Daß Recht jederzeit und unter allen Umständen Recht bleiben müsse, ist ein Satz, den in unseren Tagen viele in der Welt für überholt halten, für eine ideale Forderung, die der rauhen Wirklichkeit nicht entspricht. Es sind nicht so sehr die beiden großen Kriege gewesen, die dieses skeptische Urteil hervorgebracht haben, Inter arm silent leges, im Wartemann schweigen die Gesetze, diese oft zitierte zur Entschuldigung vorgebrachte Sentenz aus Cicèros Rede pro Milone hat im ersten Weltkrieg zumindesten bei allen Gegnern keine Anwendung gefunden, um verbrecherische Handlangen zu beschönigen oder gar zu verzeihen. Es tot vielmehr die geistige Vorbereitung zu einer Anarchie. der Moral, die von Stirner, Bakunin und Nietzsche begonnen, von Lenin revolutionär, von vielen westlichen Denkern und Schriftstellern durch allgemeine Skepsis fortgesetzt worden ist, die Auflockerung der Moral also ist es gewesen, die zu einer allgemeinen Erschütterung der Rechtsbegriffs geführt hat. Drei große staatliche Systeme; das bolschewistische, das faschistische und das nationalsozialistische hoben aus diesem Ungeist heraus das Prinzip aufgestellt, daß Recht sei, was dem Staate nützt, und daß es ein allgemein und immer gültiges Recht nicht gebe.

In den demokratischen Staaten, in den beiden großen angelsächsischen Ländern vor allem, ist diese Auffassung dem Prinzip nach immer als verbrecherisch betrachtet und mit Abscheu zur Kenntnis genommen worden. Und man kann als den tiefsten Grund für die -Entstehung des zweiten Weltkrieges, des Krieges gegen Hitler, die Überzeugung bezeichnen, daß es notwendig sei, dem Recht, der verletzten Majestät des Rechtes, wieder allgemeine Geltung in der Welt zu verschaffen.

Als nun im Verlauf dieses Krieges die alliierten Heere nach Deutschland kamen, da fanden sie ein Land, in dem von Staats wegen unerhörte Verbrechen befohlen und ausgeführt worden waren. Sie hörten und lasen die Aufrufe Hitlers zum zivilen Widerstand, zur Bildung von Werwolf-Verbinden, sie glaubten eine Bevölkerung vor sich zu sehen, die aus potentiellen oder wirklichen Verbrechern bestand, und sie meinten, sich sichern zu müssen vor heimtückischen Angriffen, die jederzeit aus dem Dunkeln gegen sie geführt werden könnten. Und so mochte die Frage entstehen, ob denn gegen eine solche Bevölkerung das gleiche Recht angewandt werden dürfe, das in der übrigen Welt Geltung hat, da doch die Verbrechen weit über das Maß dessen hinausgingen, was das bisherige kodifizierte Völkerrecht für möglich gehalten hatte. Bekanntlich hat die sorgfältige Abwägung dieser Frage im ersten Nürnberger Prozeß eine überagende Rolle gespielt.

Die Deutschen und besonders diejenigen unter ihnen, die sich eines guten Gewissens erfreuten, standen den Sicherheitsmaßnahmen der westlichen Alliierten zunächst beobachtend und später fassungslos oder ablehnend gegenüber. Sie fühlten sich unberechtigterweise mit Verbrechern,, die sie doch verabscheut hatten, in eine Klasse eingereiht. Sie konnten nicht begreifen, daß ihre Befreier nicht die Freiheit brachten. Und als sie erfuhren, daß auch Mitglieder der Besatzungstruppen Verbrechen begingen, die manchen glichen, für deren Duldung man sie verachtete; erlitt das neugewonnene Gefühl vom Sieg des Rechts einen Stoß, der schwere psychologische Folgen hatte. Da nützte es wenig, den Satz zu predigen-, daß Macht, wenn einzelne sie unkontrolliert ausüben dürfen, schwache Naturen leicht zum Verbrechen reizt.. Man wartete auf die Bestrafung, und was schlimm war, viele sahen in ihrem Ausbleiben eine Entschuldigung für das, was in Deutschland während der Hitlerzeit begangen worden ist.

Da ist es denn von schönster Bedeutung, daß jetzt mitten in Deutschland, in der britischen Zone, vor einem englischen Kriegsgericht in Hannover öffentlich ein Prozeß gegen englische Offiziere geführt wird, denen die Anklage vorwirft, im Untersuchungslager Bad Nenndorf deutsche Gefangene mißhandelt zu haben, um sie zu Aussagen zuzwingen. – Für alle Deutschen ist es von großer Wichtigkeit, sich in ihren Gedanken und Überlegungen mit diesem Prozeß ausführlich zu beschäftigen Nicht, was dort im einzelnen zur Sprache kommt, sondern die Tatsache, daß eine Besatzungsmacht eine solche Verhandlung mitten im besetzten Gebiet öffentlich führt, ist dabei bedeutungsvoll. Damit ist denen, die sagen, da sehr ihr es, die Sieger sind auch nicht besser, das Argument aus der Hand geschlagen. Denn, so müssen wir hier fragen, gab es unter Hitler die gleiche Gerechtigkeit? Wäre es möglich gewesen, in Deutschland, geschweige denn in einem besetzten Lande, zur Nazizeit einen solchen Prozeß gegen Angehörige des eigenen Heeres, der SS, der Partei oder der Polizei zu führen? Es ist bereits durch die Pakenham-Aktion, auf Grund derer die Internierungslager sich beschleunigt leeren, durch die Aufhebung des Lagen Adelheide für Militaristen und Personen, die die Sicherheit gefährden könnten, durch die Aufhebung des Nenndorfer Untersuchungslagers und die Einsetzung von Tribunalen zur Prüfung der angeforderten Auslieferung von Kriegsverbrechern ein großer Schritt zur Wiederherstellung des Rechts-, bewußtseins getan. Der Prozeß in Hannover aber, in dem England zeigt, daß Recht immer Rechtbleiben muß, auch wenn es sich gegen die eigene Armee wendet, ist der schönste Beweis für die Überlegenheit der Demokratie. Denn wo sonst als bei ihr hat das Recht heute eine Stätte? Tgl.