Mit der Urteilsverkündung im Prozeß gegen das Rasse- undSiedlungs-Hauptamt (RUSHA) durch den Militärgerichtshof Nr. 1 hat der "Fall Nr. 8" der Nürnberger Verfahren seinen Abschluß gefunden. Ein Angeklagter – Greifelt – wurde zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe verurteilt, andere erhielten solche zwischen 10 und 25 Jahren. Für die übrigen wurde die Strafe mit der bisherigen Haft als verbüßt angesehen. Die einzige weibliche Angeklagte, Inge Viermetz, Leiterin des "Lebensborn", kam mit einem Freispruch davon. Für die Unabhängigkeit der Richter bemerkenswert war die Feststellung eines von ihnen, der die ausgesprochenen Strafen für zu scharf ansah in Anbetracht des Umstandes, daß die Angeklagten nicht aus eigener Initiative, sondern auf Grund von Weisungen ihrer Regierung gehandelt hätten.

In keinem der Nürnberger Verfahren beanspruchen die Personen der Angeklagten weniger,die Sache, der sie dienten, mehr Interesse als im Fall Nr. 8. Der Aufstieg des Nationalsozialismus war zu einem großen Teil dem Phänomen zu danken, daß seine Theorien von niemand ernst genommen wurden. Der normal empfindende Staatsbürger vermochte sich nicht vorzustellen, daß Gedanken, wie sie von Hitler, von Rosenburg,von Darré entwickelt worden waren, in die Tat umgesetzt werden könnten. Diese Sorglosigkeit war um so erstaunlicher, als die bolschewistische Revolution gerade erst die Theorien von Marx in die Wirklichkeit umgesetzt hatte, die ein halbes Jahrhundert zuvor nicht weniger absurd erschienen waren. Noch 1939 erregte die Veröffentlichung von Hermann Rauschnings "Gespräche mit Hitler", in denen die KZs, die Gaskammern, die organisierten Völkerwanderungen und Massenausrottungen sechs Jahre vor der Entdeckung der Tatbestände vorausgesagt worden waren, selbst im hitlerfeindlichen Ausland nur ungläubiges Staunen. "Weltanschauung" und "Realpolitik", waren sie nicht auch im Nationalsozialismus verschiedene Größen? Daß Hitler alles in sich vereinigte, daß er in einer Person einer der größten Phantasten und skrupellosesten Realisten war, Demagoge und Zyniker zugleich, Medium und Willensmensch,daß in dieser Kombination eine ungeheuerliche politische Gefahr lag, nachdem durch die Machtergreifung die Schranken seiner Phantasie und seines Willens auf einmal niedergelegt worden waren, das wollte nie-, mandern in den Sinn. Nur aus dieser Erkenntnis kann die Möglichkeit derVorgänge, die imRUSHA-Prozeß aufgezeigt wurden,verstanden werden.

Hitlers Exekutive bei der Durchführung der Rasse- und Siedlungspolitik war Himmler, das Instrument die Organisation der SS. Aus ihremBereich kommen die eigentlichen Träger dieser Politik: der "Reichskommissar für die Festigungdes deutschen Volkstums" (RKFDV), die "Volksdeutsche Mittelstelle" (VOMI), das "SS Rasse- und Siedlungshauptamt" (RUSHA) und der "Lebensborn". Ihre Ziele faßt das Urteil zusammen in der biologischen Schwächung und Vernichtung der besiegten Völker, bei gleichzeitiger Stärkung des deutschen Volkes. Dieses Programm wurde durchgeführt durch Entführung von Kindern, Schwangerschaftsunterbrechungen, Wegnahme von Kindern von Ostarbeiterinnen, Bestrafung des Geschlechtsverkehrs mit Deutschen, Verhinderung von Eheschließungen und Behinderung der Fortpflanzung, von feindlichen Ausländern, gewaltsame Ausweisung der feindlichen Bevölkerung aus ihrem Heimatland, gewaltsame Eindeutschung feindlicher Ausländer, und im Zusammenhang damit Sklavenarbeit, Plünderung, Verfolgung der Juden. Dem gleichen Zweck dienten die Zurückführung der Reichs- und Volksdeutschen im Ausland und die Gestaltung neuer deutscher Siedlungsgebiete im Osten.

Im dienstlichen Verkehr der mit diesen Maßnahmen, betrauten Stellen bildete sich eilte eigene Fachsprache. So liest man Ausdrücke wie "rassisches Erscheinungsbild", "rassische Grobauslese", "Feinmusterung", "gutrassig", "blutlich wertvoll", "klassische Wertgruppe","Eignungsprüfer", "Rassenprüfer", "Absiedlerkind", "Ausländerkinderpflegestätte", "ostraumwürdig", "eindeutschungs- fähig", "Rückdeutschungsbereitschaft’’, "Rentendörfer", "Z-Höfe"."listenmäßig wertvolle Polensippe", "erbgesundheitlicheBegutachtung des Erzeugers", "blonde Provinzen".

