In den großstädtischen Kinos (die kleinstädtischensind weit zurück) kann man gegenwärtig einen Film, sehen, der mitten im Wust der ziemlich durchschnittlichen oder gar minderwertigen Zelluloidstreifen von heute nicht nur angenehm auffällt, sondern zugleich symptomatisch ist für die Situation des deutschen finnischen Schaffens. Er heißt "Film ohne Titel". Schon dieser titellose Titel, den die Drehbuchautoren Helmut Käutner, Ellen Fechner und Rudolf Jugert ihrem Werk gaben, ist originell. Doch nicht nur dies: er ist auch ein untrügliches Zeichen echter Verlegenheit, die bei der allgemeinen Ziel- und Ratlosigkeitunserer neuen Umwelt ohne Basis nur selbstverständlich ist. Dieser Ratlosigkeit wird durch eine Rahmen Handlung auch offen Ausdruck gegeben, in der drei Filmleute hin und her überlegen, wie sie sich aus der Affäre ziehen, sollen. Ihre Aufgabe: eine Filmkomödie der Gegenwart. Das heißt: ein Lustspiel traten Trümmern soll es sein. Soll? Ganz offenbar ist’s "höhere Eingebung", die darauf bestand, uns die Trümmer unseres Daseinsauch aufder Leinwand sehen zu lassen. Ganz offenbar sollten uns die Zeugnisse böser Taten zur Umkehr und Besserung noch eine Weile vorgeführt, werden. In diesem Fall ist daraus eine echte, einfache, von Trümmern flankierte Liebesgeschichte um einen verzärtelten Berliner Kunsthändler und eine Hausangestellte geworden, die, ein Mädchen vom Lande, später die Besitzende und die Retterin für "ihn", den verarmten Flüchtling Wird – wobei der natürliche, klare Handlungsablauf offensichtlich von Ellen Fechner stammt, während Käutner die geistvollen Glanzlichter parodistischer Szenen daraufgesetzt hat, die den Film in verschiedenen Fassungen enden lassen: sowohl nach alter optimistischer Kitschschablone (wobei Willi Fritsch in gewinnender Selbstironie alte Platten auflegt) als auch pessimistisch in expressionistischer Manier und dann auch echt und aufmunternd in einer dem heutigen Alltag mehr adäquaten Weise. Söhnker war dezent und sympathisch der Filmheld, der keiner mehr ist, und Hildegard Knef, die begabte junge Schauspielerin. die inzwischen nach Amerika geheiratet, hat, legte eine Talentprobe ab, die tief beeindrucken konnte. Kurz, um seiner Ironie und seines Scharmes willen war dieser titellose Film ein Lichtblick. Doch wenn man ihn tadeln wollte, so müßte man es aus den gleichen Gründen tun. Denn aus Ironie und Scharm entstand jene "feuilletonistische" Unverbindlichkeit, die der künstlerischen Entscheidung auswich und auch geistig keinen Schlüssel fand zur Flucht aus der heutigen Ausweglosigkeit. Besser jedoch mit Scharm und Können vorbei an dem Ernst der Situation als ungekonnt tief hinein!

Den ersten Hans-Albers-Nachkriegsfilm "Und über uns der Himmel" kann man nicht freisprechen von dem Vorwurf, "daneben gehauen" zu haben, obwohl die Vitalität dieses Schauspielers und die packende Lebenskraft der im Hintergrund agierenden Stadt Berlin. – starken Eindruck hinterließen: Aber die Story vom schnell und radikal sich bessernden Schieber war gar zu äußerlich und propagandahaft. Echt waren nur die Trümmer. Aber müssen es unbedingt die Trümmer sein-, die den gegenwärtigen Film charakterisieren? Inzwischen sind nun historische Stoffe freigegeben worden, Diesmöchten wir, die wir trotz allem für den Gegenwartsfilm plädieren, begrüßen, soweit es sich um Themen handelt, die zeitnah sind! Was die Filmschaffenden brauchen, ist in jedem Fall ein möglichst hohes Maß von thematischer und künstlerischer Freiheit. Nur so können sie das Vorbild ausländischer Filme nutzen!

