Von Herbert Fritsche

Jede Stunde, die hingeht, wird jünger": eine Zeile aus Rilkes Sonetten an Orpheus. Von der Welt im Osterlicht ist die Rede, von ihrem Geheimnis: "Manchmal geben sich Lüfte ein Zeichen." Orpheus vermochte die begrabene Gottheit wachzusingen aus ihrem tiefen Schlaf in Stein und Stern –: damals, in den Lenznächten auf den Hängen der Hämosgebirge.

Das Orphische ist rar; sein Gegensatz, das Plausible, argumentiert auf allen Gassen. Die Erfahrung eines jeglichen Jedermann lehrt, daß Verwelkungsprozesse das Leben beschatten; die Todesgewißheit ist Mitgift der Geburt. Ein gebrochenes Paradies umfängt uns als kosmischer Wohnraum. Aber es gibt auch edlere Erfahrung im menschlichen Herzen, Ein Rest der echten, der ungebrochenen! Paradies-Wirklichkeit blieb insgeheim gerettet: wer kein inneres Wissen davon mitbringt, dem kann es der österliche Lenz offenbaren, wenn jede Stunde, die hingeht, jünger wird und wenn die Lüfte sich manchmal ein Zeichen geben...

Wie die Orphik ein verborgener Nebenstrom war abseits der hellenischen Theologie, die wir von den Homerischen Göttern her kennen, so sind allen offiziellen Religionen und Kulten solche Nebenströme beigegeben von jener Quelle her, aus der das Osterwasser quillt, das Wasser der Wiedergeburt, das angesichts des allgemeinen Weltensterbens unaufhörlich seine Auferstehungsbotschaft – murmelt. Im Judentum gibt es – außerhalb des streng-rabbinischen Bezirkes – die Lehre von der Schechinah, der irrenden Gottseele, die sich selbst ins Geschaffene verbannte, so daß alle Wesen und Dinge nur Hüllschalen sind für ihren geheimnisvollen Glanz. Aufgabe des Frommen ist es, durch heiligenden Umgang mit dem Irdischen, durch ein Leben, das eine einzige pansakramentale Kultmagie darstellt, die Hüllschalen transparent zu machen für diesen Glanz der Schechinah, auf daß Gott wieder zu Gäste sei im Geschaffenen. harren die allenthalben verstreuten und in die Hüllschalen hineingezauberten Funken der Gottseele des Menschen, der ihnen heiligen Dienst erweist: "Wenn du in heiligem Sinnen übers Feld gehst, heften sich alle Seelenfunken aus Stein, Gewächs und Tier dir ein und läutern sich in dir zu einem reinen Feuer", heißt eine Lehre der Chassidim, der galizischen Sektierer des Schechinah-Kultus. Um ein Auferstehungswerk geht es dabei, um ein Wiederaufflammen dessen, was göttlich ist im Raum? des Gefallenen und Gebrochenen. Als Orpheus keine Heimat mehr hatte, als nur noch die Stimme der Dichter ihm Urworte widmete oder Sonette, verbarg er sich im Getto wo man ihn ernst nahm. Was von den alten Einweihungsgräbern gilt, in die sich der Myste begab, wollte er sich anschicken, das Auferstehungslicht zu erfahren, das gilt auch außerhalb der Mysterienstätten – das Begrabensein muß vorausgehen, soll Auferstehung Ereignis werden. Aus Getto-Grüften blüht das österliche Leuchten der Schechinah.

