Mit gespanntester Aufmerksamkeit sehen Europa und Amerika der Entscheidung entgegen, die am 18. April in Italien fallen soll. An diesem Tage wird die neue italienische Nationalversammlung für die Dauer von fünf Jahren gewählt werden. Der Augenblick, in dem diese Wahlen stattfinden und die entscheidende Stellung Italiens für den ganzen Mittelmeerraum bringt es mit sich, daß an diesem Tage mehr als die Zuammensetzung eines Parlamentes sich entscheidet. Schon hat die französische Nationalversammlung sich bis zum 20. April vertagt, da auch für sie nach den Ergebnissen des 18. eine völlig neue Lage entstehen kann. In Washington hat Marshall keine Zweifel darüber gelassen, daß ein Wahlsieg des Kommunismus Italien automatisch von dem Genuß der amerikanischen Unterstützung ausschließen werde. Die zweite Geste des Westens erfolgte in Turin. Hier kündigte Außenminister Bidault beim Abschluß des Paktes zur Vorbereitung der italienisch-französischen Zollunion an, daßEngland, Frankreich und die USA sich entschlossen hätten, die Rückgabe von Triest an Italien vorzuschlagen. Für die Stimmung der öffentlichen Meinung ist damit den Gegnern Togliattis ein mächtiger Trumpf in die Hand gegeben worden. Das Fortbestehen der Triester Frage war gleichbedeutend mit der Aufrechterhaltung des italienischen Mißtrauens gegenüber Belgrad und damit den Ländern des Ostblocks überhaupt. Die einzige Geste, die hier einen propagandistischen Durchbruch ermöglicht hätte, hat Tito nie vollzogen, denn auch die optimistischsten Andeutungen von jugoslawischer Seite sprachen immer nur von einem Austausch gegen Görz.

In die Ouvertüre zum Wahlkampf hat sich jetzt auch die gewichtige Stimme des Vatikans gemischt,der die Stunde für gekommen hält, um die ganze Macht der katholischen Kirche in die Waagschale des geistigen Ringens zu werfen, das sich gegenwärtig im die Seele Italiens vollzieht. In dem Bewußtsein, daß die politische Apathie in Form der Wahlenthaltung stets nur der unter straffer Parteidisziplin handelnden kommunistischen Linken zugute zu kommen pflegt, hat Papst Pius XII. das Fernbleiben von der Wahl zur Todsünde erklärt und gleichzeitig unmißverständlichzum Ausdruck gebracht, welche weltanschauliche Linie das Gewissen den christlichen Wähler zu wählen verpflichte. Kardinalerzbischof Schuster in Mailand ist hoch hierüber hinausgegangen und hat seinen Geistlichen die Aufnahme von Kommunisten und Marxisten in die katholische Kirche untersagt und auch die Gewährung kirchlicher Beisetzung davon abhängig gemacht, daß der Tote öffentlich Buße getan habe.

So sind es politische, wirtschaftliche und geistigreligiöse Kräfte und Gesichtspunkte, die dem Kampf de Gasperis und seiner christlich-demokratischen Mitte gegenüber dem Totalitarismus der Linken sekundieren. Allerdings scheint die Tatsache,daß nicht weniger als 102 Parteien in Italien zum Wahlkampf antreten, nicht dafür zu sprechen, daß das italienische Bürgertum die Gefahren einer Zersplitterung gegenüber einem so massiven Block, wie der "Volksdemokratischen Front" Togliattu.-Nenni, voll erkannt hat. Auch wenn viele dieser Parteien nur kleine regionale Zusammenschlüsse darstellen, bleibt die Gefahr des Stimmenverlustes bestehen und wird höchstens dadurch vermindert, daß man sichunzweifelhaft bei der Mehrzahl dieser Gruppen in der antikommunistischen Grundein- stellung einig weiß und in der Nationalversammlung mit der Regierung zusammenzugehen bereit sein wird. Ein deutliches Anzeichen hierfür bildet bereits die Haltung der Sozialisten Sanagets, der Republikaner Pacciardisund der linksliberalen un Einaudi und Corbino, die sich zwar nicht zu einer Listenverbindung mit den Christlichen Demokraten bereitgefunden, jedoch auf ein gemeinsames Regierungsprogrammmit ihnen geeinigt haben. Auch die "Sozialistische Union", die sich unter Lombardo und Silone aus jenen Sozialisten gebildet hat, die weder dem kommunistenfreundlichen Nenni – noch dem Saragat-Kreise angehören, ist ein Wahlbündnis mit der Saragat-Gruppe eingegangen und darf somit auch der breiten Mitte zugerechnet werden, die den Kurs de Gasperis und seiner christlichen Demokraten unterstützen wird.

In das antikommunistische Lager gehört schließlich auch der Zusammenschluß, der sich als "Nationaler Block" aus dem Uomo Qualunque Gianninis, den Liberalen sowie den Demokraten um Nitti gebildet hat. Ein monarchistisches Seitenstück hierzu gingaus den liberalen Uomo-Qualunque-Anhängern um Selvaggi und einigen Frontkämpfergruppen hervor.

Die Linke verfährt nach bekanntem Modell. Widerstände bei den Nenni-Sozialisten haben allerdings nicht eine Elinheitspartei, sondern nur eine Listenverbindung mit den Kommunisten ermöglicht. Gestützt auf seinen gut durchorganisierten und sehr aktivistischen Parteiapparat mag Togliatti dies als eine reine Durchgangsstufe ansehen. Die sehr polemische, auf den Bodenhunger des süditalienischen Landproletariats und auf gewisse Forderungen der Industriearbeiterschaft abgestellte Propaganda der Kommunisten läßt den Rückschluß zu, daß Togliatti sich einen Stimmenzuwachs gerade aus den breiten, durch keinen Parteiapparat erfaßten Massen vor allem Süditaliens erhofft, die bisher nicht unmittelbar zu seinem Anhängerkreis zu zählen pflegten.

H. A. v. D.