Hinter dieser Amtssprache verbarg sich die Umschichtung, Verpflanzung und Ausrottung ganzer Volker und Rassen, die schaurigste Tragödie des Zeitalters. Hier liegen die Wurzeln all des Unglücks, das schließlich, auch über Millionen von Deutschen gekommen ist. Wenn wir heute über das Schicksal klagen, Deutscher zu sein, so vergessen wir allzu leicht, was es unter Hitler bedeutete, Pole, Jude oder schlechthin Angehöriger eines "Ostvolkes" zu sein. So hieß es in Anordnungen für das Ostgebiet: "Die Amtssprache auch vor Gericht, ist ausschließlich Deutsch ... Polen dürfen keine Geschäftsinhaber sein. Ihr bisheriger Grund- und Bodenbesitz, auch der landwirtschaftliche, wird enteignet.Polen dürfen kein selbständiges Handwerk ausüben und nicht Lehrmeister sein, alle bestehenden Lehrverhältnisse sind gelöst... deshalb darf es keine Ansatzpunkte für völkisches und kulturelles Eigenleben mehr geben. Polnische Schulen gibt es in den Ostgebieten nicht mehr... jeder Gottesdienst in polnischer Sprache ist einzustellen ... es darf keine polnischen Korporationen, Verbände und Vereine mehr geben ... polnische Restaurants und Cafés sind als Mittelpunkte polnischen völkischen Lebens zu verbieten, Polen dürfen deutsche Theater, Kleinkunstbühnen und Lichtspieltheater nicht besuchen, polnische Theater, Lichtspielhäuser und andere Kulturstätten sind zu schließen. Polnische Zeitungen gibt es nicht, ebensowenig eine polnische Buchproduktion oder die Herausgabe polnischer Zeitschriften. Aus den gleichen Gründen dürfen Polen keine Radioapparate und sollen keine Grammophone haben ... das Fernziel muß die restlose Beseitigung des Polentums sein... eine ärztliche Betreuung unsererseits hat sich lediglich auf die Verhinderung der Übertragung von Seuchen in das Reichsgebiet zu beschränken ... alle Maßnahmen, die der Geburtenbeschränkung dienen, sind zu dulden oder zu fördern. Die Abtreibung muß in Restgebiet straffrei sein. Abtreibungs- und Schutzmittel dürfen in jeder Form öffentlich angeboten werden ...die homosexuelle Betätigung ist straffrei zu erklären."

Weiter: "Für die Bevölkerung des Ostens darf es keine höhere Schule geben als die vierklassige Volksschule. Das Ziel dieser Volksschule hat lediglich zu sein: einfaches Rechnen, Schreiben des Namens, eine Lehre, daß es ein göttliches Gebot ist, den Deutschen zu gehorchen und ehrlich, fleißig und brav zu sein. Lesen halte ich nicht für erforderlich..." Liebesverhältnisse zwischen Angehörigen von Ostvölkern und Deutschen wurden geahndet mit"Sonderbehandlung durch den Strang". Hierüberheilt es: "Eine Abgabe der Vorgänge an die Justiz findet grundsätzlich nicht statt. An sie sind nur die Fälle weiterzuleiten, in denen aus stimmungspolitischen Gründen eine gerichtliche Aburteilung wünschenswert erscheint und durch vorherige Fühlungnahme sichergestellt ist, daß das Gericht die Todesstrafe verhängen wird."Entstanden aussolchen Verbindungen trotzdem Kinder, so war ange-– ordnet: "Allgemeine und eiserne Durchführung des Grundsatzes, daß sämtliche neugeborene Kinder fremdvölkischer Landarbeiterinuen ebensowie Kinder deutscher Frauen von fremdvölkischen Vätern den Müttern spätestens vier Wochen nach der Geburt für immer genommen und in örtlich entfernten Heimen untergebracht werden, ..."

Befehle dieser Art lassen sich beliebig aus allen Tätigkeitsbezirken dergenannten Stellen zitieren. Lediglich für den "Lebensborn" sieht das Urteil die Behauptungen der Anklage im wesentlichen als nicht zutreffend an. Die Bedeutung der VOMI geht unter anderem daraus hervor, daß noch bei Kriegsende etwa 1800 VOMI-Lager angetroffen wurden, in denen Hunderttausende von Zwangsausgesiedelten ihres Schicksals harten.

Über diesen Sachverhalt hinaus verdienen drei Feststellungen des Gerichts Aufmerksamkeit, weil sie von allgemeinerer Bedeutung sind. So wird erklärt, daß eine Anzahl von Zeugen, darunter auch mehrere Angeklagte, deren eidesstattliche Versicherungenvon der Anklagebehörde als Beweismaterial vorgelegt worden seien, bekundet hätten, sie seien bedroht worden und der sie vernehmende Beamte habe sie in durchaus ungehörige Weise unter Druck gesetzt. Das Gericht sah sich daraufhin genötigt, die fraglichen Dokumente als Beweismaterialauszuschließen. Die zweite Feststellung ist zugleich eine wirkungsvolle Widerlegung der These von der Kollektivschuld des deutschen Volkes an den Exzessen der nationalsozialistischen Politik. Im Zusammenhang mit den Richtlinien für die Polenpolitik erklärt das Gericht: "Außer Hitler wurde nur ein besonders sorgfältig ausgewählter Personenkreis mit dem Inhalt seiner (Himmlers) Weisung bekannt gemacht." Nachdem Himmler seine Ausarbeitung Hitler vorgelegt hatte, notiert er: "Er gab jedoch die Anweisung, daß sie auf ganz wenigen Exemplaren vorhanden sein dürfe, nicht vervielfältigt werden dürfe, und ganz geheim zu behandeln sei..." Endlich gelangt der Gerichtshof zu der völkerrechtlich wie im Licht der gegen die deutschen Ostprovinzen ergriffenen Maßnahmen wichtigen Entscheidung: "Unserer Auffassung nach ist jede behauptete Einverleibung von Staatsgebiet eines anderen Volkes, die während der Kriegsdauer und zu einer Zeit erfolgt, wenn gegnerische Heere noch im Felde stehen, ungültig und unwirksam..." HGSt.