In verschiedenen Städten der Westzonen angestellteErhebungen über die Entwicklung der Einzelhandelsumsätze in der Nachkriegszeit geben. Aufschluß über einschneidende Änderungen, die im Verbrauch von Nahrungs- und Konsumgütern gegenüber normaleren Jahren eingetreten sind. Neben Untersuchungen des Hamburger und Essener Textileinzelhandels und einem Bericht der Industrie- und Handelskammer Koblenz vermittelt nun auch eine Dortmunder Statistik wertvolles Zahlenmaterial. Solchen regionalen Erhebungen kommt heute besondere Bedeutung zu, weil den Wirtschaftsvereinigungen Ermittlungen in größerem Rahmen vorläufig noch untersagt sind. Vergleiche der Zahlen untereinander zeigen jedoch, daß – von Unterschiede abgesehen, die auf örtliche Sonderverhältnisse zurückzuführen sind – auch solchen Statistiken begrenzten Charakters repräsentativer Wert zukommt.

Die Frage: Für welche Warenarten gibt der Verbraucher sein Einkommen aus, soweit dies nicht durch Aufwendungen für Miete, Einkäufe in Handwerksbetrieben oderfür Reparaturen, Steuern, Kinobesuch usw. (auch Schwarzmarktkäufe) absorbiert wird? Antwort: Vor dem Kriege nahm unter den fast 300 Mill. RM betragenden Umsätzen des gesamten Dortmunder Einzelhandels (das war mehr als ein Fünftel aller Einzelhandelsumsätze in Westfalen/Lippe) mit einem Anteil von 36,2 v. H. der Lebensmitteleinzelhandel (einschl. der Filialbetriebe) die erste Stelle ein, die zweite der Textileinzelhandel mit 26,3 v. H. In sehr weitem. Abstand folgten die Warenhäuser mit 8,0 v. H., deren Umsätze ebenfalls weitgehend aus Lebensmitteln und Textilien bestanden. Eisenwaren und Hausrat (4,7), Möbel (4,5), Tabak (3,6), Schuhe (3,4), Konsumgenossenschaften (3,4 v. H.) usw. Im Jahres 1946 sind die Gesamtumsätze des Einzelhandels auf 48,1 v. H. gefallen. Das Will an sich nicht so ungünstig erscheinen, auch wenn man Ausweichartikel, Reparaturen und ein verändertes Preisniveau einrechnet. Aber es überrascht, daß die Umsätze der Fachgeschäfte des Lebensmitteleinzelhandels mir um 15,3 v. H. zurückgegangen sind und demzufolge ihr Anteil an den Gesamtumsätzen des Einzelhandels auf 56,4 v. H. (einschl. Filialgeschäfte) stieg. In absoluten Zahlen: Vom Fachhandel würden 1938 über 78 Mill. und 1946 rund 61 Mill. umgesetzt, von den Lebensmittelfilialgeschäften 25 Mill. bzw. 16 Mill. RM. Von den 539 000 Einwohnern des Jahres-1938 gab also jeder jährlich etwa 192 RM im Lebensmittelhandel aus, von den 438 000 Einwohnern des Jahres 1946. jeder etwa 176 RM. Je Kopf der Bevölkerung trat also nur ein Rückgang um 9 v. H. ein. Da die Zahl der Fachgeschäfte um ein Drittel abnahm, nämlich von 1759 auf 1172, stieg der Umsatz je Unternehmenvon 44 600 RM vor dem Kriege (Reichsdurchschnitt 1937 rund 25 000 RM) auf 51 600 RM im Jahre 1946, eine Entwicklung, die manche bisherigen Auffassungen berichtigen wird... Die Gründe für diese Erscheinung liegen, natürlich nicht, wie jeder weiß, etwa in einer-fast friedensmäßigen Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln aller Art, sondern gehen auf den Verkauf von verhältnismäßig teuren Ersatzartikeln wie z. B. Pasten, Aromen, Brotaufstrichmitteln zurück; also Erzeugnissen ohne besonderen Nährwert Die Umsatzsteigerung beruht in Wirklichkeit auf ernährungswirtschaftlichen Illusionen.

Dagegen sind die Textilumsätze um 80 v. H. gefallen; Diese Zahl deckt sich fast genau mit den in Essen und Koblenz ermittelten Werten. Dagegen hebt sich der in Hamburg unlängst festgestellte Umsatzrückgang um "nur" 65 v. H. einigermaßen davon ab. Bei der Verschiedenartigkeit der Grundlagen der Erhebungen und bei der besonderen Struktur des Textileinzelhandels in den westdeutschen Großstädten, die als Einkaufszentren früh für eine weitere Umgebung eine sehr bedeutene Rolle spielten, lassen sich aus dieser Differenz zunächst noch keine weiteren Rückschlüsse ziehe k. In Dortmund betrug 1946 jedenfalls der Anteil des Textileinzelhandels an den Gesamtumsatzes nur noch 11 v. H. gegenüber 26,3 v. H. früher Noch stärker ist infolge des vollkommen unzureichenden Warennachschubs der Umsatz der Möbelgeschäfte gesunken. Er belief sich auf 14,3 v. H. der Vorkriegsumsätze und dürfte dazu überwiegend nur aus Reparaturaufträgen oder dem Verkauf von Bildern, Kacheltischen und ähnlichen Ausweichartikeln bestanden haben. Der Anteil am Gesamtumsatz des Einzelhandels ist von 4,5 v. H. auf 1,4 v. H. gefallen. Unter dem Durchschnitt liegen auch Blumengeschäfte, Tabakhandlungen, Bürobedarfs- und Tapetengeschäfte.

Alle übrigen Einzelhandelsbetriebe hatten Umsatzrückgänge von weniger als 50 v. H. Der Tiefpunkt war 1945 mit 29 v. H. erreicht worden. Ein Kuriosum stellen die Fachgeschäfte für Seifen und Parfümerien dar. Ihre Umsätze betrugen 103 v. H. der Friedenseinnahmen. Wie im Lebensmitteleinzelhandel Wird auch hier für "Illusionen" ein nicht unbeträchtlicher Teil des Einkommens ausgegeben. Aber leider läßt sich eben auf die Dauer von Kosmetika und Aromen nicht leben. Und Wärme spenden sie auch nicht. Sf.