Von Karl N. Nicolaus

Als im Sommer des Jahres 1864 der Oberlehrer an der Friedrich Werderschen Gewerbeschule zu Berlin, Georg Bochmann, vom Besitzer des Verlages Haude und Spener den Auftrag erhielt, "Geflügelte Worte" zu sammeln, wußte niemand, wie sich alles entwickeln würde. Es haben schließlich nicht alle "Zitate" jenen ewigen Bestand wie dasjenige von Goethes "Götz von Berlichingen", und so wurden von Zeit zu Zeit Bearbeitungen nötig. jedesmal flog der "Ballast" über Bord, und "neue" Zitate kamen hinzu. Besonders sogenannte "Zeitenwenden" – wie sie in Abständen die Menschheit heimsuchen – sehen, was den "Geistesschatz" betrifft, eine ihrer Hauptaufgaben darin, Zitate auszumerzen:

Es darf vielleicht darauf verwiesen werden, daß uns Deutschen zur Zeit auch hinsichtlich der Zitate und ihrer Ausmerzung eine eigene Souveränität nicht zukommt. Weil aber der "Büchmann" ein Buch ist, "mit dem man arbeiten soll" – insbesondere um jene herrliche Bildung vorzutäuschen, die genau weiß, wo alles erstmalig gedruckt stand –, so ist es an der Zeit, die berühmte Sammlung für den Hausgebrauch unserer Tage wiederum ein wenig "zurecht zu machen". Die Gelegenheit ist günstig. Die klassische Bildung ist sowieso im Untergang, und die Originale kennen auch dem Namen nach nur noch wenige.

Des wackeren Georg. Büchmann Sammlung hieß ursprünglich "Landläufig Zitate!" Hut ab vor dem Jahre 1864! Denn sieht man nicht, wie die Qualität der Zeiten abgesunken ist? Das meiste, was heute als "landläufiges Zitat" durch die Provinzen läuft, ist nicht salonfähig und hängt mit Scheibenkleister zusammen, den es gar nicht gibt, der aber wieder das einigermaßen anständige Pseudonym eines anderen Produkts ist, das in besseren Kreisen nicht vorkommen darf, aber dennoch in neueren Bühnenstücken gelegentlich zitiert wird. "Es ist alles – Scheibenkleister": dies Wort ist siegreich aus dem Kriege heimgekehrt. Ein Zitat ersten Ranges! Der Gemeine Mann" soll zwar auch aus anderen Kriegen mit einem ähnlichen Motto nach Hause gekommen sein, aber man hat es früher nie verzeichnet. Vielleicht kommt alles Elend überhaupt bloß daher, daß man nicht verzeichnet, was der Gemeine Mann sagt, wenn er aus Kriegen und sogenannten Zeitenwenden nach Hause kommt. Und so vergißt der Gemeine Mann es allmählich selbst und ist schließlich ohne geistige Waffen, wenn er arglos zusieht, daß sich, der Fortschritt leider, leider wieder und wieder in fortschreitender Narrheit erschöpft.

Und dabei kam es schon dem originalen Buchmann nicht in erster Linie darauf an, daß die Zitate originell, sondern landläufig seien. Und da hapert’s! Wer beispielsweise in den vollgestopften Wagen der Eisenbahn hört, wie die Leute wirklich kein Blatt vor den Mund nehmen, dem begegnet manches "Landläufige". Aber die Leute sprechen leider so wenig druckreif. Die Fähigkeit, stubenrein zu sprechen, hat enorm nachgelassen.

Immerhin, müßte als landläufiges und durchaus, salonfähiges Zitat folgender Satz anerkannt werden: "Wer heute lebt, hat selber Schuld; es sind genug Bomben gefallen!" Ist dies auch eine Formel des Pessimismus, so verrät sie doch Humor. Und wo der Humor waltet, ist noch nicht alles verloren. Auch jenes Postulat: "Wir wollen keine Kalorien, wir wollen was zu essen!" ist heute Gemeingut des "landläufigen" Volkes.

Wie aber, wenn wir uns auch der alten Zitate ein wenig annähmen und sie zur geistigen Währungsreform ein bißchen ummünzten? Die Alten sagten: Sie transit gloria mundi: so vergeht der Ruhm der Welt. Wäre für uns im Zeitabschnitt des Schwarzen Marktes eine Variante nicht angebracht: Sic transit gloria fundi...? Und dann ist da die Sache mit Schweppermanns Eiern. Das Zitat, das Ludwig der Bayer nach der Schlacht von Mühldorf anno 1322 in die Welt setzte, ist nach einer kleinen Korrektur durchaus auch heute noch verwendbar: "Jedem Mann jährlich ein Ei, dem braven Bauersmann täglich zwei!" Da weiß man gleich, wie gut alles organisiert ist ... Das-Zitat aus Shakespeares "Julius Cäsar": "Unheil, du bist im Zuge!" sollte auf allen Bahnsteigen angebracht werden. Allein schon die Kontrolle der Bahnpolizei? Dann die Kofferdiebe; die Flöhe, Läuse und Wanzen (Nur mal als Beispiel genommen.) Wohingegen der Satz Calibans in Shakespeares "Sturm": "Die Not bringt einen zu seltsamen Schlafgesellen" verblüffend gut auf manchen überfüllten Haushalt paßt.