Es regnete. Mal stärker, mal schwächer; aber es hörte nie auf. Es regnete. "Eigentlich steht uns nicht mehr der Sinn nach Demonstrationen. Wir haben das zwölf Jahre lang gehabt", sagte einer (es war der CDU-Vorsitzende Jakob Kaiser) zu den vielen Zehntausenden vor dem ehemaligen Deutschen Reichstag. als neue schwere Regenböen über den grausam kalten Platz peitschten. Das war nun der 18. März in Berlin

"Ob morgen die russische Kommandantur geschlossen hat?" fragte am Tag davor eine ältliche Frau in der S-Bahn ihre Nachbarin. "Aber bestimnt nicht Da ist doch Feiertag", antwortete die. "Ja", gab die erste zurück, "aber das ist doch kein russischer Feiertag; das ist doch deutscher Revolutionstag." "Na, wir; in der russischen Zone haben jedenfalls gehört, daß Marschall Sokolowski Feiertag befohlen hat Was nun wirklich los ist, weiß ich nicht, denn wir haben kein Radio ..." entschuldigte sich die andere.

Man muß Radio haben, um die Weltgeschichte und seine eigene deutsche Erinnerung zu kennen. Und in Berlin, so erwies sich an diesem Jubiläumstage, vor allem das richtige Radio und nicht irgendein beliebiges. Denn aus dem einen erfuhr man, daß der "Volkskongreß" sich entschlossen habe, zu-vollenden, was die Barrikadenkämpfer von 1848 angefangen hatten, und aus dem anderen, daß die 1848 geforderten Freiheiten in der hinter pfeift Brandenburger Tore beginnenden Welt heute ärger bedroht seien als vor hundert Jahren.

Merkwürdig zwiespältigwar dieser regenübergossene Feiertag der unglücklichen Stadt Berlin. Gäste waren in die Stadt gekommen! Die einen mit Oberbürgermeisterketten und im Aeroplan der OverseasAirline, andere auf Schleichwegen. Die einen kamen zu den Feiern, die der Magistrat Berlin, die anderen zu denen. die der "Volkskongreß" der Kommunisten verarbeitet hatte. Früh, sehr früh am 18. März begann es. Um acht Uhr mußte! der Magistrat und die Stadtverordnetenfraktionender Parteien schon draußen im östlichen Friedrichshain sein, um den Gedenkstein für die Gefallen" des 18. März 1848 einzuweihen. Er war noch verhüllt und der Magistrat noch nicht vollzählig versammelt – da stieg Wilhelm Pieck, der weißhaarige Kommunistenführer, schon aus seinem mächtigen Mercedes und hatte sich Otto Nuschke von der Ost-CDU mitgebracht, der Jetzt – nach Jakob Kaisers Kaltstellung – die Überparteilichkeit des "Volkskongresses" repräsentieren soll. Sie wolltet die ersten sein, die einen Kranz niederlegten. Es war ein Wettrennen um die Symbole, das danach nicht mehr abriß. Alle kamen sie, die Feindlichen und die Freundlichen, die Sozialisten und die Bürgen die Liberalen und die Orthodoxen, der Konsumverein und die Opfer des Faschismus, die Polizei und die Gewerkschaften, die Kommunisten und die Sozialdemokraten, und in das Mikrophon hinein versprachen sie, vollenden zu wollen, was "Die vor 48" begonnen hatten. Die Kränze türmten sich in Laufe des kalten und immer unwirtlicher werdender Vormittags. Rote Schleifen in Menge, schwarzrotgoldene seltener und dazwischen gestreut die vorsichtig neutralen.

Wenn Gesten und Bilder etwas bedeuten – deren hätte man viele eindrucksvolle an dem langen Vormittag im Friedrichshain auffangen können. Zum Beispiel: wie hinter der Oberbürgermeisterin von Berlin, Louise Schröder, die Stadtchefs der größten deutschen Städte standen: Kolb aus Frankfurt, Brauer aus Hamburg, Scharnagl am München. Das war wohl zum ersten Male so seit 1945. Oder: wie die Oberbürgermeister der großen Städte jenseits des Vorhangs am frühen Nachmittag zur feierlichenStadtparlamentssitzung im Stadthaus saßen, dazu der amerikanische, der britische, der französische Stadtkommandant – und nur der russische, in dessen Sektor die Sitzung unter schwarzrotgoldenen Fahnen vor sich ging, hatte sich entschuldigt.

Nirgendwo in den vielen, verwirrend vielen Veranstaltungen dieses Tages waren sie vollzählig vertreten, die erregten und immer mehr hochgepeitschten Energien dieser Stadt. Über das unschuldige Brandenburger Tor hinweg, auf dem die rote Fahne der.sowjetischen Eroberer sichzwischen der ramponierten Quadriga triefend um den Mast wand, schrien sie sich entgegen. Im östlichen Gebiet lag, der Friedhof und lagder Gendarmenmarkt, über den vor hundert Jahren die Schüsse gepeitscht waren. Dort waren Spruchbänder und Transparente ausgespannt, dort rasten Wagen mit roten Fahnen durch die Straßen. "Für eine einige deutsche Volksrepublik. Gegen den Imperialismus der USA." Das wußten sie zu verkünden, und die Automobile der Roten Armee halfen den Deutschen, die.solches verkünden wollten. Auf dem Gendarmenmarkt gab es Kapellen, die, wie vor langen Jahren, Schalmeien hatten und die Internationale, spielten wie damals. Undhinter ihnen und hinter roten Fahnenschritten nicht nur die mehreren hundert Kommunisten des "Volkskongresses", sondern auch die Külz und Nuschke, die Steidle und Bachem, die Gewerkschafter und viele Tausende von Jugendlichen,die in der angeblich überparteilichen "Freien deutschen Jugend" Dienst tun... Sie waren auf der Straße. Es war anders als in dem betont neutral dekorierten Raum der Staatsoper, in dem der "Volkskongreß" nicht eine rote Fahne zu sehenbekam. Grün und Hellblausind die Farben des Kongresses. Aber auf der Straße schienen diese Farben vergessen, und dienichtkommunistischenDelegierten zeigten sich sehr großzügig. Man ging zu den Gräbern von 1848, und der "Volkskongreß" von 1948 tagte im Genetischen Sektor.

Als man von der Straße wieder herunterkonnte und Wieder in den Theatersaal zog, ohne Volk, nur "delegiert", wurde es wieder neutral, und niemand sang mehr die Internationale. Denn jetzt wurde der "Volksrat" gegründet, und der sollteja über den Parteien stehen, keine Fahne haben und nach dem Willen seiner Veranstalter ein vorläufiges deutsches Parlament sein, Viele Lautsprecher dröhnten durch die Straßen. Alle spien sie Schlagworte wie Versklavung durch, den Marshall-Plan", "Monopolkapitalismus", "Marshall-Demokraten" ... Kalt war es, naß, unwirtlich. Die Lautsprecher dröhnten ins Leere. Und die vielen Dutzend Chauffeure der teils sehr stattlichen Wagen. vor der Staatsoper hatten die Fenster hochgerollt Zu kalt war ihnen. Die Sachemit den Demonstrationen lag zu lange zurück.