Zwei neue Bücher von Haus Leip

Wie Herr Pambel an Leib und Seele vom Kataklysnia der Bombennacht durchschüttert, angesichts der verwaisten Kinder eines Rivalen im Aufglanz der Erbarmung begreift, "daß nunmehr eine andere Tapferkeit ihm leuchte als die, welche in Berichten rühmend erwähnt wird" – und wie Frau Uwerkink vor sich und dem Schicksal in das zerstörte und geräumte Gelände flieht, das zur Toten Stadt erklärt wurde, dort ihr Kind gebärend. "Die Flammen erblaßten ihr Haar und ihre dürftige Hülle und die mürbe Wölbung der Zuflucht brach über sie herab, barmherzig, das Neugeborene schonend, das Gewesene zu bedecken, daraus das unbeirrbar Göttliche sie heimgeholt hatte in die Harmonie des Alls, die zu stören der Mensch, verdammt ist von Anbeginn entgegen seiner tiefsten Sehnsucht" –: mit tiefem Erschrecken nimmt man es in sich auf. Der Titel "Ein neues Leben", unter dem die zwei Erzählungen von Hans Leip im Cotta-Verlag Stuttgart, erscheinen, macht kaum gefaßt auf ein solches Erschrecken. "Das Schaudern ist der Menschheit bestes Teil", wenn ein Ergriffener und zur großen Beschwörung Bevollmächtigter – in seiner besonderen, aufwühlend, erweckungswuchtigen Weise – dem Grauen das Geheimnis der Gnade entreißt: nicht tröstlich und billig, sondern um den hohen Preis, daß das Erlebte uns abermals heimsuche und nicht loslasse, bis es uns segne. Ein Buch, dem die Leser gewachsen sein, dessen magische Tortur sie aushalten müssen, auf’ daß "ein neues Leben" aus ihrer Erschütterung keime.

"Wer lebt, lebt nie genug", heißt es in den "Kadenzen", die Cotta gleichzeitig herausbringt. "Das Unsägliche zu fangen", hat Hans Leip, der Dichter des Vielschichtigen die Form der Kadenz geschaffen: im Gegensatz zum abgeklärten, breitfeierlichen Sonett erwies sich ihm "die Kadenz" günstig für schwer faßliche schwebende Empfindungen und Gesichte. Denn ihre Form ist biegsam wie eine Pappel im Wind und wie eine Kadenz der Musik, schmiegsam und innerhalb des Gesatzes freizügig und ungebunden und dennoch folgerichtig und genau dem Fortgang oder Abschluß der darüber waltenden Eingebung einzupassen". Die 125 Kadenzen des Buches wissen das Leben, das nie genug gelebt werden kann, auszuweiten ins immer geheimnisträchtigere Unsägliche hinein. Herbert Fritsche

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Robert Dangers: Aus Erde gemacht. Bei Hans Dalk in Hamburg.

Die sehr eigene Sprache dieses Bandes, die besinnliche Haltung des Schreibenden erschließen sich allbereits im lyrischen "Vorgebet", im Prolog des "Einklangs": – "Wer nur im Stein und Mauern begann, weiß nicht die Kräfte zu messen die aus Erde in den Menschen einströmen. Sie sind unverlierbar, unersetzlich. Sie geben und helfen und schaffen. Nur diese Kräfte aus Erde bauen neue Menschen." – Es ist ein Erinnerungsbuch aus einer wahrhaft erfüllten Kindheit, umhegt von einem jener strohgedeckten Fachwerkhäuser, wie sie indem Landstrich um die Dove-Elbe als dauernde Mitte das tätige Leben des gemüsebauenden Bauern behüten. Dangers weiß nicht nur, beschreibend und deutend den gärtnerisch genutzten Acker, das Haus und seine Bewohner ungemein nah und sinnfällig zu malen. Über jedes bloße Memorial hinaus spürt er ihrem unter natürliche Gesetze gestellten Wachstum und Vergehen nach. Stifterische Humanität legitim niederdeutscher Herkunft waltet in der Verbundenheit mit den Pflanzen. Dangers nennt die Pflanze denn geradezu "das erste Wesen der Schöpfung". Da er auch das Dunkle, Dämonische in seinem bäuerlichen "Paradise lost" nicht leugnet, gebührt seinem Buch das Epitheton des Schönen. H. G. M.