Die unzureichende deutsche Elektrizitätsversorgung hat ihre Hauptursachen in der zu geringen Leistungsfähigkeit und dem schlechten Zustand der Kraftwerke, in der Ausfuhr elektrischer Energie und den zu geringen verfügbaren Mengen an Kohle. Die reichlichen Niederschläge des Winters haben für die auf Wasserkraft basierten Werke, die im Herbst nur noch geringe Leistungen brachten, die Verhältnisse gebessert, Die seit Mitte 1947 erheblich gesteigerte Kohlenförderung kann aus mehreren Gründen nicht die allgemein gewünschte Linderung der angespannte Energieversorgung bringen. Denn an der "Kohlendecke" zerren ja zu viele Verbraucher. Auch hat sich die Qualität der Kohle verschlechtert. Wenn, wie festgestellt worden ist, mitunter 20–30 v. H. Steine mitgeliefert werden, vermindert sich die Leistung und erhöht sich der Materialverschleiß. Die schwierige Verkehrslage behindert den Transport, wenn auch der bessere Wasserstand der Flüsse und Kanäle im neuen Jahr eine Erleichterung gebracht hat. Es wird versucht, den Engpaß Verkehr mit allen Mitteln (u. a. durch den Einsatz von Eisenbahn-Schadwagen, Lastkraft- und Rollwagen) etwas zu erweitern. Wie im vorigen Jahr soll jede Reserve an Kraftwerken herangezogen werden, um auf diese Weise die erhöhten Haldenbestände zur besseren Versorgung mit Strom ausnutzen zu können.

Eine besondere Belastung der deutschen Energieversorgung stellen die Stromexporte dar, die in ihrer Höhe etwas schwanken, aber einen erheblichen Prozentsatz (15 v. H. und mehr) ausmachen. In der ersten Dezemberwoche z. B. wurden in Nordehein-Westfalen 166 Mill. kWh erzeugt und davon 44 Mill. netto ausgeführt. Die Kraftwerke Albbruck-Dogern und Klingnau arbeiten für die Schweiz und Frankreich, das, wie auch Belgien, ferner bedeutende Strommengen aus Westdeutschland erhält (Leistungsspitzen an Belgien von 78 MW und an Frankreich von 85 MW). Besonders erschwerend wirkt, daß der Export gerade in den Hauptbelastungszeiten läuft, wodurch für uns Abschaltungen am Tage (und damit Nachtarbeit) notwendig werden, die bei den so schwierigen wirtschaftlichen und sozialen Verhältnissen stark nachteilige Folgen für die Gesundheit der betroffenen Menschen wie auch für den Produktionsstand haben. Diese Inanspruchnahme von elektrischer Energie unterstreicht anderseits die Berechtigung der deutschen Forderung, die auch von einem Teil des Auslandes unterstützt wird, die wirtschaftliche Potenz des Ruhrgebietes mit allen Mitteln zu erneuern und es wieder zu einer Kraftzentrale zu machen, die dem deutschen und europäischen Aufbau in gleicher Weise dient. Um dieses Ziel zu erreichen, sollte der Stromexport so eingeschränkt werden, daß wenigstens für alle Länder die bereits in der "europäischen Verbundwirtschaft" stehen, ungefähr der gleiche Versorgungsstand gilt.

Die Zunahme der Kohlenförderung und der Haldenbestände an der Ruhr sowie die zur Zeit unüberwindlichen Verkehrsschwierigkeiten müßten nach allgemeiner Auffassung dazu führen, alle Kraftwerke im engeren Kohlengebiet auszunutzen, um die Kohle, die mit der Bahn nicht abgefahren werden kann, in Strom zu verwandeln. Dieser durchaus berechtigten Forderung stehen aber viele Schwierigkeiten entgegen. Die öffentlichen Nomovement-Kraftwerke, d. h. die vom Eisenbahntransport unabhängigen Werke, haben keine ausreichenden Kohlenkontingente. Eine durchschlagende Besserung der Stromversorgung ist von diesen Werken allein jedoch nicht zu erwarten, weil sie über eine zu geringe Leistungskraft verfügen und sich teilweise in einem recht schlechten Zustand befinden; immer wieder stoßen notwendige Reparaturen auf offenbar unüberwindliche Hemmnisse. Bei den übrigen öffentlichen – also den transportabhängigen – Werken konmt es darauf an, daß das Kohlenkontingent ausreichend ist und auch wirklich an die Werke herangebracht wird. Beide Voraussetzungen sind nicht immer gegeben, so daß hier eine gewisse noch ausnutzbare Stromerzeugungsreserve liegt. – Die Zechenkraftwerke weiter verfügen über Kohlen genug; aber sie sindmit einer zu geringen Kapazität ausgestattet, um über ihren eigenen Bedarf hinaus in stärkerem Maße das öffentliche Netz beschicken in können. Die Eigenanlagen der Industriewerke schließlich können gleichfalls keine erhebliche Entlastung für die öffentliche Versorgung bieten, da die Anlagen vielfach unmodern sind. Bisher erhielten sie Kohlen nur für den eigenen Bedarf; sie bekonmen jetzt, soweit es möglichist, stärkere Zuteilungen auf dem Wege, des Landabsatzes. Wenn ein Industrieunternehmen seine Kraftwerksanlage wieder in Betrieb setzt, wird die erzeugte Elektrizität nicht auf das Landeskontingent angerechnet; mit dieser Bestimmung soll ein Anreiz zu verstärkter Stromerzeugung gegeben werden.

