Wir ziehen es vor, unsere Revolutionen zu machen, ehe wir sie feiern", so sagte kürzlich ein Franzose zu einem Deutschen. Dieses ironische Wort galt, dem Eifer, mit dem wir uns auf das Jubiläum 1848 –1948 vorbereitet haben. Und jetzt haben die Feiern begonnen. Sie werden am Tage der Paulskirche in Frankfurt ihren Höhepunkt erreichen,-und vermutlich wird der Spott des Franzosen bis dahin noch "nahmen.

Es läßt sich nicht bestreiten, daß die deutsche Geschichte an Revolutionen weit ärmer ist als die französische". Frankreich feiert jedes Jahr, den Tag der Erstürmung der Bastille als Seinen Nationalfeiertag, der ein echtes Volksfest ist. Für die Vereinigten Staaten spielt der Tag der Unabhängigkeitserklärung die gleiche Rolle als Höhepunkt der amerikanischen Revolution; denn so bezeichnen die Amerikaner selbst ihre Befreiung von britischer Herrschaft. Und die Schweizer feiern den Zusammenschluß der drei Untertöne als Gründung der Eidgenossenschaft. Auch das war eine revolutionäre Tat, mit der fremde Macht abgeschüttelt, Ab eigene Freiheit proklamiert wurde.

Diese großen Gedenktage der Franzosen, Amerikaner und Schweizer sind deshalb so eindrucksvoll, weil hier gleichsam nationale Geburtstage gefeiert werden. Der Sturm auf die Bastille, die Declaration of Independence, der Schwur auf dem Rütli, dies alles sind nicht vereinzelte historische Glanzpunkte, sondern Taten, mit denen Völker ihr Schicksal in die Hand nahmen, um es dann in der Hand zu behalten. Nur aus der geschichtlichen Fortsetzung heraus; sind solche Nationalfeiertage möglich und sinnvoll. Nur solange die ursprüngliche Tat lebendig bleibt, weil sie bis in die Gegenwart hinein sichtbar weiterwirkt, kann ihrer immer wieder bei einem wirklichen Volksfest gedacht werden.

Wir haben nichts dergleichen. Ein Nationalfeiertag läßt sich nicht nachträglich erfinden, und gewiß nicht-, nachdem hundert Jahre vergangen sind. Die Barrikadenkämpfe in Berlin am 18. März 1848 und der Zusammentritt der deutschen Nationalversammlung in Frankfurt am 18. Mai 1848. sind nicht wahrhaft "epochemachende" Daten der deutschen Geschichte. Sie lassen sich nicht Jahr für Jahr in großem Rahmen festlich begehen, und es ist daher zu wünschen, daß im Jubiläumsjahr 1948 keine überschwenglichen Beschlüsse für die Folgezeit gefaßt werden.

Ein wenig könnten wir uns überhaupt den Rat, ein Volk solle seine Revolutionen machen, bevor es sie feiert, zu Herzen nehmen. Wir haben im ken an 1848 sehr viel mehr Anlaß zur Besinnung als zur lauten Festlichkeit. Vor falschen Tönen, vor Legendenbildungen aller Art ist dringend zu warnen erst recht vor einem Mißbrauch der Geschichte zu tagespolitischen Zwecken. Es könnte nur peinlich wirken,wenn drei Jahrenach dem Zusammenbruch Nazismus, der deutsche Liberalismus; von uns als der eigentliche Sinn unserer Geschichte vor der Weltöffentlichkeit angewiesen würde. Der Legende vom "Fridericus" und vom "Eisernen Kanzler" ist nicht durch eine Gegenlegende von den heldenhaften 48ern abzuhelfen, durch die Sage von einem freiheitsbegeisterbe n Volke. das, einzig, und allein der Gewalt unterlag Wir sollten jetzt nicht in den Fehler Verfallen, bei Friedrich und Bismarck nur Schwächen, bei den 48ern nur Vorzüge festzustellen. Es gibt verschiedene Arten des Byzantinismus. Sein Wesen besteht darin, daß man sich Gunst erschmeicheln will, daß diese Gunst, nicht aber die Wahrheit die historische Wertung bestimmt. Wenn wir heute Friedrich den Großen schmähen, die 48er aber heroisieren, so ist das nicht weniger würdelos als das umgekehrte Verfahren in früheren Zeiten.

Weder in der Revolutionszeit 1848/49 noch in der Reichsgründungszeit 1870/71 findet sich ein jag, der an Bedeutung dem 4. Juli 1776 der Amerikaner oder dem 14. Juli 1789 der Franzosen vergleichbar. wäre. Eduard Simson, ein liberaler deutscher. Politiker, hat zweimal eine Deputation geführt, durch die ein preußischer König gebeten wurdede. die deutsche Kaiserkrone anzunehmen. Das erstmal kam er zu Friedrich Wilhelm IV. nach Berlin, das zweitemal in Wilhelm I. nach Versailles. Im Jahre 1849 lehnte der König ab. Er wollte die Kaiserwürde nur aus der Hand der deutscheu, Fürsten, nicht aus der Hand des deutschen Volkes entgegennehmen. Unverrichteter Dinge mußte Simson, der Präsident der Nationalversammlung, nach Frankfurt zurückkehren. Und mit diesem Fehlschlag der damaligen "erbkaiserlichen Partei", die in der Paulskirche die Mehrheit hatte, war auch das Schicksal der Nationalversammlung, das Schicksal der Revolution von 1848 besiegelt. Diese Revolution war steckengeblieben. Das deutsche Volk hatte versucht, seine Einheit und Freiheit selbst zu gestalten; es war dabei gescheitert. Als Simson, diesmal als Präsident des Norddeutschen Reichstags. im Dezember 1870 zu Wilhelm I. kam, hatte er mehr Erfolg. Aber inzwischen waren Reichstag und Volk zu Statisten geworden. Die deutschen Fürsten hatten dem König von Preußen bereits die Kaiserkrone angeboten; ihre Stimmen allein zählten. Und im Grunde gab es damals nur eine Haupt-, figur: Bismarck. Er hatte seinen König, die deutschen Fürsten und das deutsche Volk im Schlepptau seiner Politik. Die deutsche Einheit war sein persönliches Werk, nicht eine Tat der Nation. Der 18. Januar 1871 war ein großer Tag für das deutsche Volk, aber kein Tag des deutschen Volkes. Das unterscheidet ihn von den schöpferischen Gedenktagen der französischen und der amerikanischen Geschichte. Und in der Revolutionszeit nischen gab es zwar Tage des deutschen Volkes, aber es waren keine großen, keine schöpferischen Tage. Die Deutschen versuchten ihr Schicksal in die Hand zu nehmen, und es entglitt ihnen wieder. Sie haben es seitdem nie wirklich in der Hand gehabt, weder 1871 noch 1918, weder 1933 noch 1945. Deutschland hat niemals zugleich die Einheit und die äußere und innere Freiheit besessen. Die Steige Revolution seiner Geschichte galt diesen Zielen und blieb stecken. Wir feiern sie heute, obwohl wir von der Einheit und der Freiheit weiter jemals entfernt sind. Wir sind ein merkwürdiges Volk.