Der junge schweizerische Dramatiker Friedrich Dürrenmatt ist der Autor des Dramas "Der Blinde", das ebenso in die Weite wie in die Tiefe wirkt. Von dem 27jährigen Dichter kam 1946 im Züricher Schauspielhaus sein Erstlingswerk heraus: "Es steht geschrieben." Damals schon wußten Hellhörige, daß hier ein großes Talent am Werke war. Wer daran noch zweifelte, dem wurde es jetzt bei der Uraufführung des "Blinden" klar. – Friedrich Dürrenmatt wuchs als Sohn eines evangelischen. Pfarrers in der Nähe von Bern auf Und studierte an der Berner Universität Philosophie. Seit einiger Zeit lebt er in Basel. – "Der Blinde" ist ein Leidender unserer Zeit. Ein hartes Schicksal hat ihn des Augenlichts beraubt, aberumso mehr wuchs ihm die innere Sicht, das Wissen um letzte Erkenntnisse. Sein Gegenspieler ist Negro da Ponte, ein Mephisto, der den Erblindeten mit allen Schikanen zu Tode hetzt und ihm keine Bitternis des Lebens erspart. Am Ende aber überwindet der Blinde den Überheblichen, dem der Boden wankt und der in den Abgrund sinkt. Die Handlung spielt im Dreißigjährigen Kriege und bietet erstaunliche Parallelen zur Gegenwart. Aus Schutt und Trümmern grinst uns das Elend eines verlorenen Krieges entgegen mit all seinen erschütternden Folgeerscheinungen. Inmitten dieses Chaos aber ragt wie der "reine Tor" dieser Blinde auf, ein Licht aus einer anderen Welt. – Dem Stück wurde eine ausgezeichnete Wiedergabe zuteil. Die Inszenierung leitete Ernst Ginsberg, das Bühnenbild schuf Max Bignens. Heinz Woester gestaltete die Titelrolle groß und von ihnen heraus, während Kurt Horwitz meisterhaft den Gegenspieler abgab. Es war nicht nur die dichterische Vision, die die Zuschauer bannte, sondern auch die spannungsreiche Sprache, von der hier mit Sätzen des Peinigers Negro da Ponte eine Probe gegeben sei:

Mit dem Schrei dieses Blinden beginnt mein Spiel, Prinz Palamedes. Es ist erbärmlich, denn das Wahre ist stets erbärmlich. Der Vorhang hebt sich, und ihr seht nichts weiteres als einen Menschen, den Inhalt. meines Spiels.

Daher führe ich es nicht irgendeinem Fürsten vor, der gern gute Verse hört, oder Leuten, die gern Trauerspiele nach der Mahlzeit sehen, damit auch der Kopf voll • werde: Sondern ich biete mein Spiel jenen dar, die allein das Erbärmliche (begreifen, den betrunkenen Soldaten, die die unterdessen übergeben, und den Dirnen, die sich dabei schon dem Nachbarn verschachern. Diese sehen einen Menschen und lachen, diese bemerken seine Blindheit und hatten sich die Bäuche.

Sie haben den Mut, kein Mitleid zu haben,

Sie blicken nach ihm und halten fest, wie er geht, das Stadien seines Fußes und die weiten Bewegungen der Arme. Dann gibt es nichts Lächerliches für sie als diesen Blinden. Was er tut? ist ein Wahn, und was er glaubt, ist ein Wahn,

Er saß inmitten der Trümmer und war glücklich.

Ein Wort meines Mundes, ein leichter Atemzug, und sein Glück war von ihm, genommen.