Von Ewald Schmidt di Simoni

Helmstedt war früher ein Nichts (mögen dieHelmstedter auch anders denken) heute ist es als britische Zonengrenzstadt in aller Munde. Marienborn, der korrespondierende Grenzpunkt der Ostzone, war früher weniger als ein Nichts: nämlich ein Nest, nach dem (den dort amtierenden Hähnen zum Trotz) kein Hahn krähte. Heute ist das Dörfchen als Station der russischen Kontrolle weltberühmt. Nur ein paar hundert Meter liegen zwischen Helmstedt und Marienborn, aber zwei Schranken: eine englische und eine russische, auf der Autobahn sogar noch eine dritte: eine amerikanische deren Wärter sich freilich nur für USA-Wagen interessieren.

Es ist Vormittag, ein nebeliger Vorfrühlingsvormittag. Warum bloß drängen sich um die englische Kontrollhütte (auf dem Grünstreifen zwischen den beiden Fahrbahnen gelegen) so viel, viel weniger Leute als dies bei dem russischen Kontrollhäuschen auf der anderen Seite der Fall ist? Im allgemeinen dauert es hüben wie drüben seine Zeit, bis die Pässe gesichtet und gestempelt werden. Wer aber ein Auto hat (und wir hatten eins), hat hier wie dort in zehn Minuten alles erledigt. So erfuhren wir denn – was in der Ostzone nicht alle glauben –: der englische Offizier (lange Gestalt, ein müdes Schnurrbärtchen im ruhigen Gesicht war höflich; korrekt, gewandt, und die deutschen Polizisten um ihn herum waren desgleichen. Und der russische Offizier (kleine, stämmige Gestalt mit munter blinzelnden Augen) war – was nicht alle in der Westzone glauben – höflich, korrekt, gewandt, und die deutschen Polizisten waren es auch, "Your name?", fragte der Brite. "Du heißen?", fragte der Russe: Ich sagte es und fand zwischen "You" und "Du" keinen großen Unterschied. Überhaupt, solange man auf der Autobahn rollt ist kein Unterschied zwischen den Zonen zu spüren, essei denn, daß im "Russischen" die Autos seltener, im "Britischen" häufiger sind. Ferner: es pilgerten vom Grenzort aus weit, weit mehr Leute ostwärts als westwärts, Leute mit Rucksäcken und Kinderwagen, mit Koffern und Kofferwägelchen. Und sie sagten: "Wir wollen Verwandtschaft besuchen" oder "Ich will, ein paar Klamotten holen" oder (sehr häufig):"Ich. gehe zurück. Nach Hause!" Sicherlich aber ist’s in der Westzone leichter, den amtlichen Schein für den Übertritt in die Ostzone zu bekommen als umgekehrt. Und sicher steht fest, daß, wer die korrekten Papiere besitzt, auf russisch besetztem deutschen Terrain auch korrekt behandelt wird. "Das ist wahr", bestätigt einer der Rucksackwanderer, "wer’s anders weiß, erzählt Märchen!" Nicht nur ein eiserner Vorhang legt zwischen Ost und West; es liegt auch ein Nebelvorhang dazwischen, ein Vorhang, zurechtgebraut aus Propaganda und Gerüchten. Die Wirklichkeit sieht immer anders aus.

Magdeburg, Eine arg zerstörte, eine wenig aufgeräumte Stadt(dies von den Straßen und von Menschen gesagt). Halle jedoch fast unbeschädigt. Die Menschen gut gekleidet; ja das fiel auf; die guten Kleider der Hallenserinnen, denen kein Schrank in Trümmern versank. Und dann fiel es auf, daß die Straßen nicht nur in deutscher, sondernauch in zyrillischer Schrift bezeichnet sind; so kommt es, daß aus dem guten alten "Halle", da den Russen das "H" fehlt, das bitter schmeckende "Galle" wird. – Kurz vor Leipzig eine neue Straßensperre. So soll es hier erfolgen? Der harte Griff am Rockkragen...? Verhaftung ohne Vernehmung...? Der sibirische Transport...? – Der russische Offizier an dieser Sperre sagt sogar "Sie". Er sagt: "Haben Sie Wünsche, meine Herren?" Und flugs konnte man hier, damit spätere Laufereien und Umstände erspartwürden, seine Anmeldung und Registrierung vornehmen lassen. Verbeugung auf beiden Seiten. "Danke schön" und "Bitte schön." Nicht nur in Leipzig war man höflich, sondern sogar schon vor der Stadt. Denn es war die Zeit der Messe, und das gute, alte Leipzig stand in großem Glanz.

