Die Leipziger Messe soll die Austauschstätte zwischen den Volkswirtschaften des Westens und des Ostens sein! Diese Worte des brandenburgischen Wirtschaftsministers Rau, gesprochen bei der festlichen Eröffnung der diesjährigen Leipziger Frühjahrsmesse, geben treffend die Tendenz wieder, die in den Leipziger Messetagen entscheidend hervortrat. Besonders deutlich zeigte sie sich im Ausstellungshaus des Auslandes. Hier sprach der Westen zum Osten und auch der Osten zum Westen. Zu Deutschland selbst sprach allerdings nur Ägypten, und für Deutschland allein die "Rasno-Export" die als sowjetische Exportgesellschaft deutsche Spezialfabrikate weltbekannter Firmen exportiert. Die Niederlande gaben mit ihren Schildern in russischer Sprache einen trefflichen Anschauungsunterricht über ihre nach dem Osten gerichteten Ausfuhrwünsche. Und die Staaten des Ostraumes wollen gewiß nicht so sehr nach Deutschland, sondern vor allem nach den Ländern ausführen, die in den gesuchten und leider so knappen Devisen zahlen können. So entwickelte sich Leipzig also in diesem Frühjahr weiterhin zurMesse der östlichen Hemisphäre ...

Würde diese Tendenz anhalten oder sich gar verstärken, dann bestände ohne Zweifel die Gefahr,daß Deutschland ein wichtiges Aktivum einbüßt. Leipzig stellt, und zwar nicht allein für Deutschland die Messe dar. Was messetechnisch und organisatorisch anläßlich dieser Frühjahrsmesse geleistet worden ist, verdient wieder uneingeschränktes Lob. Diese umfassende Schau hat den vielen Besuchern aus den vier Besatzungszonen und auch den ausländischen Besuchern, die selbst im Bereich der Ostzone von der Reichsbahn pünktlich nach Leipzig gebracht wurden, einen fast märchenhaften Eindruck vermittelt. Die technische Ausstellung und die zehn Messehäuser in der Stadt veranschaulichten in überzeugender Form, was die deutsche Wirtschaft leisten könnte, wenn sie frei arbeiten dürfte. Es mag sein, daß Deutschland auf einigen Gebieten zurückgeblieben ist, daß die Mode noch etwas nachhinkt undviele Textilfirmen nur ältere Kollektionen zeigen können. Aber diese und ähnliche Einwände besagen nichts gegenüber dem Gesamtbild.

Natürlich war die Leipziger Messe auch eine imposante Leistungsschau der Wirtschaft der Ostzone. Die volkseigenen Betriebe sparten nicht mit Material, um mit ihren Gemeinschaftsständen ein beachtliches Angebot zu vermitteln. Auch der Exportwille der Ostzone und der sowjetischen Militärregierung hob sich deutlich ab. Trotzdem scheinen die Schwierigkeiten noch recht stark zu sein. Teils fehlt das Material, teils kann das Ausland nicht in Dollar zahlen und teils sind die bürokratischen Schwierigkeiten bei geringen Verdienstmöglichkeiten so groß, daß die Initiative der deutschen Firmen langsam, aber sicher erlahmt. Es muß ehrlich festgestellt werden, daß die Messe eine starke Nachfrage nach deutschen Erzeugnissen seitens des Anslandes klar in Erscheinung treten ließ. Da man anscheinend in Leipzig die Erwartungen wegen des Rückganges des Welthandels seit den Sommermonaten. der Knappheit an Dollars und anderen Devisen und des konjunkturellen Rückschlages in den USA nicht zu hoch gespannt hatte, war man offensichtlich über die Erfolge im Ausfuhr- und vor allem im Interzonengeschäft befriedigt.

Man kann mit einem Gesamtergebnis von 7 Mill. $ rechnen. Jedoch wurde das geschäftliche Gesicht der Frühjahrsmesse durch den Interzonenhandel bestimmt, und daher war das Sonderabkommen in Höhe von20 Mill. RM sehr bald erfüllt. Hier bildeten die Textilien des Ostens, das Eisen und die landwirtschaftlichen Maschinen des Westens eine wichtige Brücke.

Es scheint so, als ob die Besatzungsmacht für die individuellen Eigenarten des deutschen Exportes, die Wichtigkeit des Großhandels und die handelspolitischen Notwendigkeiten mehr Verständnis aufbringt. Man glaubt daher, daß ein Abschluß von Clearing-Verträgen. die ein gegenseitiges Hochschaukeln des Austausches ermöglichen zu erwarten ist. Der Außenhandel der Ostzone würde sich damit langsam von der Dollarfessel lösen.

W. G.