Die bildliche Darstellung des Menschenangesichts in der Gegenwart ist fragwürdig geworden. Was auch dazu geführt haben mag, unter anderem etwa die Erfindung der Photographie, die damit verbundene Begnügsamkeit und die Sozialisierung des Porträts, oder der Einfluß der abstrakten Kunst, oder aber der Kollektivismus: die Krise besteht. Die kultische Bedeutung, die dem Image bei den Römern innewohnte; der Bildzauber, wie er sich in dem in effigie-Verbrennen oder dem Durchbohren eines Porträts in der Herzgegend, womit man dem Lebenden Schaden zuzufügen meinte, ausdrückte, ist nicht mehr lebendig. Das Bildnis setzt die Anerkennung des Individuums voraus, die Seele also. Ich sehe im Niedergang der Porträtkunst eine menschliche Verfallserscheinung. Um so erfreulicher ist es darum, das "Männliche Bildnis" von Hans Wimmer zu betrachten, eine seiner letzten Arbeiten, in der sich zugleich der Stil seiner reifen Kunst recht eigentümlich offenbart. Wimmer stammt aus Niederbayern, hat in München bei Bernhard Bleeker studiert, war in Paris (Maillol, Despiau) und in Italien;-und fast, scheint mir, kann man diesen Kunst- und Lebenslauf an dieser Büste ablesen oder nachweisen: bäurisch und gelehrtenhaft, Kopf und Schädel in einem, übrigens von frappanter, doch eben alles and-ere als photographischen Ähnlichkeit. Das Porträt ist zugleich das Abbild des Geistes-, der Beschäftigung mit der Antike; die das Antlitz, geprägt haben, vom Modell her wie vom Bildhauer in glücklichstem Verein. Es besitzt alles, was man vom Porträt verlangen muß, weil es ein Denkmal der Erinnerung an eine unverwechselbare individuelle Persönlichkeit ist und ihr Dauer verleiht.

Ernst Penzoldt