Sagenhafte Mengen nicht nur an Rasierklingen und anderen Pfennigartikeln, sondern auch an Möbeln, sonstigem. Hausrat und sogar Düngemitteln sollen gehortet sein. Industriekreise sprechen besorgt von einem bei einer Währungsreform drohenden "Aufstand der Ware" befürchten also, daß sie infolge dieser hohen Lagerbestände während einer geldwirtschaftlich angespannten Periode nichts absetzen können. Dies Ansammeln von Sachwerten mag für den Industriellen, und Händler heute vorteilhaft sein, ist aber sozial unverantwortlich. Die breiten Schichten der städtischen Bevölkerung erhalten für ihre Arbeitsleistung nurschlechtes Geld und haben keinerlei Möglichkeit, Bestände anzusammeln, die sie über die Geldreform hinüberretten könnten. Die Ausgebombten und Flüchtlinge entbehren das Notwendigste und die Landwirte können nicht genügend aus dem Boden herausholen, weil Düngemittel und Geräte fehlen, Die Gegensätze werden immer, krasser, die Gefahr von Verzweiflungsausbrüchen wächst. Um den so notwendigen Ausgleich endlich einzuleiten, haben die Ernährungsminister der Doppelzone verlangt, daß für die Industrie ähnliche, Kontrollmaßnahmen erblassen wenden wie für die Landwirtschaft. Insbesondere setzt sich Schlange-Schöningen für eine Enthortung der Industriewaren ein. Die SPD-Fraktion des Wirtschaftsrates hat eine Gesetzesvorlage zur Enthortung der gewerblichen Wirtschaft und zur Verhaftung künftiger Warenhortung eingereicht Es ist durchaus möglich, daß sich im Wirtschaftsrat für den Gesetzesvorschlag eine ähnlich starke Mehrheit ergeben wird wie für das Speisekammergesetz, obgleich gegen ein Enthortungsgesetz erhebliche Einwände volkswirtschaftlicher Art gemacht werden können.

Aus volkswirtschaftlichen Gründen ist es nämlich sinnvoller und damit vielleicht auch in sozialer Hinsicht vernünftiger, wenn das Warenpolster bis zur Währungsreform unangetastet bleibt, damit dann dem neuen Geld genügend Waren gegenüberstehen. Zwar sind solche Betrachtungen quantitätstheoretischer Art etwas problematisch, aber grundsätzlich ist die These berechtigt, daß das Geld bei einer Geldreform seine Aufgaben als Ordnungsmittel um so eher und besser erfüllen kann, je. größer der Warenvorrat ist. Aus diesen Erwägungen wurden in Rußland vor der Geldreform bewußt Waren gehortet, während anderseits sich In Österreich der erste Schnitt als unzureichend erwies, weil nicht genügend Waren auf den Markt kamen. In Deutschland wird nicht wie in Rußland oder wie bei der Schaffung der Rentenmark im Jahre 1923 der Warenverkehr freigegeben werden können, vielmehr werden bei einer gewissen Aufspaltung der Märkte für wichtige Erzeugnisse Bezugscheine notwendig sein, auch ist zu befürchten, daß der Sektor der Kompensationswirtschaft seine erhebliche Bedeutung zunächst behalten wird. Trotzdem sind gewisse Möglichkeiten einer neuen Gleichgewichtslage gegeben, wenn einerseits genügend. Waren vorhanden sind und anderseits der Schnitt bei der Geldreform radikal ist und darüber, hinaus durch eine zielbewußte Geld-, Kredit- und Steuerpolitik die Besitzenden zum Verkauf der gehorteten Waren gezwungen werden.

Eine auf Enthortung eingestellte monetäre Politik, besonders nach der Geldreform, wäre volkswirtschaftlich, politisch und auch sozial sinnvoller als ein Enthortungsgesetz mit einem umfassenden Kontrollapparat und neuen literarischen Musterschöpfungen an Fragebogen. Zwar denkt die SPD bei ihrem Enthortungsgesetz vorwiegend an Verbrauchsgüter, aber vorgesehen ist eine Bestandsaufnahme von allen Fertigwaren, Roh-, Betriebeblind sonstigen Hilfsstoffen in allen Betrieben der Industrie, des Handwerks und des Handels sowie eine monatliche bzw. dreimonatliche Meldepflicht. Sehr viel Geschick wird dazu gehören, die Fragen so zu formulieren, daß keiner durchschlüpfen kann, ein Heer von Beamten wird notwendig sein Und viel Zeit wird verstreichen, bis überhaupt die Vorbereitungen abgeschlossen sind. Diese und andere Momente lassen befürchten, daß sich auch dieses Gesetz trotz, seiner Strafandrohungen bis zu fünf Jahren Gefängnis und einer Million Reichsmark Geldstrafe ebenso wie das Speisekammergesetz und wie so viele andere Gesetze zur Erfassung von Waren als ein Fetzen Papier erweisen wird. Das aber würde die Autorität des neu entstehenden deutschen Verwaltungsrates bedenklich schwächen.

W. G.