Zur Entstehung der modernen Malerei, in Norddeutschland

Die große Leistung Paula Modersohns vor der Geschichte ist, daß sie aus der Sensibilität ihres eigenen Herzens den bildnerischen Geist der Moderne von sich aus gefunden hat, ohne andere, über das Beiläufige hinausgehende Hilfe. Sie war in ihrer ganzen Menschlichkeit so offen für alle Freuden und alle Wunden der Welt, daß sich ihr wie von selbst die Aufgabe ergab, der in der Antwort des eigenen Gefühls erst erlebbaren Feierlichkeit und Hoheit der Welt den bildnerischen Ausdruck zu leihen. Das war der Auftrag des neuen Jahrhunderts in der Kunst. Paula fand ihn, weil sie die .Tiefe der Welt und die Glorie des Lebens so sehr liebte. Für ihre Liebe wollte sie die Zeichen finden; nicht für ihre Leidenschaft, sondern für die stille Macht ihrer Liebe. Weil ihre Liebe in so feierlicher Stille um den Kern der Dinge liegt, deshalb auch ist ihre Kunst so fern von den beweglichen Bildern der Leidenschaft.

Paula Modersohns Werk entwickelt und vollendet, sich in den wenigen Jahren von 1901 bis 1907 von ihrem 25. bis zu ihrem 31. Lebensjahr. Sie stirbt 1907. Sie ist also der erste Mensch Norddeutschlands, der sich plötzlich dem Geist der modernen Kunst gegenüber findet. Erst 1906 hat sich der 39jährige Nolde aus dem für die kühnen Ideen der neuen Franzosen sehr offenen Hagener Kreis um Osthaus seine Kühnheit geholt und begann den französischen Impressionismus nordisch ekstatisch zu machen. Und der damals schon 56jährige Rohlfs begann gerade in der Verhüllung des Neo-Impressionismus den schwebenden Lyrismus der reinen Sichtbarkeit zu begreifen. Es ist also dieses Mädchen, dieses halbe Kind, das in den Geist der Moderne wie in ein Wunder hineinwächst.

Das Problem war angelegt in ihrer Umwelt, die Lösung fand ihr Genie. Sie kommt 1899 nach Worpswede und heiratet im nächsten Jahr Otto Modersohn. Worpswede: das war eine Schule der Landschaft und der Menschen in der Landschaft, Mehr sogar! Die Worpswedes Malerschule besaß eine, tiefe Ergriffenheit vor der Landschaft; eine tiefe Empfindung für den in der Natur atmenden Lyrismus, der Mensch und Ding im Kunstwerk kommunizieren läßt. Natürlich war dieser Lyrismus in der Geschichte der neueren Malerei angelegt, insofern waren die Worpsweder nur im Ausmaß, nicht in der Art ihres Sehens originell. Es hatte mit den englischen Landschaftern um Constable und Bonington begonnen, mit der Schule von Baibizon, mit Millet und Rousseau, und war gegen Ende des Jahrhunderts sehr im Blickpunkt des europäischen bildnerischen Denkens: – da gab es die schottische Malerschule von Cockburnspath; die 1890 in München ausstellte, und die bretonische Malerschule mit Cottet und Simon, die Paula sehr bewunderte. Dieser weit aus der Geschichte herkommende Lyrismus der Worpsweder ist auch der tragende Grund in Paulas Denken. Wie dünn die Epidermis des um seine Ausdrucksfreiheit ringenden Gefühls in dieser Zeit schon geworden war, begreift man, wem man Rilkes 1902 geschriebenes Buch über Worpswede liest. Es ist das die Zeit, in der man in Paulas norddeutscher Umwelt Jacobsen liest, den jungen Hamsun und Björnson. Zudem blieb Paula geistig immer im Strahlungskreis so empfindsamer Menschen wie Rilke und Carl Hauptmann. Ihrer Liebe und ihrem Auftrag war also ein durch die Geschichte getränkter und in ihrer Gegenwart lebendiger Boden bereitet.

Paula Modersohn ist viermal in Paris gewesen; Sie hat dort mehr geahnt als gesehen: Rodin. Matisse, Gauguin. Cézanne. Und im Louvre gab es die frühe Antike und die Gotik, "die große Einfachheit der Form". Darauf kam es ihr jetzt in der gewonnenen – Freiheit der Mittel an: mit der Kraft und der Freiheit ihres Gefühls den Dingen ihr Beiwerk zu nehmen, eben um ihre Liebe um den Kern. der Dinge legen zu können. Dinge in der Liebe groß sehen, "nicht so an die Natur denken", an ihre Zufälligkeit, den in ihr verborgenen menschlichen Wert erkennen, und diesen: und die Dipge selbst so einfach und groß darstellen, als "müßte man sie mit Runenschrift schreiben". Mit Runenschrift? Das heißt, man muß durch den Liebesakt des ergriffenen Gefühls aus der lieblosen Gleichgültigkeit des Sichtbaren die dauernde Welt der in der Kunst sichtbar werdenden Zeichen gewinnen, kurz, man muß sein Herz in die Dinge legen und die letzte, lauterste, einfachste Formel der Ergriffenheit des Herzens mitmalen. So ist die ergreifende, stille Hoheit der Menschlichkeit dieser jungen Frau in die Form ihrer Menschenbilder eingetreten und hat das eigene bildnerische Gleichnis in den Selbstporträts gefunden, diesen Porträts mit den Stigmata der großen, liebevollen Augen.

Die Kritiker und Kenner fühlen,sich oft gestört durch das Mühsame, in gewisser Weise Dilettantische ihrer Bilder. Das besagt aber doch so wenig! Das besagt doch nur, daß ihr Talent nicht oder noch nicht auf dem Niveau ihres Genies war. Das aber kann man manchmal sogar von Beethoven sagen. Werner Haftmann.