Nichts vom Düsteren der Sinai-Bannmeile ist den mehr zu spüren, wo aus den Hüllschalen-Gräbern die Ostergnade ins Wirkend-Wirkliche zelebriert wird: die Substanz einer ewigen Jugend, allen niederziehenden Mächten der Verhärtung und des Welkens übergeordnet, weil sie Substanz der Gottheit ist. Und wie es ein Judentum auf österlichen Wegen gibt, so gibt es auch indische Osterglockenklänge – sogar im Buddhismus, der durch die abendländischen Interpretationen ganz zu Unrecht im Rufe pessimistischer Weltabkehr steht. Besonders in Deutschland ist – und zumeist gar noch auf dem Wege über Schopenhauer und seinen Schüler Deußen – lediglich der exoterische Buddhismus des "Kleinen Fahrzeugs", des Hinayana, ins Bewußtsein weiter Kreise gedrungen, während der nördliche kultisch-sakramentale Buddhismus des "Großen Fahrzeugs" Mahayana und die magische Esoterik des "Diamant-Fahrzeugs" Vajrayana erst nach und nach, über tibetanische und englische Darstellungen hinweg, bekannt werden. Einer der besten Kenner dieses Hochland-Buddhismus, der Okforder Gelehrte W. Y. Evans-Wentz, sagt – als unmittelbarer Schüler eines tibetanischen Yoga-Meisters –, daß es dort darauf ankomme, die Erde durch Mitleid geistig zu läutern, auf daß sie zum Himmel werde. Von einem pessimistischen und nihilistischen Buddhismus könne keine Rede sein: ,,In Wahrheit lehrt der Buddhismus einen so aufopfernden Altruismus und einen so grenzenlosen Optimismus wie kein ähnliches philosophisches Und religiöses System" – denn, so kann man fortfahren, es geht auch hier um das Geheimnis der Auferstehungsleiblichkeit. All den wirren Rätselspuk des Welten-Vondergrundes durchwaltet und überhöht der Tri-Kaya, der in Eins verschmolzene dreifache Körper der Buddha-Wesenheit", eine Dreieinigkeit aus dem Dharma-Kaya, der göttlichen, reinen Verleblichung, die das Wahnlos-Wahre offenbart, dem Sanbhoga-Kaya, der eine aus dem Dkama-Kaya erfließende universelle Herrlichkeit im Überweltlichen darstellt, und schließlich dem Nirmana-Kaya, dem menschlichen Auferstehungsleibe, der es einem Buddha ermöglicht, auf der unerlösten Erde wirksam zu sein gleich dem Christus, als er aus dem Ostergrabe stieg. Sehr bezeichnend – und in genauer Entsprechung zur echt christlichen Gesinnung – steht zwar der Nirmana-Kaya der metaphysischen Kategorie nach am tiefsten: nur in die Vollendung geführter Menschenleib ist er ja, ein irdisches Vehikel also, aber hinsichtlich der Wertung kommt ihm der oberste Rang zu, denn wenn ein Vollendeter darinnen wirkt und waltet, so hat er verzichtet auf sein Entgleiten ins Nicht-mehr-Faßbare um seiner irdischen Heilandsmission willen. "Es ist wahr: du hast das Recht, das Dharmakaya-Gewand anzuziehen, aber ein Sambhogakaya ist größer als einer, der ins Nirvana geht, und noch größer ist ein Nirmanakaya, ein Buddha des Erbarmens" heißt, es in der .,Stimme der Stille". "Nur um sich mit dem Weh der Welt zu vermählen", hat der Vollendete seine Gnadenfülle erlangt – der Todüberwinder bringt Fluten des lebendigen Lichtes ins geschaffene All hinein.

