Von Walter Dexel

An der Schwelle eines neuen Lebens gilt es zu überlegen, wie wir unser Dasein in seinen vielfaltigen Erscheinungs und Wirkungsformen einzurichten gedenken. Eins kann, wie mir scheint, auf einem Teilgebiet der äußeren Gestaltung des Lebens – der Lebenshaltung – beantwortet werden; die Frage nämlich: wie sollen die Dinge aussehen, die uns umgeben und die wir täglich benutzen?

In dieser Frage liegen beinahe hundert Jahre der Versuche, der Irrwege und beinahe geglückten Experimente hinter uns. – Daß mit dem Beginn des 19. Jahrhunderts ein zunächst allmählicher, dann immer rascher sich vollziehender Formzerfall eingetreten war, der sich bis zur Jahrhundertmitte zu einem tatsächlichen Zusammenbruch jeglicher Formkultur gesteigert hatte, das hatte man wohl erkannt. Und diese Erkenntnis hatte zur Gründung der Kunstgewerbemuseen geführt. Man hoffte, aus dem historischen Stilgut, gewissermaßen auf wissenschaftliche Weise, die verlorene Formkraft neu herausdestillieren zu können. Das Ergebnis all dieser. Bemühungen ist bekannt genug. Die Nachahmung aller Stile war bis zum Ende des Jahrhunderts bis zum Überdruß durchexerziert, und es setzte mit dem 20. Jahrhundert-eine scharfe Reaktion gegen jedes historische Formgut. ein. Und doch! Was an Hausgerät – seien es Geschirre, Bestecke oder Küchengeräte – im ersten Viertel unseres Jahrhunderts entstand, ist heute künstlerisch nicht mehr anerkannt, die Versuche des Jugendstils ebensowenig wie die des Expressionismus und der Neuen Sachlichkeit, die uns, wenn wir sie rückschauend betrachten, nicht viel sympathischer erscheinen als die Erzeugnisse der Gründerzeit in ihrer Stilmaske, Und was aus diesem Zeitraum heute noch lebendig geblieben ist. geschaffen Von überragenden Persönlichkeiten wie Adolf Loos, van de Velde, Peter Behrens, ist gewissermaßen gegen die Tagesparolen der jeweiligen Moden entstanden, nach anderen Gesetzen, die dauerhaft und bleibend sind.

Es war in den Jahren um 1930, als die Erkenntnis aufzuleuchten begann, daß die Dinge, die wir täglich als Eß- und Trinkgeräte benutzen, nicht plötzlich ganz anders gestaltet sein dürfen, als es die Menschen seit jeher gewohnt waren. Unsere Tischsitten haben sich seit rund dreihundert Jahren nicht wesentlich gewandelt. Und deshalb sollten – auch die Formen der Tischgeräte, die sich in diesem Zeitraum ausgebildet haben, wenig veränderlich sein! Denn sie sind entstanden aus dem selbstverständlichen Bedürfnis nach Handlichkeit, verbunden mit dem Gefühl für Schönheit und Ausgeglichenheit der Gestaltung. Man brauchte sie nicht zu ändern und hat sie in. Jahrhunderten nicht geändert. Bis in den Zeiten der Unsicherheit des Geschmacks das Verlangen sich meldete, auch auf diesem Gebiet etwas anderes, nämlich "Novitäten" zu haben.

Heute weiß, man wieder, daß es auf dem Gebiet des Geräte nur einen Weg gibt: den Versuch nämlich, die vor rund hundert Jahren gerissene Kette der Überlieferung wieder zu schließen. Nicht so freilich, daß edles historisches Prunkgerät in minderwertigem Material als Massenerzeugnis nachgeahmt, würde (das hat die Gründerzeit getan) sondern es gilt, diejenigen Dinge der Vergangenheit für die Gegenwart nutzbar zu machen, die dem täglichen Gebrauch des gesamten Volkes gedient haben und nicht kirchlicher oder weltlicher Repräsentation. Wirklich gute und zweckmäßige, für den Gebrauch auch unserer Zeit geeignete Gerätformen können auch nicht von Kunstgewerben neu entworfen werden, denn es haben Jahrhunderte dazu gehört, sie allmählich zu entwickeln und immer weiter zu verbessern. Es kommt für uns darauf an. edle, schlichte und sachliche Gerätformen, die von – den wechselnden Formtendenzen der Stile fast unberührt geblieben sind und die’sich von Generation zu Generation fortgeerbt haben, zu neuem Leben zu erwecken, nicht im Sinne sklavischer Nachahmung, sondern im Sinne einer sehr sorgfältig überlegten Wiederaufnahme und Weiterentwicklung.

Das handwerkliche Volksgut systematisch und in möglichst großem Umfang auch zu sammeln; erschien ein Gebot der Stunde, und so entstand die ,,Formsammlung der Stadt Braunschweig". Forschungsstätte für Formgeschichte auf der einen Seite, hat sie zum andern, vor allem auch die Aufgabe, ihre Bestände an Originalen und Photos unmittelbar. für die Formgebung im Handwerk und in der Industrie nutzbar werden zu lassen. So ist Braunschweig der Anregung des Hamburger Museums für Kunst und Gewerbe gemeinsam die Ausstellung Werkstoff und Form" zu veranstalten, gerne nachgekommen. Diese Ausstellung am Steintorwall in Hamburg vereinigt Gebrauchsgerät aus Vergangenheit und Gegenwart, Historisches, das in und gewissenhaften Ausführung für alle Zeiten Vorbild ist, und moderne Erzeugnisse ausHandwerk und Industrie von schlichter, formal einwandfreier Haltung die im vom ephemeren Einfall leben, sondern sich auf bewährten formalen Grundlagen fortentwickelt haben und sich neben den organisch gewachsenen Volksformen selbstverständlich behaupten können.