Die Verhandlungen in der CDU-CSU-Fraktion über (die Nominierung des leitenden Direktors beleuchten die vielfältigen Divergenzen und Interessengegensätze sachlichen aber auch persönlichen Ursprungs, in der Partei, wenn auch der Schimmer dieser Zwiespältigkeit nach außen kaum durch-, dringt Die Institution eines vom Wirtschaftsrat ziemlich Unabhängigen, nur mit Zustimmung des Militärregierungen absetzbaren Leiters des Verwaltungsrats ist keiner der deutschen Parteien sympathisch. Das Amt wurde auf Befehl der Besatzungsmächte geschaffen. Die deutschen Verbandlungspartner hatten sich alle Mühe gegeben, die Alliierten von ihrem Vorschlag abzubringen. Auf den Einwand eines deutschen Vertreters daß die Einrichtung eines solchen. Amtes in unsere politische Landschaft nicht passe, erwiderte General Clay, in seiner Heimat habe sich dies seit 150 Jahren bewährt. Nun mag dahingestellt bleiben, inwieweit Parallelen zwischen der Position des Präsidenten der Vereinigten Staaten und der eines Vorsitzenden des Zweizonenverwaltungsrats überhaupt gezogen werden können; das Bestreben, den Leiter des Verwaltungsrats nicht jedem Zufall des politischen Kräfte- und Prestigespiels auszusetzen, ist gewiß begrüßenswert.

Aber was der in der Parteien Gunst und Haß nicht Befangene erprobenswert findet, stellt sich dem mit typischen Nuancen eines diffizilen Parteigewebes Vertrauten leicht als ein Schreckgespenst dar. Nun reagiert aber auf Gespenster nicht jeder gleich. Hier ist den Unterschieden des persönlichen Empfindens ein weiter Spielraum gegeben Oder um es deutlicher und im berufsüblichen Jargon zu sagen: die Persönlichkeit, die der einen Gruppe höchst erwünscht erscheint, wird von der anderen für völlig untragbar, erklärt. Der "Oberdirektor", wie man den Vorsitzenden des Verwaltungsrates der Abkürzung halber in inoffiziellen Gesprächen zu nennen pflegt, muß eine Reihe kontrastierender Eigenschaften haben, die sich alle zusammen in: einer Persönlichkeit nicht leicht finden: Er muß nachgiebig und unbeugsam zugleich sein, er muß vermitteln und führen können, er muß mit den Besatzungsmächten, aber auch mit dem Wirtschaftsrat, und weil ja die Exekutive zum großen Teil in den Händen der Länderregierungen bleibt, auch mit dem Länderrat und nicht zuletzt mit den ihm unterstellten Direktoren ein Auskommen finden. Es ist nicht ganz einfach, eine solche vielseitige Rolle mit Aussicht auf dauernden Erfolg zu spielen.

In den Fraktionsbesprechungen, die fast eine ganze Woche lang, manchmal bis in die Nacht, geführt wurden und in deren Verlauf mehrere Kandidaten persönlich in Erscheinung traten, stellte sich immer deutlicher heraus, daß der erfolgreichste Bewerber derjenige sein werde, der die sicherste Gewähr dafür gab, daß er von den ihm durch die Proklamation, 7 gebotenen Chancen keinen zu eigenwilligen Gebrauch machen werde. Ein Oberdirektor, der sich nicht unterkriegen lassen will, war nicht erwünscht. Dr. Holzapfel sprach es im Plenum offen aus: Der leitende Direktor sollte kein politisch starker Mann" sein, sondern eine vermittelnde, koordinierende Persönlichkeit, dies wohl auch in seinen Beziehungen zu der ihn delegierenden Partei, Nach der Proklamation Nr. 7 hätte der leitende Direktor eine politisch sehr scharf konturierte Erscheinung sein können, und wenn das Experiment General Clays mit Erfolg ausprobiert würde, wohl auch sein müssen. Man hat sich für eine Persönlichkeit mit sanften Flächen entschieden. Politische Farblosigkeit ist der offiziell deklarierte Trumpf. Es gibt zwei Arten von Farblosigkeit: die eine beruht auf dem tatsächlichen Mangel an einer bestimmten deutlich erkennbaren Farbe, die andere auf dem rotierenden Schillern in mehreren Farben oder Farbnuancierungen, so daß der Eindruck, der Farblosigkeit vorgetäuscht wird. Die politische Vergangenheit Dr. Pünders, des eben gewählten Vorsitzenden des Verwaltungsrats, gab ihm sicherlich Gelegenheit, etwas von dieser im politischen Leben wohl nicht ganz zu entbehrenden Kunst sich anzueignen.

Robert Strobel