Ein seltsamer Zug fuhr von Bremen über Düsseldorf, Koblenz und Mainz nach Frankfurt am Main. Die Lokomotive war mit Grün und Transparenten geschmückt, hinter ihr kamen etwa fünfzig schwerbeladene Güterwagen und dann zwei Schlafwagen und ein Speisewagen. Je länger die Fahrt dauerte, desto kürzer wurde der Zug. In Düsseldorf wurden zwölf Güterwagen abgehängt, in Koblenz zwei, in Mainz siebzehn, so daß am Endziel, in Frankfurt, nur noch sechzehn Waggons ankamen. Aber das Abhängen der Waggons war nicht wie sonst nur eine Angelegenheit des Eisenbahnpersonals. Eine frohgestimmte Zuschauermenge, singende oder Gedichte aufsagende Schulkinder, festliche Reden deutscher und amerikanischer Regierungsvertreter, und in Koblenz und Mainz auch französischer, das alles gab dem Aufenthalt in den drei rheinischen Städten und in Frankfurt den Glanz sonntäglicher Stunden, der in den ernsten Worten der Redner, die die Bedeutung der Fahrt würdigten, aber auch in mancher munteren Bemerkung der Zuschauer beschwingenden Ausdruck fand. Denn auch eine würdige Zurschaustellung einer guten Absicht wird für die Menge anziehender, wenn sie der heiteren Note nicht entbehrt. Und so schmunzelte den vier geschmückten Elefanten, die der in Düsseldorf gastierende Zirkus Williams zur Begrüßung auf den Bahnhof geschickt hatte, Groß und Klein in guter Laune zu.

Aus den Schlafwagen des Zuges aber stiegen jedesmal, wenn wieder Station gemacht und Wagen abgehängt wurden, Amerikaner und Deutsche auf den Bahnsteig, jene.-Repräsentanten der Militärregierung oder der fünf Staaten, deren Spenden in dem Zug mitgeführt wurden, diese Vertreter deutscher Blätter, Gäste der Amerikaner und Zeugen- – der symbolischen Reise, in der mehr als eine Geste, in der eine Gesinnung ihren Ausdruck fand.

Wenn man fast zwei Tage in so enger Gemeinschaft (zwei Schlafwagen und einem Speisewagen) – mit fremden Menschen verbringt, kommt man sich rasch näher, und es entsteht ein gegenseitiges Vertrauen, das unter dem konventionellen Zwang in normaleren Lebenslagen nicht so leicht aufkommt. So erfuhr man über die Sammlungen menschlich angenehm berührende Details, die, well nicht in berechnender Absicht, sondern in spontaner Mitteilsamkeit verraten, viel von der Atmosphäre erkennen ließen, in der die Spenden aufgebracht worden waren.

Wie war es zu dieser Fahrt gekommen? Drei. Waggons eines Zuges mit Liebesgaben für Deutschland konnten bei einer Sammlung im Mittelwerten der Vereinigten Staaten nicht mehr gefüllt werden. Ein Rundfunkreporter von dem guten Zweck der Aufgabe begeistert und ihr mit der Leidenschaft seines Metiers ergeben, fand eine zugkräftige, mitreißende Parole: "Frau your heart to your part und your gift to our Christmas ship." Sie rief in fünf Staaten, in Montana, Idaho, Oregon, Washington und im Territorium Alaska, an die sich der Aufruf gewandt hatte, ein aufrüttelnde Echo hervor. Zahlreiche Menschen begannen zu sammeln, am eifrigsten die Schulkinder; die mit Sparbüchsen, die dem Frachter "Gretna Victory" nachgebildet waren, der die Spenden nach Deutschland bringen sollte, von Haus zu Haus liefen und nicht eher Ruhe, gaben, bis sie ihren Sparpfennig in der Büchse hatten. Andere spendeten Lebensmittel und Bekleidungsstücke, Spediteure stellten sich zum kostenlosen Abtransport der Waren zur Verfügung, die Feuerwehren errichteten Sammeldepots und, wie es gewöhnlich bei solchen Anlässen ist, die Ärmsten waren die freigebigsten Spender.

So wurde lange gesammelt, bis das Schiff voll war. 5 1/2 Millionen Pfund war die Sammlung schwer, die anfänglich nur der Ausstattung der drei Waggons hätte dienen sollen, und der Freundschaftszug, der nun von Bremen nach Frankfurt fuhr, führte den ersten Teil dieser gaben ins deutsche Land. Wenn man hört, mit welcher Anteilnahme und Herzlichkeit sich alle Bevölkerungsschichten der fünf Staaten in USA an der Samsung beteiligten, dann fühlt man: hier haben nicht glücklichere Erdenbewohner eine billige Geste getan, hier drängten echte Humanität und warmempfundenes Christentum nach einer beglückenden Tat. Der Haß, den der Krieg erzeugt hat, beginnt zu erlahmen. Die Menschen fühlen wieder, was sie verbindet, sie nehmen Anteil an der Not des fernen Mitmenschen, sie besinnen sich wieder auf ihre besseren Werte, die moralischen Kräfte der Welt erneuern sich, und aus dem Chaos des Krieges und seiner Zerstörung steigen die ersten Zeichen einer neuen Harmonie empor. Robert Stobel