Schon hier ist erkennbar, daß Auferstehungsleiblichkeit nicht wesensgleich oder auch nur Wesens-, ähnlich sein kann mit einem bloßen Fortleben nach dem Tode, wie es den Geschöpfen zukommt im Sinne, eines metabiologischen Tatbestandes. Als die liberale Theologie hoffnungslos geworden war, begrüßten manche Vertreter der christlichen Gottesgelehrsamkeit das Forschungsgebiet des wissenschaftlichen Okkultismus, um von dort her Verständnismöglichkeiten für biblische Wunderberichte herbeizuholen. Im Spiritismus kennt man den Begriff der Materialisation eines Verstorbenen: Der Jenseitige manifestiert sich – mit Hilfe von Kräften und Substanzen, die ihm das im Trance-Zustand befindliche Medium leiht –, indem er sichtbar, betastbar und wägbar wird, als sei er anwesend in seinem altgewohnten stofflichen. Diesseitsleibe. Diesen. Materialisationsbegriff spiritistischer Herkunft hat man heranziehen wollen, um die Ostergeschichte begreiflich zu machen. Dann aber hätte der Auferstandene den gewöhnlichen Sterblichen nur eines vorausgehabt: sich nämlich – nachdem er genau wie diese nach dem Tode fortleben – vierzig Tage lang ohne Zuhilfenahme eines Mediums in Form einer Materialisation wahrnehmbar machen zu können. Jedoch von wie peinlicher Unkenntnis der Evangelien zeugt eine solche Anleihe bei Vorstellungen aus der Welt des Medien-Ockultismus! Ganz offenkundig hätten die, die Jesus Christus während seines Erdenwandels genau kannten, ihn sofort wiedererkennen müssen, wäre er drei Tage nach seinem Tode als "materialisierter Spirit" vor sie hingetreten. Aber Maria Magdalena bedarf erst seines erweckenden Anrufs, um der überwältigenden Tatsache innezuwerden, daß die verklärte Auferstehungsleiblidikeit des Gottmenschen vor ihr steht und nicht – wie sie es glaubt – die Gestalt eines Gärtners, und mit den Emmaus-Jüngern kann der Auferstandene sogar eine lange Strecke des Wanderweges dahinziehen und ihnen auf eine Weise, daß ihr Herz entbrennt, die Gottesgeheimnisse der Thora und der Propheten aufschließen: sie erkennen dennoch den nicht wieder, mit dem sie drei Jahre lang bei Tage und bei Nacht in engster Gemeinschaft lebten. Als einen Fremden bitten, sie ihn zu Gaste in ihr Haus – und erst indem er dort, gleichsam das von ihm selbst eingesetzte Sakrament zelebrierend, das Brot bricht und es austeilt, erkannten sie ihn: die verklärte Leiblichkeit erleuchtet sie, "und er verschwand vor ihnen".

Zur eigentlichen Auferstehung ist uns ein Verständnisweg erschlossen worden durch das Gott- und Welt-Denken christlicher Theosophen. Zwei Männer insbesondere haben, gegen Ende des 18. Jahrhunderts, alte christlich-esoterische Lehren vom Oster--Mysterium in weiten Kreisen Suchender, wieder lebendig werden lassen: der schwäbische Prälat Friedrich Christoph Oetinger (1702–1782), der "Magus des Südens", und der kurfürstlich-pfalzbayrische Hofrat Karl von Eckartshausen (1752 bis 1803), Oetinger verkündet, daß indem Christi göttlich-menschliches Blut vom Karfreitagskreuz herunterfloß in die Erde hinein, die Erde ein reales Segensgeschenk erhielt. Das Heilandsblut, "der Inbegriff alles neuen Lebens", wirkt wie eine geheimnisvolle Vitalisierung ehedem gelähmter Auferstehungskräfte innerhalb unseres Planeten, bis eines Tages die "neue Erde" vollendet sein wird, von der die Apokalypse des Johannes aussagt. "Da fing ein neues Lied der Erde an", jubelt Oetinger – und von nun an ist es möglich, daß auch uns Auferstehung zuteil wird, "nicht in einem ungewissen Raum der Sterne, sondern als Wiedergeborene in deinem Tempel", worunter Ottinger die auferstandene Schöpfung, das "neue Jerusalem" versteht. Ähnlich ist für Eckartshausen die Erde in ihrem Insgesamt so korrumpiert, so sehr den Absterbeprozessen anheimgegeben gewesen daß nur eine in Fleisch und Blut eingehüllte göttliche Lebenssubstanz imstande war, ihre "verborgenen Lebenskräfte auf die ertötete Natur wieder zu übertragen". Aus Christi Vergessenem Blut strömte "tinckturalische Kraft" aus und drang durch alles Irdische: ein Prozeß göttlich-irdischer Alchymie mit dem Ziel einer Weltverklärung im Auferstehungslicht. "Seit der Epoche von Christi Tod abeitet Sich die göttliche," durch sein vergossenes Blut in das Zentrum der Erde gebrachte Kraft immer hieraus und befähigt sukzessive alle Substanzen in der großen, der Welt bevorstehenden- Umwälzung", lehrt Eckartshausen in seiner 1802 erschienenen "Wolke über dem Heiligtum". Nicht Karfreitagsdüsternis, sondern Ostermorgenrot ist das Wesentliche, nicht bleiche oder finstere Weltabkeh, son- – dem ein revolutionärer Optimismus ohnegleichen–: um die hoffnungslos korrumpierte Welt durch und durch zu erneuern, um ihre Auferstehung zu ermöglichen, wurde das Golgatha-Opfer gebracht.