Wie war es denn, als uns nach langer Pause Gelegenheit gegeben wurde, ausländische Filme zu sehen? Wir waren voller guter Erinnerungen und großer Erwartung gewesen. Doch siehe, es kamen die alten durchschnittlichen oder schlechten Ladenhüter am Da wurden wir – noch ehe wir eigene Filme drehen konntenüberheblich und kritisierten, daß man uns zur Umerziehung nicht das Beste vom Besten bot. Wir sahen dann einige Spitzenfilme dies Auslandes: die machten uns – zumal wir selbst wieder zu filmen begonnen hatten – bescheiden, weil wir nichts dagegenzusetzen hatten. Dann begegneten wir, allerdings nur in interner Vorstellung, dem in Deutschland verlorengegangenen undin Schweden uraufgeführten Käutnerfilm "Unter den Brücken", dieser meisterhaften, künstlerisch dichten lyrischen Suite aus der Perspektive der Kahnschiffer. Da gewannen wir unser Selbstbewußtsein wieder.

Diese Lektionen waren gut. Sie waren geeignet, uns Klarheit zu schaffen. Sie bestätigten uns oft genug die alte Erfahrung, daß die meisten Filme drinnen und draußen billige Durchschnittsware sind, über die sich in geringer, sehr geringer Zahl die Spitzenfilme von künstlerischem, ästhetischem und ethischem Belang hinausheben. Wir fanden, daß die Filmindustrie nun einmal – Industrie ist die in den einzelnen Ländern zum wirtschaftlichen Machtfaktor geworden ist und mit immer besseren technischen Mittel: Fabrikware erzeugt. Das war auch früher so. in Deutschland allein ist das heute anders. Und darin liegt unsere Chance. Im Ausland wollen nur einzelne Modelle echte, große Kunstwerke sein, die von großen Künstlern und schöpferischen Pionieren geschaffen, dann nachgeahmt und schließlich klischiert und schablonisiert werden, wenn dem Vorbild Erfolg beschieden war. Vorläufig können die Freunde und Förderer des Films der ganzen Welt nur wünschen, es würden möglichst viele Modelle "auf den Markt" kommen, die solche Kassenerfolge werden, daß das Geschäft der industriellen und der Geschmack der Massenabnehmer daran wächst, bis die billige Ware nicht mehr gefragtist.

Einst, in der Stummfilmzeit, haben die russischen Filme von Pudowkin und Eisenstein durch ihre filmeigene Sprache Aufsehen erregt und das höchste Richtmaß abgegeben; dann, in der ersten Tonfilmzeit, ging die Traumfabrik Hollywood in Führung. Heute aber hat der französische Film eindeutig die Führung übernommen. Hier sind in der Tat wahre Künstler am Werk, die mit psychologischer Schärfe, Geist, technischer Meisterschaft und kamera eigenen Mitteln die Filmkunst fördern; schon die Virtuosität allein, – mit der sie das Licht, dieses einzigartige Kunstmittel des Films, in ihren Kompositionen benutzen, fordert. Bewunderung der Welt heraus. Technisch ist im übrigen die Enttwicklung zum Farbfilm stetig fortgeschritten, obwohl der Krieg hemmend wirkte; der nächste Schritt wird zum plastischen Film führen, mit dem Rußland. das in Moskau ein großes Kino für plastische Filme besitzt, schon heute richtunggebend ist. Jedoch Einheitlichkeit; im Filmgeschmack gibt es nirgendwo. Die Stil- oder schlichter gesagt Geschmacksrichtungen der filmischen Ware reichen noch heute vom Sitten- und Aufklärungsfilm der ersten Jahre, vom Grusel- und Kriminal- und utopischen Kintopp bis zum Gesellschafts- und Ausstattungsfilm der Traumfabrikzeit – fürwahr: die fortschrittlichste Kunst, der Film, ist zugleich die am meisten altmodische. Vom Genre "Traumfabrik" sahen wir vor kurzem den pompösen englischen Film "Cäsar und Cleopatra", dem der Ehrfurchtsschauer einjagende Ruf voranlief, fünf Millionen Dollar gekostet zu haben. Und doch sind zumindest die deutschen Zuschauer dabei nicht auf ihre Kosten gekommen, da der Pfeffer der Shawschen Dialoge, wenngleich zum Teil extrahiert aus> seinem Schauspiel gleichen Titels, durch die Synchronisation um seine Wirkung kam. Wie seltsam: Shaw auf seiten des Vieux Jeu! Des Franzosen Cocteau Film "La belle et la bète", und der preisgekrönte russische Farbfilm "Die steinerne Blume" aber werdet als stilbildend für die neueste Epoche des Films zitiert, der an die Stelle der Realistik die romantische Unwirklichkeit und an Stelle der Psychologie die Phantastik setzen möchte. Und wie interessant, daß das neue Licht sozusagen zu gleichen Teilen aus Frankreich und aus Rußland kommen soll, aus Rußland, wo bisher das Wort "realistisch" in jedem dritten Satz aller Kunstanweisungen erschien!

