Eswird viel von der Weltgefahr des Kommunismusgesprochen, die es zu bannen gelte. Doch wenn man einer Gefahr widerstehen will,ist es nötig, sie klar zu bezeichnen und ihr den tätigen Namen zu geben, sonst kann leicht eine Verwirrungentstehen, die die Widerstandskraft schwächt. So sollte man denn nicht von der Weltgefahr des Kommunismus reden, wenn in Wirklichkeit der russische Kommunismus, der Bolschewismus,gemeint ist. Nicht In der Idee des Kommunismus nämlich, sondern in ihrer russischen Form,die ein rein russisches nationales Phänomen liegt die Pedrohung, die die übrige Welt mit Stecken erfüllt. Deshalb ist es nötig, seine nationale Wurzel bloßzulegen und seine Herkunft aus der russischen Geschichte zu erklären, so wie es Nikolai Berdiajew in seinem Buch "Sinn und Schicksal des ruesischen Kommunismus" versucht hat.

Rußland ist christianisierter Osten, der erst in den letzten zwei Jahrhunderten westlichem Einfluß ausgesetzt worden ist. Die unermeßliche Weite des Russischen Reiches stellte den russischen Menschen vor die Aufgabe, den ins Grenzenlose verfließenden Raum zu formen und zu gestalten. Daraus erklären russische Historiker den despotischen Charakter des musischen Staates. "Der Staat schwoll an"schrieb Klintschewsky, "das Volk aber siechte dahin" Immer wieder in der russischen Geschichte wurden – wie es auch heute geschieht – die Interessendes Volkes der Macht und der Organisation des Staates geopfert. Zugleich aber bestimmte die unendliche Weite der Ebene auch das fast heidnische Verhältnis des russischen Menschen zur Natur, zur russischen Erde das eine Wurzel seines ehernen Nationalismus ist, seiner Verachtung gegenüber der Enge des Westens, in der alles begzenzt,unterteilt und geformt, niemals aberganzheitlich" ist". Die Landschaft der russischen Seele, sagt Berdjajew, entspricht der Landschaft der russischen Erde

Zum anderen wurdedas seelische Leben des russischen Volkes durch die russische Kirche geformt, durch den Haag zum Dogmatismus und zum Asketentum, zu der-Fähigkeit, im Namen irgendeines orthodoxen Glaubens Leiden zu ertragen und Opfer zu bringen, vor allem auch durch die messianische Idee, der einzige Träger der Rechtgläubigkeit auf Erden zu sein. Nach dem Fall von Byzanz, dem Zweiten Rom", verkündete Moskau. unter III. die Lehre von einem "Dritten das seinen Sitz in Moskau habe, eine Lehre. die die ideologische Basis des Moskauer Zarentums war. Das Bekenntnis zum wahren christlichen Glauben. zu der Rechtgläubigkeit und die Zugehörigkeit zum Russischen Reich waren nunmehr ein lud dasselbe nicht anders, als heute die Zugehörigkeit zu Sowjetrußland mit dem Bekenntnis zum wahren russich-kommiunistischen Glauben virknüpft ist Das Messianische aber ist in Rußland nicht weniger, mit dem Nationalen verbunden als es im alten Israel der Fall war.

Peter der Große hat dieses rechtgläubige Reich säkularisiert und auf den Weg der Aufklärung geführt. Seine Reform wurde vom Volk als eine tiefeErschütterung seiner ganzen Existenz empfunden.In ihrer Durchführung glich sie weitgehend der bolschewistischen Umwälzung. Hier wie dort: Gewalttätigkeit, diktatorische Aufdrängung neuer Prinzipien, Bruch der organischen Entwicklung, Leagnung der Tradition, Bildung einer privilegierten bürokratische Schicht und eine erzwungene Wandlung von Sinn und Charakter der Zivilisation. Nur anders als heute entstanden aus der petrinischen Reform Konflikte, und Spannungen, das Leben des russischen Volkes erschütterten. Durch die Europäisierung war nur eine schmale – obere Schicht der Gesellschaft erfaßt worden. Das Volk selbst blieb dem alten Glauben und den alten Sitten treu. Es bewahrte also den messianischen Glauben an das Reich, ein Reich der Rechtgläubigkeit und der Wahrheit, und so stellte sich immer drängender.-die Frage, ob der Staat mit diesen gläubigen Idealen noch übereinstimmte. Die Kirche war bereits nach den Reformen des 17. Jahrhunderts dem Schisma verfallen. Die Raskolniki erkannten die gereinigte Liturgie nicht an, in der sie eine Verfälschung der wahren rechtgläubigen Frömmigkeit sahen, eine Leugnung des Heiligen Russj, des Reiches der Wahrheit und der Gerechtigkeit. Die gleichen Zweifel befielen im 19. Jahrhundert – die Intelligenz gegenüber der westeuropäischen Bildung, und dem Aufbau des Staates.

Die volksgläubige Bewegung der Slawophilen, diesich zur Aufgabe setzte, Rußlands besondere Sendung im Unterschied zum Westen zu begründen und darzustellen, hatte hierin, ihres Ursprung, ebenso wie der Nihilismus und der Anarchismus. Das russische Denken strebt immer nach Ganzheitlichkeit, ihm liegtdie Sehnsucht zugrunde nach einer Lebensanschauung, die alles umfaßt und allem gerecht wird. Hierin unterschied den sich die rechtgläubigen Slawophilen nicht von den heutigen Kommunisten. Aus der gleichen Wurzel entsprang der Nihilismus, eine ganzheitlicheLeugnung der Welt, die im Bösen liegt, und daraus folgernd die Anerkennung der Sündhaftigkeit von Luxus, Kultur und Religion. Als Aufgabe der Menschen ließ der Nihilismus nur die Befreiungdes arbeitenden Volkes von seinen Leiden gelten, von den Wissenschaften wollte er darum nur die Nationalökonomie and die Naturwissenschaften beibehalten wissen. "Wir, sind alle Nihilisten", sagte Dostojewskij, und Gogol und Tolstoj gingen hierin so weit, daß sie die Berechtigung ihres eigenen literarischen Schaffens bestritten. Die Anarchisten endlich forderten die ganzheitliche Zerstörung des bestehenden Staates, damit auf den Trümmern nach dem Weltbrand, sine gerechte russische Welt entstehen könne.

Alle diese Richtungen setzten sich seit den vierziger Jahren mehr oder minder ernstlich mit dem Sozialismus auseinander. Zu einer schweren Krise an der russischen Intelligenz führte dies aber erst, als der Marxismus in Rußland Verbreitung gewann.Um dies zu verstehen, mußman sich der Doppelgesichtigkeit seinerehre Lehre bewußt werden.

Der ökonomische Determinismusvon Marx zielt auf eine Entladung der Illusionen des Bewußtseins nicht der Mensch selber, sondern die soziale, Klasse. der er angehört, "ist der Attor seines Denkens und Schaffens. Die Wirtschaft ist die Basie, die Ideologie der Überbau. Die Ökonomik bestimmt das ganze menschliche Leben.