Amerikanische Geschäftsleute haben eine unmittelbare Art, einfache Fragen zu stellen, wo andere Menschen vor komplizierten Zusammenhängen erschauern. Und so fragte ein amerikanischer Geschäftsmann auf einer "Vergnügungsreise" zum UNO-Sitz am Lake Success eine Gruppe von internationalen Journalisten: "Wie steht denn das – Spiel Amerika gegen die übrige Welt, im Lebensstandard ausgekochten?" Keiner der verblüfften Journalisten, wußte die Antwort: Aber einer von Ihnen der älteren deutschen Zeitungslesern noch wohlbekannte Günther Stein, machte sich die Mühe, diese Verhältnisziffer einmal annäherungsweise zu ermitteln und veröffentlichte das Ergebnis im Londoner ,,Spectator".

Das erschütternde Ergebnis lautet knapp und bundig 14 : 1. Der Durchschnittsamerikaner hat einen Lebensstandard vierzehnfach so hoch Wie der Durchschnittsbürger der übrigen Welt. Gewiß kann man den Lebensstandard für den Neger im afrikanischen Busch, den englischen Grundbesitzer, den französischen Rentner, den deutschen Bergarbeiter, den Schweizer Straßenbahnschaffner, den russischen Bauern und den chinesischen Kuli für gewöhnlich nicht auf einen Nenner bringen. Aber warum nicht ausnahmsweise doch einmal, sei es auch nur, um einen klaren Begriff von der amerikanischen Lebenshaltung zu bekommen? Den Ausgangspunkt für die Ermittlung dieser Verhältnisziffer bildete eine Erklärung des amerikanischen Handelsministers Harriman, das Volkseinkommen der USA habe vor dem Kriege 30 v. H. des gesamten Volkseinkommens der Welt betragen. Dies ergibt – bei 130 Millionen Amerikanern und 2 Mrd. übrigen Erdbewohnern – eine Vorkriegsrelation von 7 : 1.

Seitdem hat sich das Einkommen der Durchschnittsamerikaners (nach Berücksichtigung, der gestiegenen Bevölkerungszahl in denUSA, sowie der höheren Preise und Steuern) um fast die Hälfte erhöht. Schwieriger war es, die Entwicklung des Einkommens der übrigen Erdenbürger abzuwägen. Zunächst die Ernährung: sie hat sich trotz der erhöhten Nahrungsmittelexporte der USA für den Nichtamerikaner seit 1939 um 15 v. H. vermindert. Dann die industrielle Produktion: gegenüber einer Enhöhung um 56 v. H. in den USA ist sie für den Rest der Welt um 25 v. H. zurückgegangen. Daraus müssen jedoch noch erhebliche Aufwendungen für die Beseitigung von Kriegsschäden, für die Herstellung von Kriegsmaterial (die bei den amerikanischen Schätzungen bereits abgesetzt ist) und für andere Aufgaben abgezogen werden, die nicht der Lebenshaltung des einzelnen zugate kommen. Eine Senkung des Lebensstandards außerhalb der Eine einigten Staaten seit 1939 um ein Drittel erscheint deshalb nicht zu pessimistisch geschätzt. Und damit hat sich das Verhältnis des zur Lebenshaltung verfügbaren Einkommens auf 47 v. H. für nunmehr 143 Mill. Amerikaner und 53 v. H. für fast 2 1/4 Milliarden Nichtamerikaner verschoben. So kommt es zu der erwähnten Relation von 14 : 1 zugunsten des Durchschnittsamerikaners. –

Nun könnte man einwenden, daß Volkseinkommen noch nicht gleichbedeutend sei mit Lebensstandard, weil z. B. die Bananen auf den Kanarischen Inseln Wesentlich billiger seien als in New York. Auch darauf; gibt es jedoch Zahlen, die für sich antworten. Ton der Nahrungsmitteleizeugung der Welt werden gegenwärtig 16 v. H. in den USA erzeugt und 14 1/2 v. H. verbraucht. Die in Kalorien gemessene Diät der Amerikaner liegt um 72 v. H. über der "Sicherheitslinie" (ausreichender Er- – nährung und 130 v. H. über dem "Existenzminimum". An industriellen Erzeugnissen produzieren die Amerikaner 60 bis 65 v. H. und verbrauchen sie etwa 55 v. H.

Müssen wir nun resigniert die Hände in den Schoß legen und uns mit dem Stoßseufzer abfinden "Amerika, du hast es besser"? Die grundsätzliche Wendung in der amerikanischen Haltung vom Isolationismus zum Verantwortungsgefühl für die Sicherstellung eines Mindest-Lebensstandards in der übrigen Welt, wie sie am deutlichsten in Marshall-Plan zum Ausdruck kommt, ist ein Hofnungsschimmer der helfen kann unsere Resignation als "Nichtamerikaner" zu überwinden. Ein anderer Hoffnungsschimmer liegt in der ebenfalls im sich greifenden amerikanischen Erkenntnis, daß die Steigerung des eigenen Lebensstandards nicht für alle Zeiten weiter so rapide steigen kann wie in den letzten 10 Jahren, wenn die übrige Welt nicht Schritt halten kann. Man braucht nur an das große amerikanische Interesse am Absatz für Baumwolle oder für Tabak zu denken –, dem sicherlich in den nächsten Jahren ein ähnlich großes Interesse am Absatz industrieller Fertigwaren folgen wird –, um die Verbundenheit zwischen der weiteren Verbesserung des amerikanischen und des nichtamerikairischen Lebensstandards zu spüren. Und da wir in Europa recht genügsam, geworden sind, so werden, wir zunächst schon damit zufrieden sein, daß sich infolge der wachsenden amerikanischen Exportinteressen das Verhältnis nicht über den gegenwärtigen Stand von 14 : 1 hinaus noch weiter verschlechtern wirdl. Gw.