Blacher Opern-Uraufführung in Leipzig

Die neue Oper von Boris Blacher, "Die Nacht-, schwalbe", entfesselte im Leipziger Opernhaus bei ihrer Uraufführung einen Skandal, wie er in dieser Heftigkeit, seit Kurt Weills "Mahagonny" nicht erlebt wurde. Gegen Ende der Oper schwoll das Pfeifkonzert zu solcher Stärke an, daß die Vorstellung erst nach einer erzwungenen Unterbrechung fortgesetzt werden konnte. Einen Teil der Schuld daran trägt zweifellos die an sich sehr schwungvoll geführte Regie von Heinz Rückert. Doch waren ihre von Gelächter quittierten Übertreibungen offensichtlich mehr der erwünschte Anlaß als der tiefere Grund für die Demonstration, die sich weniger gegen den Komponisten als gegen den Textautor Friedrich Wolf richtete. Daß sie vorsätzlich war, ging aus der Vielzahl mitgebrachter Trillerpfeifen hervor, die ja normalerweise nicht zur Ausrüstung eines Opernbesuchers gehören. Daß sie ihre Ursache nicht allein in den künstlerischen Schwächen des Werkes oder auch nur in dein Gegenstand hatte, ist wahrscheinlich, Oder fühlten die opponierenden jungen Menschen sich durch die in der Oper vorgenommene Zeichnung der Nachkriegsjugend getroffen?

Was Wolf und Blacher in der "Nachtschwalbe" versuchten, ist die Oper, als Zeitstück. Das Sujet – Razzia in dem Vorstadtlokal einer Großstadt – ist jedoch eher einem Film als einer Oper angemessen. Wolf macht aus ihm einen halb kabarettistischen Sketch – er nennt ihn "dramatisches Nokturno" – wie er schon in den zwanziger Jahren gelegentlich auftauchte. Nach dem Vorbild von Bert Brecht durchfliegt er die -Handlung mit lehrhaften Songs. die in der sicheren Lebensbeobachtung und der epigrammatischen Schärfe ihres Vorbildes durchaus würdig sind. Wolf hält jedoch keine klare Linie ein. Was als Zeitstück beginnt, endet als familienfrommes Idyll ja, als Rührstück. Denn plötzlich stellt sich, heraus, daß der Kriminalkommissar der Vater der unehelich geborenen Nelly und somit die Wurzel des Übels ist, nach der er so eifrig forschen wollte, um herauszubekommen, warum die siebzehnjährige Nelly im Begriff ist, auf Abwege zu geraten. Diesen von Hollywood geliehenen Schluß hätte Wolf Vermeiden sollen.

Der Musik kommt sein Text nicht, entgegen; Wacher setzte ihn lediglich in musikalische Deklamation um, Selbst in den Songs, in denen der Librettist dem Komponisten eine hilfreiche Hand hinstreckt, verdichtet sich die Deklamation nicht zu eigentlicher Melodik. Auch das kleinbesetzte Orchester, das durch Festhalten bestimmter Motive auf längere Strecken den Dialogtext musikalisch formal zu bewältigen sucht, ist nicht mehr als rhythmisch antreibender Motor ohne eigenes Gesicht – ein Verfahren, das bei der Bühnenmusik eines Schauspiels denkbar – wäre. In der Oper bedeutet es eine Verarmung, beinahe eine Selbstaufgabe. der Musik. Wir sprechen gewiß nicht der konventionellen Arienoper oder dem sinfonisch aufgeblähten Musikdrama das Wort. Dennoch hat jede Gattung Grenzen, aus denen sie nicht heraustreten kann, wenn sie sie selbst bleiben will. Blacher sollte sich ernstlich überlegen, ob er, der so hervorragende Werke wie die "Konzertante Musik" und den "Großinquisitor" geschrieben hat, auf dem richtigen Wege ist.

Die Aufführung des Leipziger Opernhauses unter der musikalisch sidieren Leitung von Paul Schmitz war ebenso ausgezeichnet wie die der voraufgegangenen, ebenfalls einaktigen Blacher-Oper ,,Die Flut", die musikalisch von dem jungen Hans Heinrich erstaunlich überlegen geführt wurde. Die künstlerische Leistung, auf die das leipziger Opernensemble stolz sein kann, hätte allein schon ein respektvolleres Verhalten der Zuhörer wünschenswert gemacht; denn es ist immer noch besser, eine problematische neue Oper als gar keine neuen Werke aufzuführen. Das aber sollte auch der Wunsch der opponierenden Leipziger Jugend sein, wie immer sie sonst eingestellt sein mag.

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Mit Wilhelm Furtwängler als Komponisten wird erneut eine Frage beschworen die erst im 19. Jahrhundert steigende Berufung gewann, die des Epigonen. Als Immermann seinen Roman "Die Epigonen" schrieb, wurde zum erstenmal das für jeden Künstler schwer zu tragende Empfinden bewußt gemacht Nachfahre zu sein. Als Gustav Mahler. voller Liebe zum klassisch-romantischen Musikerbe und Von dem leidenschaftlichen Verlangen getrieben, es noch einmal in sich zu sammeln und zu steigern, seine Sinfonien schrieb, erfuhr er weit stärker noch die Tragik des Spätgeborenen, der eine Sendung sucht, die er eigentlich, nicht mehr hat. Aber Mahler stand noch in der Zeit, die er innerlich nicht lassen mochte – wenn auch hart an ihrem Rande – und so nahm sie ihn, der bei ihr Bleiben wollte, als späten Träger ihres Geiste bei sich auf,