Eine Schwierigkeitbesteht inder Lösung des Preisproblems, d. h. in der Festsetzung des Preises den die Träger der öffentlichen Versorgung für den Strom gewähren, den sie von den Zechen und den Industriewerken zusätzlich erhalten, Die Stromerzeugung aus der Steinkohle ist teurer als die aus der Braunkohle. Die Differenz wächst, je unmoderner das Steinkohlenkraftwerk und je teurer, d. h. qualitativ besser die Steinkohle ist, die verfeuert wird; Die Werke der öffentlichen Versorgung sindan ihreAbnehmerpreise gebundenund die Zechen und Industriewerke wollen einenPreis erzielen, bei dem auch sie bestehen können, zumal die Kohlengruben sich in einer erheblichen Defizitwirtschaft befinden. Alle Beteiligten sind sich darüber im klaren, daß die Linderung der Spannung in der Elektrizitätsversorgung nicht an der "Preisfrage" scheitern sollte, die ja auch von der Entscheidung über die Kohlenpreiserhöhung beeinflußt wird. Es sind auch bereits Kompromisse in dieser Frage zustande gekommen.

Die von der Braunkohle abhängigen Kraftwerke werden in ausreichendem Maße mit Kohlen (Rohbraunkohle) versorgt. Hier decken sich auch die Kurven der betriebsfähigen und eingesetzten Leistungen ziemlich, während bei den Steinkohlen- und Wasserkraftwerken bedeutende Unterschiede vorhanden sind. Aber auch die Kapazität der Braunkohlenkraftwerke ist nicht mehr genügend. Deshalb ist ein erheblicher Ausbau genehmigt worden; die Durchführung der Neubauten, nimmt jedoch viel Zeit in Anspruch.

Da also die Hauptursache der deutschen Stromkalamität in der unzulänglichen Kapazität und indem schlechten Zustand der Kraftwerke liegt, läßt sich eine durchgreifende Besserung nur von Reparaturen (und später von den Neubauten) erwarten: ausreichende Kohlenversorgung vorausgesetzt. Inder Zeit der Rüstungen hielt der steigende Strombedarf nicht mit dem Ausbau der Werke Schritt. Auch hier wurde Raubbau getrieben. Die Ausnutzung der Kraftwerke, ist von etwa 3000 auf 4900 (1944) und in der Nachkriegszeit auf 5000–6000 Jahresstunden gesteigert worden. Diese Belastung ist auf die Dauer zu hoch. Zu Kriegsbeginn verfügtedas Gebiet der heutigen britischen Zone über ungefähr 3,4 Mill. kWh in Eigenanlagen und 3.3 Mill. kW in den öffentlichen Werken; die Betriebe, zu einem großen Teil zerstört, sind inzwischen zu etwa zwei Drittel wiederhergestellt. Die öffentlichen Werke waren dabei, wie sie betonen, fast nur auf Selbsthilfe angewiesen, da sie nicht über Kompensationsmöglichkeiten verfügen(?), wie sie sonst allgemein üblich sind. Die Demontage wird lähmend auf den Wiederaufbau und auf den Neubau wirken, zumal wenn die großen Schmiedepressen abgebaut werden oder die Herstellung von Dynamoblechen in dem beabsichtigten Maße eingeschränkt wird.

Welche Verlagerung in dem Elektrizitätsverbrauch während der letzten Jahre eingetreten ist, zeigt folgende Zusammenstellung aus dem RWE-Versorgungsbereich (in Mill. kWh):