Mit der Plötzlichkeit einer Katastrophe siehtsich Finnland dem wohltätigen Frieden einer verblüffend schnellen Nachkriegsgenesung entrissen und in den Brennpunkt schwerer politischerEntscheidungen gestellt. Das Gefürchtete ist Ereignis geworden: Stalin hat Finnland einen Bündnispakt angeboten. Das Gefühlder Beklemmung und der Bestürzung, das die PolitikerFinnlands gegenüber einem so gefährlichen Antrag empfinden, ist verständlich. Doch besitzt Finnlandder Sowjetunion gegenübereine große Erfahrung, und eshätte jüngsten tschechoslowakischen Beispiels nicht bedurft, um den Brief Stalins in Helsinki als Alarmsignal empfinden zu lassen. Nicht umsonst hat Paasikivi die Moskauer Praxis rund eines Jahrzehnts als Vertreter Finnlands hinter sich, nicht umsonst kennt er nicht allein seine Moskauer Gesprächspartner aus allerpersönlichster Nähe, sondern auch die ganze Tragödie Finnlandsseit dem Winterfeldzug. 1935/40. Die gegebene Rückzugslinie, die sich diesem alten Meister des diplomatischen Parkettsbot und die vielleicht den ersten Ausweg eröffnete, führte über das Parlament. Ein Akt von der außenpolitischen (und nicht nur außenpolitischen) Tragweite eines Militärbündnisses ohne ZustimmungdesParlaments konnte selbst vom diktatorischgesinnten Kreml dem heutigen Finnland nicht gut zugemutet werden, das im heimatlichen Gebrauch bisher noch demokratische Spielregeln gewohnt ist.

Und Paasikivi hat sich nicht verrechnet Erkennt seine Finnen doch besser, als es die Russen zu tun glauben, die einstweilen das Unglaubliche zur Kenntnis nehmen müssen, daß das erste nichtslawische Volk, an das sie sich mit einem Bündnisangebot wenden, ihnen eine freundliche, aber entschiedene Absage erteilt. Freundschaft ja,Militärbündnis nein! Das ist die Formel, für die sich das finnische Parlament entschieden hat.

Nun wäre eine Welt schön, in der eine Zusageeine Zusage und eine Absage eben eine Absage bliebe. Aber weder Paasikivi noch die Finnen haben Illusionen genug, um sich nicht darüber klar zu sein, daß jetzt erst der eigentliche Kampf beginnt und daß dieser Kampf zäh und voller tödlicher Risiken sein wird. Hier wiederum sind die Register, auf denen der Kreml zu spielen pflegt, aus beliebigen südosteuropäischen Beispielen leicht zu erraten, und hier istes die Tschechoslowakei, die denletzten Schulfall geliefert hat. Daher gewinnt es seine besondere Bedeutung, wenn der Generalsekretär derfinnischen sozialdemokratischen Partei jetzt nachdrücklich erklärt hat: "Wir sind nicht die gleichen Sozialdemokraten, wie sie in der Tschechoslowakei oder anderen osteuropäischen Ländern zu finden sind. Wir sind in erster Linie Finnen!"

Es würde allen bisherigen Erfahrungen und damit aller Wahrscheinlichkeit widersprechen, wenn der Kampf des Kreml um die endgültige und vollständige Einbeziehung Finnlands in den Bereich seiner Botmäßigkeit sich nunmehr nicht auf das innenpolitische Feld verlagerte. Konkret gesprochen, bedeutet das zunächst den Kampf um die Juliwahlen zum finnischen Reichstag. Da die Kommunisten mit in der Regierung sitzen und mit dem kommunistischen Innenminister Leino auch die Hand auf der Polizei haben in der gerade nachder Moskauer Reise Leinos zweihundert Beamte durch Leute des kommunistischen "Vertrauens" ersetzt worden sind, so sind, rein technisch gesehen; die Ausgangspositionen für ein Vorgehen nach dem Prager Modell gegeben. Über die Eignung, der finnischen Kommunisten hierfür sind nach ihrem Anfang Februar erfolgten Beitritt zur Kominform Zweifel unangebracht. Dagegen besteht durchaus die Wahrscheinlichkeit, daß die übrigen Parteien einschließlich der Sozialdemokraten weniger weiches Material darstellen werden, als es in Prag vorlag. Aber auch dann dürfen die Möglichkeiten, die sich derinnenpolitischen und vor allem der wahlpolitischen Regie Leinos dankseiner Beherrschung – des Polizeiapparates bieten, nicht unterschätzt werden. Ebenso wenig darfdies der Druck, dem sich Paasikivi und die vorgesehene finnische Verhandlungsdelegation durch Moskau direkt ausgesetzt sehen wird, wenn sie über den Abschluß eines Freundschaftspaktes zu verhandeln haben wird, dessen Grenzen sich die Finnen so eng wie möglich, die Russen so. weit wie möglich wünschen.