Dabei ist Leipzig – gegen früher. – in gewisser Hinsicht ein bißchen anmutiger geworden, nämlich an den Straßenkreuzungen, wo einst strenge Polizisten standen, die besonders "zackig" den Verkehr dirigierten und schrecklich schimpften, und obendrein auf Sächsisch; dort stehen, wie in den anderen Ostzonenstädten auch, heute die bekannten Polizistinnen, denen eitle Löckchen unter der fesch aufs Haar, gesetzten, Mütze hervorquellen, blitzsaubere Mädchen, die ihren Dienst genau so gut vollbringen, wenn nicht noch besser, und deren Gesten mehr an die Bewegungen indischer Tänzerinnen als an Kommandos gemahnen und die doch gelegentlich auch schrecklich schimpfen können, und obendrein auf Sächsisch! Und dann sieht Leipzig auch ein bißchen potemkinsch aus, wenn dieses Wort erlaubt ist. Denn nicht genug damit, daß die Trümmer gut aufgeräumt wurden – die Trümmerbuden zwischen den erhaltengebliebenen Häusern sind mit Pappwänden kulissenhaft verkleidet, zwar mannshoch nur, doch immerhin; und es sind Werbeinschriften dort angebracht, zum Beispiel Reklame für "Intourist".

"Intourist" – das hört sich sportlich an. Und es ist auch wahrscheinlich, daß "Intourist" das Rennen in Leipzig machte. Auf der Messe ein Stand mit Apfelsinen, Äpfeln, Schokolade: "Intourist:". Vor Auerbachs berühmtem Keller die "Intourist". "Intourist". An Hotels und noblen Taxen:"Intourist". Wer "Intourist" benutzte, hatte keine Sorgen, konnte schwelgen, prassen, staunen, lachen. Nur einen Fehler hatte "Intourist": dieses russische Büro arbeitete ausschließlich für Ausländer, gegen Devisen. Es waren etwa 3000 ausländische Gästezur Messe gekommen, und es ging ihnen gut. Sie lebten flott, besichtigten eifrig; was in den neun Messehäusern der Innenstadt und in den sieben Hallen des Messegeländes von 4400 Fabrikanten der Ostzone, 1000 aus deramerikanischen, 700 aus der britischen und 200 Herstellern aus der französischen Zone ausgestellt war, sie verweilten auch an den 50 Ständen der ausländischen Firmen und kauften, hier wie dort, und gingen ins Hotel und zum Theater. Aber den deutschen Gästen war weniger "intouristisch" zu Mute. Sie aßen auf Karten, wohnen in (meist) schlechten Privatquartieren und stellten fest, daß sie auf der Messe zwar vieles sehen konnten, was deutscher Erfindungsgeist geschaffen, aber daß sie nichts oder fast nichts kaufen konnten.

Einmal, bei einer Konferenz, die anläßlich der Messe abgehalten wurde, wären die besten Plätze unmittelbar vor dem Rednerpult ausländischen, westeuropäischen Gästen vorbehalten. Aber dieseGäste kamen nicht, so daß auf einen Wink, neudeutsche Ostzonenprominenz dort Platz nehmen durfte. Es war wie wenn bei einem Familienfest ausgerechnet die reiche Verwandtschaft zu erscheinenversäumt. Die armen Verwandten, denen dies peinlich ist, verlieren kein Wort darüber. Sie sind wenigstens unter sich ... In diesem Gremium also sagte der Sächsische SED-Wirtschaftsminister Selbmann viel Schönes zum Lob der volkseigenen Betriebe, während der CDU-Verkehrsminister Thüringens, Bachem, zwar diesen Elogen "aus vollemHerzen zustimmte", aber doch auch betonte: "Wir wollen daneben die ehrliche Konkurrenz der privaten Betriebe".