Ein helles und starkes Licht jedenfalls, das in unseren Tagen--der Fragwürdigkeit, der geistigen und seelischen Not, aufgingund dem Film neue Möglichkeiten shuf, ist die künstlerische Auseinandersetzung mit religiösen Motiven. Einer der stärksten amerikanischen Filme war. "Die Glocken von St. Marien", in dem ein religiöses Erziehungsproblem behandelt wird. Und eben jetzt ist Abel Gance in den USA dabei, einen Farbfilm nach dem Leben Jesu zu drehen. In England hat der allgewaltige Filmmillionär Arthur Rank, der heute noch gelegentlich als Sonntagsprediger in einer Methodistenschulewirkt, damit begonnen, biblische Filme, für’seine Methodisten-Gemeinde herzustellen, seit er zu seinem Kummer feststellte, daß in die Kinos mehr als fünfmal so viel Leute gingen als zur Kirche. Und er erklärte in einem amerikanischen Interview: "Ich sah aber ein, daß es nichts nützte, billige, schlecht gemachte Filme in den Kirchen zu zeigen." So ist er, ein Finanzgenie, am Aufstieg des künstlerischen englischen Films der letzten Jahre maßgebend beteiligt, er, der "die Kirchein das Kino" trug. Wiederum aber sind die Franzosen ganz vorn mit ihrem Film. "Monsieur Vincent", der in Hamburg, als – er in kleinem Kreise gezeigt wurde, beim Publikumtiefe Nachdenklichkeit, ja Erschütterung zurückließ. Kein Geringerer als Jean Anouilh ist maßgeblich beteiligt an den Dialogen dieser Filmlegende, und der große Darsteller Pierre Fresnay spielte den von der Kirche heiliggesprochenen Geistlichen Vincent, de Paul, der in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts sein Leben den Armen widmete, mit meisterhafter Überzeugungskraft. Zwar sind an die Ausstattung des realistischen Zeitkolorits ungeheure Mittel verschwendet, aber die bilderbuchartige Szenenfolge ist von hinreißender Echtheit und in der chaotischen Zerrissenheit und sozialen Not jener Tage, hervorgerufen durch Glaubenskämpfe und Bürgerkriege, von erschütternder Ähnlichkeit mit dem Elend unserer Zeit. Ein Vorbild für jeden künstlerischen Versuch, Probleme der Gegenwart aus hoher Schau zu deuten. Kein Zweifel übrigens, daß eine andere Spielart des Films, nämlich der Dokumentarfilm, eine hohe Qualität und einen eigenen Stil bereits entwickelt hat. – Die deutschen Kinobesucher haben die aus der Schweiz stammende "Letzte Chance", gesehen – ein Meisterwerk! Von einem englischen Zeit-Film "Friedl"; der zu dem Thema der Heirat zwischen "Feinden" Stellung nimmt haben wir nur gehört, daß er gut sei. Und Amerika drehte "Die besten Jahre unseres Lebens", ein Film, der von der Motion Picture Export-Association in Deutschland für die amerikanische Zone mit den Worten angekündigt wurde: "Dieser amerikanische Gegenwartfilm hat wohltuenden Mut zur Wirklichkeit und Optimismus so dosiert, daß er glaubhaft bleibt." Und ferner heißt es, dieser Film, der in der ganzen Welt als der beste Gegenwartsfilm anerkannt worden sei, werde auch dem deutschen Publikumzeigen, daß man das Gegenwartsthema real und wahr gestalten könne. Das scheint ebenso bemerkenswert wie die Nachricht, daß Rosselini, der große italienische Regisseur, einen Dokumentarfilm "Deutschland im Jahre Null" fertiggestellt habe, der, ohne die Mitwirkung von Berufsshauspielern, in den Trümmern Berlins gedreht wurde und der wie Kenner versichern, von einem neuen Realismus erfüllt sei, einem "Realismus der Menschlichkeit". – Man kann nur ahnen, was damit gemeint ist. Trümmerrealitäthatten wir Deutsche ja genug, und unsere Suche nach neuen Werten der Menschlichkeit ist uns inmitten unseres Unglücks wahrhaftig ernst gemeint. Warten wir ab! Wer wollte vom deutschen Film schon heute eine gültige Deutung unserer Situation verlangen, aus der nach dem totalen Zusammenbruch einen Ausweg. zu suchen viele Berufene auf allen Gebieten, auf geistigem, politischem und wirtschaftlichem Felde, tastend unterwegs, sind. –