Von Rolf Mayr

Der 1899 in Schwarzenfeld geborene Erzähler und Essayist Rolf Mayr veröffentlichte 1930 die Novelle "Kleines Weltende" und 1938 die Novellenammlmg "Barke oder die Kameradschaft". Wir setzen mit seinem Beitrag "Das Glücksrad" die Reihe der "Gegenwärtigen Erzählungen" fort.

Ein nüchterner junger Mann namens Karl stieg eines Morgens in die Straßenbahn, und als der Schaffner beiseite trat, sah er schräg gegenüber ein junges Mädchen sitzen; es schaute durch die Scheibe nach draußen, wo Häuser und Trümmer einstiger Häuser vorüberzogen. Die Fensterscheibe aber bewahrte – vielleicht ohne daß die Fremde es wußte – ihr Bild, und wie aus einem Spiegel sah sie ihn an – vielleicht, ohne daß sie es wußte. "Ich erschrak", sagte er, als er darauf zu sprechen kam. Ihm war, als spränge eine Stichflamme aus seinem Herzen: es brannte und pochte.

Das Gesicht des Mädchens bewegte sich nicht; ein Bild im Spiegel – so blickte sie ruhig drein und ließ sich betrachten. Ein schönes, ernstes Gesicht, von einem blauen Schleier verhangen, der von einer kleinen, dunkelblauen Kappe herabfiel.

Nach einer Weile schlug die Unbekannte den Halbschleier zurück. Und Karl, ichsüchtig, wie Männer sind, legte die unschuldige Bewegung als zarten Gunstbeweis aus. Eine neue Stichflamme brannte in seinem Herzen. Die Augen des Mädchens aber waren blau und ruhsam wie ferne Berge. Darüber wölbte sich die Stirn, rund und fest. Und Stirn und Augen des Mädchens beschäftigten Karl eine Weile. Er dachte auch darüber nach, wie er sich ihr nähern könne, aber ihm fiel nichts Gescheites ein, kurz: er erwachte aus seiner Verzauberung und wandte sich der Türe zu. Karl stieg aus und ging halb beschwingt, halb zögernd über den Platz, der jeden Morgen seine Haltestelle war. Schließlich – beim kahlen, etwas staubigen Licht des großstädtischen Platzes betrachtet: was war geschehen? Nichts. Beinahe nichts. Mehr gab es darüber nicht zu sagen; dies war seine eigene Ansicht.