Der Prinzregent überreichte vor einiger Zeit einem Angehörigen des belgischen Hochadels für seine Verdienste während der Okkupationszeit einen Orden. Der also Ausgezeichnete zeigte sich seltsam gleichgültig und äußerte, hierüber befragt: "Ich kann michdieser Ehrung nicht wirklich freuen, solange der deutsche General von Falkenhausen sich nicht to Freiheit, befindet." Dieser gleiche General, der, vor und nach der Kapitulation, vierzig Stätten der Gefangenschaft durchwandert hat, ist nunmehr an Belgien ausgeliefert worden und wird sich vor einem belgischen Gericht zu verantworten haben.

Wie reimt sich das zusammen? Im Sommer 1947 erklärte General Goethals, der Chef der belgischen, Militärmission in Deutschland, Belgien habe keine Beschuldigungen gegen Falkenhausen voranbringen, dieser sei vielmehr ein korrekter Militärbefehlshaber gewesen und habe vier Jahre lang verhindert daß das Land unter die Gewalt der SS kam. in der englischen Presse sind verschiedene Zeugen für Falkenhausen aufgetreten, Mitglieder des britischen Geheimdienstes und belgische Juden. Und bis zu seiner Auslieferung erhielt Falkenhausen ständig Briefe aus Belgien, in denen ihm Dankbarkeit, Anerkennung, Mitgefühl mit seinem harten Geschick bekundet wurde.

Tatsächlich ist Falkenhausen alles andere als ein "Nazigeneral" gewesen: Schon vor der Machtergreifung war er aus dem aktiven Dienst ausgeschieden. Während der ersten Jahre des Hitlerregimes war er in China als militärischer Berater von Tschiangkaischek tätig und hat dort noch den Anfang der Kämpfe gegen Japan miterlebt. Erst im Jahre 1938 kehrte er nach Deutschland zurück, sehr gegen seinen Willen und nur unter stärkstem Druck, da Ribbentrop ihm Repressalien gegen Mitglieder seiner Familie angedroht hatte. Von 1940 ab war er Militärbefehlshaber in Belgien, ohne einen "Reichskommissar" im Stile eines Terboven oder Seiß-Inquart über sich zu haben. In dieser Stellung hat er sich vorbildlich verhaltend Terrorbefehle entweder nicht ausgeführt oder so umgangen, daß das Recht gewahrt blieb. Er widersetzte sich den Zwangsdeportationen belgischer Arbeiter und führte überhaupt einen zähen und lange Zeit erfolgreichen Kampf gegen die Willkür von Gestapo und SS. Ein von Hitler eingesetzter Befehlshaber in einem widerrechtlich eroberten Lande, der es fertigbringt, sich – die Achtung und Zuneigung der Bevölkerung zu erwerben, muß wirklich Ungewöhnliches geleistet haben. Dieser Mann hat viel Gutes getan, und viel Böses verhütet Ohne Furcht und Tadel hat er seines Amtes gewaltet, und so konnte es denn nicht ausbleiben, daß er selbst in die Gewalt des Terrors geriet, den er verabscheute, Im Sommer 1944 wurde er abberufen und verhaftet. Man warf ihm zu große Milde gegen die Belgier und Beteiligung am 20. Juli vor. Es gibt keine ehrenvolleren Beschuldigungen. Damals begann seine bittere Odyssee von Gefängnis zu Gefängnis, von Lager zu Lager. Sie hat noch immer kein Ende gefunden. Und mit der Abberufung dieses Mannes begann auch, die schlimmste Leidenszeit Belgiens, dessen Schicksal bis zurKriegsende der Gauleiter Grohé zu "verwalten" hatte.

Es ist enttäuschend, daß sich vor Falkenhausen die Degen der Sieger nicht gesenkt haben. In ritterlicheren Zeiten hätte man einen solchen "Gegner" zu ehren gewußt. Heute, da die Kollektivwertung regiert, bleibt leider wenig. Raum für eine schöne und wahrhaft spontane Geste, die, dem Schema zum Trotz, dem persönlichen Verdienst gerecht wird. Falkenhausen ist nicht bei den "Militaristen" oder den "Junkern", am wenigsten aber bei den "Kriegsverbrechern" unterzubringen. Wer persönlich ohne Schuld ist, hat den Anspruch auf Freiheit; wer persönlich das Gute tat und dem Bösen furchtlos widerstand, verdient, auch über Kollektivfeindschaften hinweg, Achtung und Liebe. Die Nachricht, daß der nunmehr Siebzigjährige an Belgien ausgeliefert worden ist, muß daher allen Freunden des Rechts und der Ritterlichkeit Schmerz Und Sorge bereiten.

Sollte es nicht möglich sein, über Falkenhausen auf diplomatischem Wege eine schnelle Verständigung, unter den beteiligten Staaten zu erzielen? Zu diesen zählt neben den USA und Belgien auch Frankreich, da einige nordfranzösische Departements zum Befehlsbereich Falkenhausens gehörten. Ein so ungewöhnlicher Fall rechtfertigt ungewöhnliche Mittel. Man müßte hier einmal mit echter menschlicher Wärme, die auch in der Politik nicht fehlen darf, sich über all die schwer verständlichen Schwierigkeiten und Hemmungen hinwegsetzen, die bisher; die Freilassung Falkenhausens verzögert haben. Das wäre ein versöhnlicher Abschluß seiner langen und unverdienten Leidenszeit.Fr.