Als vor einigen Tagen der Frankfurter Oberbürgermeister Kolb als erster deutscher Fluggast offiziell in Berlin eingeholt wurde, gab es an feierlichem Ort und in nicht ganz so offiziösem Kreis viele beziehungsreiche Worte über das Verhältnis zwischen Berlin und Frankfurt. Die beiden Städte stehen vor einem illustren Jubiläumsdatum, und beide sind nicht wenig bemüht, die Historie für die Gegenwart zu nützen. In Berlin liegt der Termin der 1948-Jahrhundertfeier früher; der Sturm vom 18. März liegt vor dem Maitermin der Paulskirche.

Kleine weiße Plakate von nicht zu unterbietender, Bescheidenheit, in die ein winziger schwarzrotgoldener Block hineinmontiert ist, hängen seit einigen Tagen an den Berliner Litfaßsäulen. Es ist nicht anzunehmen, daß der Frankfurter Oberbürgermeister sie in Berlin überhaupt hat sehen können. Es sind Aufrufe des Berliner Magistrats und der Berliner Stadtverordnetenversammlung an die Berliner Bevölkerung, den Jubiläumstag "im Geiste der Freiheit und Einigkeit für ein Deutschland der Einheit feierlich zu begehen", aber der Festtag hat schon im voraus die politischen Regisseure durcheinandergetrieben. Er soll eine neue politische Machtprobe werden. Wer. nämlich der würdigste Nachfolger derer sei, die am 18. März 1848 in Berlin gefallen sind – das ist. die Streitfrage, die jetzt die Gemüter erhitzt. Unter den vielfältig sich bekämpfenden Gruppen ist keine, die nicht das Recht dieses Erbes voll für sich in Anspruch nähme. Doch diese Einmütigkeit der Ansicht ist auch die einzige, die existiert. Im übrigen wird.Berlin nicht ein Neben- und Ineinander von Gedenkfeiern erleben, sondern ein sehr deutliches Gegeneinander.

Beim Gendarmenmarkt beginnt diese Unterscheidung. Auf ihm sind vor 100 Jahren die tödlichen Schüsse gefallen; er liegt heute im russischen Sektor. Die Erwägung, dort die Gedenkfeier abzuhalten, wurde sogleich von den Kommunisten zur Prestigeaktion erhoben. Demonstration, Marsch durch die Straßen Berlins, Fahnen, Banner, Transparente und dergleichen mehr waren ihre "zeitgemäßen" Forderungen. Wer sich solcher Demonstration ins erkenntlichen Gründen entziehen wollte, wurde sogleich als "Feind des Volkes" erklärt. Mehr als zweijährige Erfahrungen ließen ja den anderen politischen Gruppen, vor. allem den Sozialdemokraten, angeraten erscheinen, auf eine solche laute Demonstration zu verzichten. Es war zu erwarten, daß Lenin und Stalin als die wahren Verwirklicher der deutschen Anliegen von 1848 gefeiert werden sollten. So wird der Gendarmenmarkt den Kommunisten gehören, und es wird von ihnen alles getan werden, um mit Hilfe der von ihnen kontrollierten Organisationen die Fassade einer überparteilichen Aktion aufzurichten. Aber dieser "Marsch auf die Straße", der dem Berliner Kommunismus schon lange fehlt, genügt ihm nicht. Er hat auch den "Volkskongreß" für diesen Gedenktag mobilisiert und zu diesem Zweck mit Hilfe der russischen Besatzungsmacht der Stadt Berlin das einzige für ihre Veranstaltung würdige Gebäude, die Staatsoper, weggenommen, um damit ihr und allen nichtkommunistischen Gruppen den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Es ist kein Zweifel, daß die offiziellen Veranstaltungen der Stadt Berlin dürftiger und bescheidenen ausfallen werden als jene vom totalitären Regime gelenkten, da keine andere Besatzungmacht: sie fördert. Die Stadt Berlin hat alle deutschen Ministerpräsidenten und Landespräsidenten und die Oberhäupter der großen Städte nach Berlin geladen; sie zählt inzwischen eine nicht kleine Reihe von Zusagen aus der amerikanischen und britischen Zone, während aus der französischen Zone die üblichen entschuldigenden Absagen ein treffen und aus der sowjetischen Zone planmäßiges. Schweigen antwortet. Die groteske "Freiheit" der deutschen Politik wird sich an diesem Jubiläumstag in^selten klarer Weise offenbaren. Daß diese einzigartige Chance eines allgemeinen deutschen Zusammentreffens zu zwei getrennten; feindlichen Konventen in der gleichen Stadt führt, das bezeichnet die tiefgreifende Spaltung, die die Weltpolitik in Deutschland bewirkt hat. K. W.