Auf den ersten Blick besehen, befindet sich Mexiko wie so manches andere mittel- und südamerikanische Land im "Übergang" vom Boom des Kriegsbedarfes in die Sphäre von Wettbewerb und Kaufmännischer Bilanzierung. Stark erhöhte Lebenshaltungskosten, um 300 bis 400 v. H. gestiegene Preise, erweiterter Notenumlauf, sinkende Währungsreserven, hohe Staatsschulden, hoher Zinsfuß und steigender Importüberschuß: dies sind die Symptome. Auch die Gegenmaßnahmen: Importrestriktionen und Zollerhöhungen, entsprechen dem gewohnten Bild.

Daß Mexiko wie andere Staaten Dollaranleihen sucht, kann unter diesen Voraussetzungen nicht überraschen. Allerdings ergibt sich hier gegenüber der Lage der übrigen Kreditanwärter ein wesentlicher Unterschied. Mexikos Geldbedarf geht über die durch die Übergangsperiode bedingten monetären Schwierigkeiten hinaus; es sucht langfristig große. Kapitalien zur Melioration des Ackerlandes; Weiterentwicklung der Industrie, Ausnützung der Bodenschätze, Hebung des Verkehrswesens, Ausbau der Häfen, usw.

Sei einer Ausdehnung von der vierfachen Größe Schwedens hat Mexiko 21 Millionen Einwohner. Nur etwa 6,2 Mill. sind dabei in einem unseren Vorstellungen entsprechenden Arbeitsprozeß tätig. Die Mehrzahl lebt in einem Zustand mehr oder minder primitiver Selbstgenügsamkeit. Diese Menschen einer "aktiven Lebenshaltung" zuzuführen, ist einer der Hauptsorgen des Präsidenten Alemán. Im Vordergrund aller Bestrebungen besteht also’ die Modernisierung der Landwirtschaft. Kolonisation, technische Schulung, Verbesserung den Bodeuqualität und namentlich Bewässerung sind die entscheidenden Probleme. Die Vergrößerung der Landzuteilung als Kern des sozialen Reformprogramms setzt umfangreiche Bewässerungs vorhaben voraus. Für die Selbsternährung des Landes wäre. die zusätzliche Bewässerung von 17 Mill. Acres nötig. Das größte Bewässerungsprojekt würde vier Jahre Zeit und 300 bis 400 Mill $ Kapital. voraussetzen. Hier tritt bereits die Abhängigkeit Von großen Investionen zutage.

Das gleiche gilt für die Förderung, der reichen Bodenschätze. Zunächst kämpft man mit gewissen Übergangsschwierigkeiten. So ist die Silbererzeugung im vergangenen Jahr um ein Drittel gefallen, wobei der gesunkene Silberpreis die Dolkarerlöse noch Reiter, verringerte. In ähnlicher Weise hat bei anderen Metallen das Nachlassen der "strategischen" Nachfrage zu Produktionsrückgängen geführt. Darüber hinaus ist aber auch hiereine grundlegende Wendung pur bei Einsatz großer Kapitalien denkbar. Sehr klar läßt sich dies am Beispiel des Erdöls dokumentieren. Die mexikanischen Ölreserven werden auf etwa 900 Mill. Barrels beziffert; Da der Eigenverbrauch mit den aus den USA eingeführten Autos im Steigen begriffen ist und heute nahezu zwei Drittel der Produktion beansprucht, muß zur Aufrechterhaltung der Ausfuhrrate (gegenwärtig rund 12 Mill Barrels) die Ausbeute gesteigert werden. Dies bedarf neuer Bohrungen unter Hergabe neuen, ausländischen Kapitals, das sich seit der 1928 erfolgten Enteignung der ausländischen Interessen gerade dieser Wirtschaftssparte gegenüber sehr reserviert verhalten hat. Eine gewisse Beteiligungsbereitschaft nordamerikanischen Kapitals ist jedoch neuerdings erkennbar.

Die mexikanische Industrie wurde im Kriege erheblich ausgebaut. Die Strukturwandlung ist deutlich in der Ausfuhr abzulesen. Während 1939 erst etwa 2,4 v. H. der Gesamtausfuhren auf Fertigwaren entfielen,betrug dieser Satz 1944 rund 12 v. H. und 1946 bereits. 35 v. H. Die Anzahl der Fabriken hat sich mit 28 500 in 1945 gegenüber 1940 mehr als verdoppelt. Der Ausfuhrhandel der Kriegsjahre ging zwangsläufig zu nahezu 90 v.H. in die-Vereinigten Staaten. Noch 1945 und 1916 umfaßte der Anteil der USA etwa 80 v. H. Diese einseitige Orientierung wird nunmehr einer stärkeren Wiedereinschaltung der früheren europäischen Lieferländer Platz machen. – Begehrt sind für die weitere wirtschaftliche Erschließung Maschinen, landwirtschaftliche Geräte, Werkzeuge, Bergbaumaschinen, Eisenbahnmaterial, also Investitionsguter. Für Luxuswaren ist kein Raum mehr.

Bewässerung, Steigerung der Erdölausbeute, In tensivierung der Industrie, Reparaturen und Ersatz des rollenden Eisenbahnmaterials, Ausbau neuer Verkehrestrecken sowie der Elektrifizierung unter Ausnutzung der Wasserkräfte: die Verwirklichung dieser großartigen Ambitionen des mexikanischen Sechsjahresplanes steht und fällt mit den geldlichen Mitteln. Langfristige Anleihen in dem geschilderten großen Umfang können wohl nur unter der Mitwirkung der Export-Import-Bank des amerikanischen Schatzamtes gegeben werden: Zweifellos wird man in den nächsten Monaten zwischen den USA und Mexiko über diese Dinge verhandeln.

Kapitalhergabe setzt politische Stabilität voraus; Darüber ist. man sich wohl auch in Mexiko klar. Es ist ein Zeichen, der Zeit, daß man in mexikanischen Kreisen damit argumentiert, daß das Land für amerikanisches Kapital größere Sicherheit Und lukrativere Möglichkeiten biete als Europa; kp.