spießers war der primitive Tendenzschmarren, des zahme Gemütskitsch, die Kunst ohne Zähne- und Klauen, und das "Klassische" was hier nur soviel heißt wie: das allgemein Bekannte, längst Bewährte aus derguten alten Zeit, als der unsowjetische Großvater die unsowjetische Großmutter nahm ... Der Rückschritt als letzter Schrei an der Quelle der Weltrevolutionär. Welch eine Verdrehung des Begriffe: Das Alte als unveränderliches Vorbild heißt von heut ab – "revolutionär", und das Neue, das mit Traditionen bricht, heißt "antisowjetisch". Wo liegt, der Sinn solcher Methode? Man kann ihn nur mutmaßen, wenn man die gleichen Absichten in Erwägung zieht, die wie damals bei uns, so heute bei jenen das Verbot der modernen Kunst heischten Außen die heroische Pose, geprägt von kalter Macht. Aber innen stillt man das Volk mit sanften Melodien. "Schlaf schneller, Genosse", sagte Sostschenko... A. T. H.