Die Auffassung des übrigen Skandinaviens ist in dieser Frage eindeutig ungeteilt auf der Seite – der Finnen. Es gibt kein skandinavisches Land, das ein Herauslösen Finnlands aus der Front der "nordischen Neutralität" nicht als eigenes nationales Unglück empfände. Das Bewußtsein der strategischen Schlüsselstellung, die schon rein geographisch dem finnischenStaatsgebiet zukommt, erklärt das vitale Interesse, das die skandinavischen Länder an jeder Veränderung der finnischen Position nehmen. Ein Militärpakt Moskaus mit Finnland würde mit dem wahrscheinlichen Ausbau gemeinsamer Befestigungen und Stützpunkte, die militärischen Stellungender Sowjetunion unmittelbar an die schwedisch-norwegische Grenze schieben. Dies würde unter demGesichtspunkt militärischer Schlagbereitschaft gegenüber dem bisherigen Zustand selbst dann einen Unterschied bedeuten, wenn man die praktischen Möglichkeiten eines neutralen Finnlands als Verzögerungsfaktor für ein sowjetisches Vorgehen nicht übermäßig hoch einschätzt. Die Frage, ob die realen Machtverhältnisse und das besondere Interesse der Sowjetunion an dem ganzen strategischen Raum im Norden nicht sowieso die "nordische Neutralität" zu einer Fiktion machen, die im Ernstfall wenig zu bedeuten hätte, muß früher oder später zu einer Schicksalsfrage der skandinavischen Außenpolitik werden. Noch hat sich der schwedische Außenminister Undén bei seiner Absage an den Bevin-Plan bemüht diese Fiktion wie eine Realität zu behandeln, auch wenn er sich anstrengte, den Eindruck seiner Erklärungen durch verdoppeltes. Lob des Marshall-Plans wieder auszugleichen. In Norwegen, wo man die Unerbittlichkeit eines Kampfes der Großmächte schon einmal als Objekt erlebt hat, denkt man offenbar illusionsloser und neigt zu einer offenen Orientierung nach Westen, ohne deswegen die Unterstreichung der Neutralität als des erwünschten Idealzustandes zu unterlassen. Im übrigen beginnt man dort, den Schweden den Gedanken eines schwedisch–norwegischen Militärbündnisses nahezulegen.

Am 18. März werden wahrscheinlichdie vier nordischen Außeminister –also die AußenministerSchwedens, Norwegens, Dänemarks und Islands – zusammentreffen, um über die außenpolitische Lage; wie sie sich den nordischen Ländern. seit dem Paktangebot Stalins an Finnland bietet, zu beraten. Die Neigung zu engerem Zusammengehen dieser Länder wird unter dem Eindruck der Moskauer Initiative wahrscheinlich stärker werden. Bisher bewegten sich ihre Bemühungen vor allem auf wirtschaftlichem Gebiet. Aber der Gedanke einer nordischen Zollunion, der dem Zusammentreffen der vier Außenminister in Oslo im Februar zugrunde lag begegnete doch noch großen Hemmungen. Die Bedenken Schwedens, das Auswirkungen auf sein Preisniveau und seinesLebensstandard fürchtete, und Norwegens,das seine Landwirtschaft der dänischen und seine junge Industrie der schwedischen Konkurrenz auszusetzen sich scheute, waren hierbei maßgebend.

Hans-Achim von Dewitz