Von Ernst Single

Eskommen jetzt so viele Abordnungen zu uns, inländische und ausländische. Zum Studium der Binnenschiffahrt und des Kartoffelkäfers und anderer Probleme. Die Delegation, der Herr Sven Soond angehörte, war eine nordische Delegation. Sie hatte mit Holz zu tun und tagte in einem Hotel das den Zeiten Trutz geboten. Es hieß Prinzen-Hof und verfügte über ein völlig intaktes Dach und einen Spiegelsaal mit Marmorkonsolen. Ihren Küchenwagen hatte die nordische Abordnung mitgebracht. Papier und Schreibkräfte stellte die gastgebende Stadtverwaltung.

Da saßen sie, die nordischen Holzeleute, und unter ihnen saß Herr Sven Soond. Herr Soond war schläfrig und schlaff. Gespräche. über Holz vermochten ihn nicht zu beleben, nach dem Essen schon gar nicht, und sooft er durch das Fenster sah, betrübte ihn der Anblick eines Kaminskeletts, um das herum wohl früher ein Haus gestanden hat.

Blieb nur das einheimische Schreibfräulein drüben am Tisch zu betrachten. Für Herrn Soond stellte sie die Umkehrung eines Schönheitsideals dar, dessen er durch Gewöhnung überdrüssig geworden. Sie war nicht blond, nicht groß, nicht braunhäutig, keine Schwimmerin und keineDiana. Sie war das, was alte Lüstlinge einen zarten Pagen zu nennen pflegen. Aber Herr Soond war Familienvater und handelte mit Holz, und es war wenig Königliches an ihm. Und so würde sich wohl auch kein Page zu ihm finden.

Jedoch er fand sich zu ihm. Es war nicht Herrn Soonds Verdienst, aber es war sein Gewinn. Ein so unglaublicher Gewinn, daß ihm, als er ihn eine Stunde später wachen Sinnes überschlug, noch die Seine zitterten. Waren da die Kellner in den Spiegelsaal gekommen, dreie, viere an der Zahl, mit Tee, Kuchen und. Leckereien aus dem nordischen Küchenwagen. Und der mißlaunige Herr Soond hatte mit dröhnender Stimme geschrien: "Wache raus!"Werkonnte wissen, daß diese beiden Worte Sven Soonds ganzen deutschen Sprachschatz ausmachten und daß er sich dieses aufgeschnappten Kommandos sowohl zu Scherz und Schalk als zu bärbeißiger Abwehr bediente. Erst als die Dunkelbefrackten beleidigt mit ihren vollen Tabletts wieder abzogen, sah Herr Soond im Spiegel, was damit nun angerichtet war. Das deutsche Schreibfräulein hatte seinen Bleistift auf den Block fallen lassen und blickte dem entschwebenden Kuchen mit tränendunklen Augen nach.

Herr Soond fühlte sich über Nutzholz, Schlaglohn und Seefrachten in blaue Weiten gehoben, und nach der Sitzung näherte er sich dem jungen Schreibfräulein auf trunkenen Füßen.

Sie hieß Barbara und vermochte sich in nordischen lauten leidlich zu verständigen. Sie trug ein maiweißes Blüslein, auf das ihr schwarzes Haar lang und wellig darniedersank, dazu einen ockerroten Gürtel und ein braunes Schülerinnenröckchen. Wenn man ihr einige fehlende Monate nachsah; war sie achtzehn.