Von Tami Oelfken

Der Anemonenwald, in dem ich am frühen Ostermorgen an Gretes Hand spazierenging, der ist noch da. In ihm blühen auch heute die Anemonen, die Veilchen und die Leberblümchen auf dem heimatlichen Geestrand.

Vater ging mit uns drei Großen in den Wald. Wir hatten frisch gewaschene Osterkleider an, die Säume ausgelassen; wir waren gewachsen; und Mutter: hatte uns weiße neue Schürzen genäht; Else und ich Hänger mit kleinen Spitzeneinsätzen an der Passe, und Grete hatte weiße-Träger mit zwei Seidenschleifen auf den Schultern: Sie sah ganz so aus, als wäre es ihr gegeben, mit diesen zwei rosa Flügeln in den hellblauen Himmel zu fliegen.

Die hohen Buchenstämme sind nie wieder so seidig und so saftvoll gewesen wie am Ostermorgen. Der Specht hämmerte und Else brabbelte mit dem Vater. Grete und ich, Hand in Hand; gingen langsamer und langsamer. Der Vater mit dem vergnügten Schnatterentchen an der Hand wurde kleiner und kleiner. Ein Blick in Gretes Augen, und wir bogen links in das Unterholz ab, wo unsere Schritte im Laube raschelten. Aber sonst – welche Stille! Welche Frömmigkeit! Die Vögel, sangen, ein Igel wühlte sich unter einer dicken Eiche aus dem Laub, er begann seine diesjährige irdische Wanderschaft. Wir standen still. Wir lauschten in den Wald, in dem wir zu Hause waren, ganz geborgen in der Andacht unsrer gesegneten Kindheit.

Die Anemonen, kaum dem braunen vorjährigen Laufe das noch fußhoch den Waldboden zudeckte, entwachsen, hielten, ihre Köpfchen gesenkt. Der Hals war gebogen wie der eines Schwanes. Erst mittags, sobald die wärmende, Sonne durch die seidenen Vorhänge der Buchenhüllen schimmern würde, würden sie den Kopf aufheben und sie würden das Sternenrund ihrer Gesichter nach oben wenden. "Wollen wir pflücken?" fragt Grete und läßt meine Hand los.

"Pflücken? Das willst du tun?" frage ich entrüstet. Ich war ein gerechtes Kind und habe immer dem lieben Gott gern geholfen bei seinem schwierigen Werk.

Wir reden hin und her, dann schweigen wir vor einem nicht lösbaren Problem und starren nachdenklich in den Himmel, an dem so gelassen die dicken Watteballen der Frühlingswolken von Westen nach Osten ziehn. Ich überschaue den Waldboden. Es sind sehr viele Anemonen – für die ganze Welt wird die Fülle ausreichen, und jedes Jahr wachsen sie neu. "Gut."